Wohl selten hat ein Luftschloss für so viel Aufregung gesorgt wie das ehemalige (und eventuell zukünftige) Berliner Stadtschloss. Viele Architekten hatten Hand angelegt an Preußens Machtzentrale – 1443 war der Grundstein vom Kurfürsten Friedrich II., auch “Eisenzahn” genannt, gelegt worden. In den folgenden Jahrhunderten war das Gebäude immer wieder erweitert worden und hatte zuletzt dem deutschen Kaiser als Residenz gedient.
Seit die Novemberrevolution es 1918 überflüssig gemacht hatte, fungierte das Schloss als Ausstellungsort. 1950 wurde es, durch den Zweiten Weltkrieg bereits stark beschädigt, auf Geheiß des damaligen Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED, Walter Ulbricht, als Symbol einer überkommenen Staatsform feierlich gesprengt.
Aus ähnlichen Gründen, aber nicht ganz so feierlich, wurde der Palast der Republik, den die DDR sich an dem Ort, an dem das Schloss gestanden hatte, als zentralen Machtort errichtet hatte, 2006–2008 abgetragen – um Platz zu schaffen für ein neues altes Stadtschloss, dessen Wiederaufbau die Bundesregierung 2007 nach Jahren des Hin und Her beschloss.
Die Debatte um Sinn oder Unsinn des Schloss-Projekts hörte damit noch lange nicht auf: Während die Befürworter die identitätsstiftende Funktion und die Lückenschließung im historischen Stadtbild betonen, weisen die Gegner auf die hohen Kosten hin – und darauf, dass der Wiederaufbau eines historischen Gebäudes eine Absage an die Architektur der Gegenwart bedeute.
Öl ins Feuer der Debatte goss kürzlich ein Gerichtsspruch, der Fehler im Ausschreibungsverfahren feststellte. Mit dem Wiederaufbau der Schlossfassade und der Konzipierung eines “Humboldt-Forums” für Wissenschaft und Kunst, mit dem das Schloss gefüllt werden soll, war der italienische Architekt Franco Stella beauftragt worden. Die neue Bundesregierung bekundete, nichtsdestotrotz an Stellas Entwurf festhalten zu wollen.
Derweil wächst Gras über die Baustelle – auf der Wiese, auf die das Schloss gebaut werden soll, treffen sich Berliner und Touristen, um sich den Sonnenuntergang über bzw. Unter den Linden zu Gemüte zu führen. Und auch für die Kunstvermittlung ist gesorgt: In einer privat finanzierten temporären Kunsthalle auf dem Schlossplatz, die Ende 2008 ihre Tore öffnete, wird Zeitgenössisches ausgestellt, voraussichtlich bis zum Herbst 2010, denn dann soll Baubeginn sein in Sachen Stadtschloss. 2016 soll Stellas Entwurf dann bis zum Letzten realisiert sein – wenn nichts dazwischenkommt.