Für die Menschen ist nicht die Oase das Problem, sondern die Wüste drumherum. Guido Westerwelle

Hintergrund

Leere Tempel, volle Sammlungen

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Abertausende Kunst- und Kulturschätze sind in den vergangenen Jahrhunderten in die Archive und Ausstellungen europäischer Museen gewandert. Auch die Nofretete ist inzwischen in Berlin zuhause. Jetzt mehren sich die Rufe nach einer Rückführung. Kulturgeschichte wird zum traurigen Politikum.

Hintergrund

Ob Nofretete, die Federkrone des Montezumas oder die Elgin Marbles – das sind vermutlich die drei prominentesten Beispiele, wenn es um die Debatte bezüglich der Rückgabe von Kulturgütern geht. Doch die Debatte reicht über diese Fallbeispiele hinaus und betrifft viele Museen Westeuropas.

In ihnen findet man Kulturgüter von zum Teil unschätzbarem Wert, die zumeist außereuropäischer Herkunft sind. Hier spielt natürlich die koloniale Vergangenheit europäischer Staaten wie England oder Frankreich eine große Rolle. Im Zuge der Eroberung sind viele Kunstschätze unter fragwürdigen Umständen in unsere Museen gelangt. Dies führt zu dem paradoxen Zustand, dass man in den Museen der Herkunftsländer oftmals weniger Ausstellungsstücke vorfindet als beispielsweise in den großen ethnologischen Sammlungen hier in Europa. In diesem Zusammenhang muss die Frage nach der kulturellen Verantwortung gestellt werden. Wie soll sich ein Land eine kulturelle Identität bilden, wenn es kaum über Zeugnisse eben jener Kultur verfügt? Ergibt sich daraus eine Verpflichtung zur Rückgabe, selbst wenn die Kulturgüter in der Vergangenheit legal erworben wurden? Und zugespitzt in die andere Richtung gefragt: Wenn die Museen alle fraglichen Güter zurückgeben würden, wären sie dann leer? Und ist nicht z. B. die Nofretete inzwischen ein fester Bestandteil der Berliner Kultur?

Nun ist es keineswegs so, dass es keine internationalen Abkommen in diesem Bereich gäbe. Bereits 1970 verabschiedeten die Mitgliedsländer der UNESCO das “Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut”. Die EU ihrerseits brachte 1993 die “Richtlinie über die Rückgabe von unrechtmäßig aus dem Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats verbrachten Kulturgütern” auf den Weg. Allerdings bezieht die Definition von Kulturgütern in dem UNESCO-Übereinkommen explizit auch jene Objekte mit ein, die durch archäologische, ethnologische oder naturwissenschaftliche Expeditionen mit Zustimmung der jeweiligen Autoritäten eines Landes in ein anderes gelangt sind. Demnach gibt es kaum eine gesetzliche Handhabe.

Also bleibt allen Beteiligten nur der langwierige Prozess des Dialogs. Hier sind allerdings durchaus Erfolge vorzuweisen. So gab das Genfer Musée Barbier-Mueller im Mai 2010 eine Maske des Makonde-Stamms an Tansania zurück. Diese war 1984 aus einem Museum in Dar Es Salam gestohlen, von den Schweizern aber legal erworben worden. Auch Italien und das Metropolitan Museum in New York einigten sich im Jahr 2006 auf die Rückgabe des Euphronios Craters.

Für alle anderen heißt es, eine möglichst große Öffentlichkeit für ihr Anliegen zu schaffen. So gibt es eine Gesellschaft, die sich für die Elgin Marbles einsetzt und inzwischen über Niederlassungen/Verbände in 17 Ländern verfügt. Vermutlich gibt es aber noch eine Vielzahl weiterer Fälle, die entweder keine prominenten Unterstützer haben oder deren Länder im internationalen Vergleich weniger wichtig sind und über die wir schlichtweg nichts wissen.

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Rückgabe von Kulturgütern

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Der schmale Grat

Wenn es um die Rückgabe von Kulturschätzen geht, etwa den berühmten Parthenonskulpturen, muss differenziert werden. Zur Unterscheidung zwischen dem bloßen Wunsch nach Förderung des Tourismus und der Rückgabe einfach geklauter Kunst braucht es Augenmaß.

Hüter der Kulturgeschichte

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Geteiltes Erbe, gemeinsame Verantwortung

Museen sind Hüter von Kulturgeschichte, sowohl der eigenen als auch der anderer Völker. Der Streit um die Rückgabe von Kunstgütern darf daher nicht in gegenseitige Beschuldigungen ausarten. Es geht um nicht geringeres als die Bewahrung unserer Zivilisation.

 
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