Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Außer Rand und Hand

Der Markt wird alles richten? Von wegen! Dass das nicht stimmt, wissen selbst die Ameisen. Eine evolutionsbiologische Deutung.

Das Gemeinwohl haben wir selten im Sinn. Schon der Ökonom Adam Smith wusste, dass es uns meistens um das eigene Interesse geht. Trotzdem funktionieren die komplexen Systeme von Wirtschaft und Gesellschaft oftmals ohne Interventionen der Politik. Laut Smith ist dafür die „unsichtbare Hand“ verantwortlich: Indem wir ­unseren Eigeninteressen nachgehen, fördern wir ungewollt Ziele, die auf die Gemeinschaft einzahlen. Smiths Idee basiert auf zwei zentralen Thesen. Erstens: Die Wirtschaft ist ein sich selbst regulierendes System. Zweitens: Es ist nicht notwendig, dass der Einzelne das Gemeinwohl explizit im Sinn hat.

Dieses Phänomen lässt sich nicht nur für unsere Gesellschaft untersuchen, sondern für jedes durch die Evolution hervorgebrachte komplexe System. Ein Blick in die Tierwelt kann uns dabei helfen, die Idee der „unsichtbaren Hand“ neu zu definieren. Gemeinsam mit dem Ökonomen John Gowdy will ich dieses Projekt angehen.

Lassen Sie uns mit einer simplen Feststellung beginnen: Damit eine Gesellschaft gut funktioniert, müssen ihre Mitglieder normalerweise so handeln, dass ihr wichtigstes Ziel nicht bloß die Maximierung des eigenen Vorteils ist. Wenn evolutionäre Auslese in der Tierwelt nicht dem Überleben einer Gruppe insgesamt nutzt, mündet sie in der Sackgasse. Die Gruppe wird geschwächt und funktioniert nicht mehr als autarke Einheit. Trotzdem sind Ökonomen der Meinung, dass die Maximierung eigener Interessen eine Gesellschaft robuster macht und die erste These von Smith bestätigt. Aus der Biologie wissen wir aber: Meistens ist das Gegenteil der Fall.

Damit eine Gruppe von der Evolution profitieren kann, muss Auslese auf mehreren parallelen Ebenen vonstatten gehen. Was gut für mich ist, kann unter Umständen schädlich für meine Familie sein. Was meiner Familie hilft, kann dem Klan schaden. Was vorteilhaft für den Klan ist, kann die Nation schwächen. Und was der Nation hilft, kann das globale Dorf bedrohen. Veränderungen auf der untersten Ebene können also dazu führen, dass die übergeordneten gesellschaftlichen Ebenen geschwächt werden. Oder, anders ausgedrückt: Probleme auf höherer Ebene verlangen auch nach Anpassungen auf diesen Ebenen und nicht lediglich auf dem Level des Einzelnen.

Wenn diese mehrstufige Auslese eintritt, ist auch die erste These von Smith erfüllt: Die Gruppe reguliert sich selbst. Die „unsichtbare Hand“ fungiert also gewissermaßen als Filter, der aus der Summe aller möglichen evolutionären Entwicklungen diejenigen herausfiltert, welche langfristig zu autarken und stabilen Systemen führen. Das ist oftmals nur ein kleiner Bruchteil aller Möglichkeiten.

Lernen von der Evolution

Auslese auf Gruppenebene bedeutet aber nicht, dass jeder Einzelne das Gemeinwohl explizit als Ziel haben muss – darum geht es in Smiths zweiter These. Ein weiterer Vergleich aus der Biologie verdeutlicht dies: Ein Organismus ist nichts anderes als eine Ansammlung von Genen, die sich im Laufe der Evolution so gut arrangiert haben, dass sie als Ganzes funktionieren – und zwar so gut, dass wir sie nicht mehr als Einzelteile wahrnehmen, sondern als Einheit. Jedes einzelne Gen ist innerhalb dieses Systems lediglich für die eigenen Funktionen verantwortlich. Es reagiert lediglich auf lokale Reize, die es entweder an- oder abschalten – und zwar so, dass der Organismus davon profitiert. Obwohl kein Gen explizit über den Organismus „nachdenkt“, haben sich im Laufe der Evolution also Kombinationen durchgesetzt, deren Besonderheit nicht das Funktionieren einzelner Gene, sondern des Organismus insgesamt ist.

