Was ist nur mit den Männern los? Als „entehrtes Geschlecht“ sieht Autor Ralf Bönt sie und hat deshalb „ein notwendiges Manifest für den Mann“ verfasst. Schuld daran ist, na klar, der Feminismus, denn der hat den Frauen die Gleichberechtigung gebracht – und dabei die Männer außen vor gelassen. Die stürzen jetzt von einer Identitätskrise in die nächste. Dabei heißt es doch in Art. 3, Abs. 2 des Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Soviel zur Theorie.
Doch wie lassen sich solche Ungleichheiten konkret beseitigen? Mit dem passenden Instrument, so zumindest die Idee. Vor 15 Jahren setzte der Vertrag von Amsterdam Gender Mainstreaming auf die europäische Agenda und machte es zum Ziel europäischer Gleichstellungspolitik. Gender Mainstreaming bezeichnet das Ziel, die Gleichstellung von Männern und Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen.
Das Besondere an dem Konzept ist, dass es sich eben nicht nur auf Frauen als die zu Fördernden konzentriert, was eine Abkehr von der traditionellen Frauenpolitik bedeutet. Stattdessen sollen sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen einbezogen und bei Bedarf gefördert werden. Der Begriff „Gender“ steht ebenfalls für ein Neudenken der Geschlechterbeziehungen: Er bezeichnet das soziologische Geschlecht, in Abgrenzung zum biologischen. Vieles von dem, was uns als Mann oder Frau ausmacht, so sehen es die Gender Studies, ist anerzogen und keinesfalls durch die Biologie vorgegeben. Das eröffnet neue Perspektiven, die Geschlechterrollen sind durch diese Sichtweise nicht mehr so statisch wie früher.
Die Idee an sich ist also gut, bei der Umsetzung hapert es aber oft. Immer lauter werden die Stimmen (sowohl von Männern als auch von Frauen), die in der Gleichstellungspolitik der letzten Jahre und somit auch im Konzept des Gender Mainstreaming eine reine Frauenförderungsmaßnahme sehen. Männer, so das Argument, seien auch in vielerlei Hinsicht benachteiligt: Sie würden, ebenso wie Frauen, Opfer von starren geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen und in bestimmte Verhaltensweisen hineingedrängt. Entweder Macho oder Schmerzensmann, so sieht es aus. Die „Zeit“ inspirierte das zu der Überschrift: „Der Penis ist keine Waffe.“
Zunehmend beklagen Männer: Nicht nur die Frauen, auch wir haben zu wenig Wahlfreiheit. Misstöne im Chor der (berechtigten) Kritik stammen immer öfter von sogenannten Maskulinisten, die die Diskussion als Plattform für ihre eigenen, frauenfeindlichen Argumente missbrauchen. Frauen haben in der maskulinistischen Weltsicht nichts zu sagen, sind die männlichen Eigenschaften doch von Natur aus den weiblichen überlegen.
Was ist also in Sachen Gleichstellungspolitik schief gelaufen? Sind Männer jetzt tatsächlich die Benachteiligten und Opfer einer zu weit getriebenen und zu gut gemeinten Frauenförderung? Die Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Kristina Schröder, hat sich immerhin die Jungen- und Männerförderung auf die Fahne geschrieben. Auf der Seite des Bundesfamilienministeriums heißt es dazu:
„Das Bundesfamilienministerium unterstützt Männer dabei, ihre Rolle abseits von Rollenklischees selbst zu definieren. Das Projekt ‚Mehr Männer in Kitas‘ ermutigt Männer dazu, einen Erzieherberuf zu wählen. Weitere Berufe, für die sich Jungen und Männer bisher kaum entscheiden, werden am Boys’ Day vorgestellt, der parallel zum Mädchen-Zukunftstag Girls’ Day stattfindet und vom Bundesfamilienministerium gefördert wird.“
Zusätzlich wurden ein „Beirat Jungenpolitik“ sowie der Interessenverband „Bundesforum Männer“ gegründet.
Unumstritten ist diese Schwerpunktsetzung der Ministerin nicht, verschleiert sie doch nach Meinung vieler den Umstand, dass immer noch Frauen die Benachteiligten sind: Auch 2011 verdienten deutsche Arbeitnehmerinnen wie in den Jahren zuvor bei gleicher Qualifikation 23% weniger als ihre männlichen Kollegen. Gender Mainstreaming scheint sich also doch wieder in Männer- und Frauenpolitik zu teilen – der Gleichberechtigung selbst scheinen wir dadurch keinen Schritt näher zu kommen. Wie könnte also eine moderne Gleichstellungspolitik aussehen, die sowohl Männern als auch Frauen gerecht wird?