Ein Drittes Vatikanisches Konzil muss einberufen werden. Das große Thema für die
Tagesordnung lautet: Wie soll das Verhältnis der Kirche zur Welt im 21. Jahrhundert aussehen?
„Entweltlichen“ müsse sich die Kirche, ist bisher der Wortbeitrag von Papst Benedikt XVI. in dieser Debatte. Er hat diesen Begriff verwendet, als er im September 2011 das letzte Mal in Deutschland war. Die Katholiken hierzulande suchen seither nach möglichen Interpretationen der Aussage des Pontifex. Hat sich der Papst etwa für das Ende einer staatlich eingezogenen Kirchensteuer in seiner Heimat stark gemacht?
Übernommen hat der Papst den Begriff der „Entweltlichung“ von einem katholischen Theologen: Joseph Ratzinger, der in seinen jungen Jahren selbst Teilnehmer des letzten, des Zweiten
Vatikanum gewesen war.
Ohne Tand und historisches Gerümpel
Als diese Kirchenversammlung vor genau 50 Jahren begonnen hatte, waren die Gazetten voll mit Schlagzeilen, die das Wort „Aufbruch“ beinhalteten. Die Kirche wollte mit diesem Konzil den Anschluss an die moderne Welt finden. Einen Anschluss, den sie seit dem Beginn der politischen und technologischen Revolutionen der Moderne, der Französischen Revolution 1789 und der Patentierung der Dampfmaschine 1769, rigide verweigert hatte. Der junge Joseph aus Bayern träumte damals von einer anderen Kirche, von mehr Beteiligung der Gläubigen, von einer Liturgie ohne Tand und historischem Gerümpel.
Heute ist aus dem jungen, visionären Theologen von damals der oberste Bischof der lateinischen Christenheit geworden. Als Nachfolger des Apostels Petrus und Statthalter Jesu Christi wären ihm viele Reformen in seiner Kirche mit einem Federstreich möglich. Platon, den der junge Joseph genauso verehrte wie heute der greise Benedikt, sähe die Erfüllung seiner utopischen Lehre: Er träumte in seinen Schriften davon, dass ein Gemeinwesen von einem Philosophen auf dem Königsthron regiert werde müsse. Nicht weniger ist der heutige Papst. Er gilt auch außerhalb seiner Kirche als einer der größten Intellektuellen unserer Zeit. Aus dem einfachen Stuhl, den der Fischer Petrus in seiner Hütte hatte, ist im Laufe von zwei Jahrtausenden ein Heiliger Stuhl geworden.
Wozu brauche ich Gott und Ewigkeit?
Wird der Papst seine Gelegenheit nutzen und ein Konzil einberufen? Seit dem Ende des Zweiten Vatikanums ist die Welt in die Globalisierung aufgebrochen. Die Bevölkerungsexplosion stellt die Ressourcen des Planeten vor genauso himmelhohe Herausforderungen wie der vom Menschen gemachte Klimawandel. Die künstliche Befruchtung wurde serienreif, das Klonschaf Dolly hat die katholische Kirche in Aufruhr versetzt. Aus diesen technologischen Komponenten erwachsen Anfragen an den Glauben als solchen: Wenn jeder zweite Mensch, der heute in Europa geboren wird, eine realistische Chance hat, 100 Jahre alt zu werden, wie viel Vision kann er dann noch für einen Himmel aufwenden? Dieser Mensch wird sagen: „Mein
Leben ist lang genug, um alle Visionen und Möglichkeiten, die ich habe, zu verwirklichen. Wozu brauche ich Gott und Ewigkeit?“
All dem muss sich die Kirche dringend stellen. Sie hat vor 50 Jahren versucht, die vorangegangen zwei Jahrhunderte aufzuholen. Das ist noch einmal gut gegangen und hat ihr Zeit gebracht. Nun aber ist der kairos, der rechte Augenblick, für einen grundlegenden Wandel. Wenn die katholische Kirche sich dazu jetzt nicht entschließen kann, wird es ein Viertes Vatikanum nicht mehr geben.