Die gleiche Dynamik lässt sich auch in vielen komplexen Systemen beobachten. Egal ob Ameisenkolonien, Bienenstöcke, Wespennester oder Termitenkolonien: Alle haben eine dermaßen starke Gruppendynamik, dass wir sie als „Superorganismen“ bezeichnen.

Lassen Sie uns jetzt versuchen, aus diesen Beobachtungen einige Rückschlüsse auf menschliche Gesellschaften zu ziehen. Auch die Zivilisationsgeschichte ist bestimmt von der mehrstufigen Auslese. Zum einen haben sich im Laufe der Jahrtausende Eigenschaften herausgebildet, die dem Einzelnen einen Vorteil gegenüber anderen verschaffen. Zum anderen ist die Entwicklung einer Zivilisation aber auch davon abhängig, dass die Gruppe insgesamt gut funktioniert. Im Laufe der Evolution ist dieser zweite Aspekt immer wichtiger geworden. Die evolutionäre Abtrennung des Menschen von den Primaten ging einher mit Mechanismen, durch die gruppenschädigendes Verhalten unterdrückt werden konnte. Diese Proto-Gesellschaften kannten beispielsweise bereits die Anwendung von Strafen zur Kontrolle antisozialer Verhaltensweisen und Hierarchien auf Basis von Reputation und nicht als Ausdruck körperlicher Überlegenheit.

Eine weitere Folge der zivilisatorischen Evolution ist, dass wir heute nicht lediglich unsere Gene an die nächste Generation weitergeben, sondern einen wachsenden Schatz an Wissen und Informationen. Evolution hat also auch eine kulturelle Ebene, durch die unsere fortschrittlichen Zivilisationen erst möglich geworden sind (auch wenn dieser Prozess keinesfalls ohne Rückschritte verlaufen ist). Im Zusammenspiel mit genetisch bedingten und psychologischen Verhaltensmustern ist die Macht der Ideen eine treibende Kraft hinter gesellschaftlichen Entwicklungen.

Dabei ist es – ähnlich wie im Fall des oben zitierten Organismus – nicht notwendig, dass jeder Einzelne explizit das Gemeinwohl im Sinn haben muss. Doch wir können einen fundamentalen Unterschied zu Smith festhalten: Die Vorstellung, dass eine auf Eigeninteresse basierende Gesellschaft langfristig erfolgreich ist, lässt sich aus Sicht der Biologie nicht bestätigen – vor allem, wenn Eigeninteresse primär als die Maximierung von Reichtum definiert wird.

Die heutige Ökonomie ist ein Verrat an Smith

Hat Smith also unrecht? Nicht ganz. Wir sollten uns bewusst machen, dass die heutige Vorstellung von der „unsichtbaren Hand“ ein Zerrbild seiner Theorien ist. Selbst Smith war sich der Grenzen der „unsichtbaren Hand“ bewusst und benutzte den Begriff nur selten. Wir wären gut beraten, neben Smiths ökonomischem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“ sein erstes Buch nicht zu vergessen: In der 1759 erschienenen Abhandlung „Theorie der ethischen Gefühle“ liefert Smith eine deutlich umfassendere Beschreibung der Gesellschaft. Er argumentiert beispielsweise, dass starke soziale Institutionen und „moralische Werte“ notwendig sind, um Eigeninteressen in Schach zu halten. In Kombination mit den Einsichten der Evolutionsbiologie ergibt sich damit ein grundlegend anderes Bild der „unsichtbaren Hand“.

Die heutige Wirtschaftswissenschaft ist ein Verrat an der Bandbreite von Smiths Arbeit. Die Vorstellung, dass Wirtschaft ähnlich wie Physik
durch die Gesetze der Mathematik beschrieben werden kann, ist ein Trugschluss. Die Verlockung einer solchen vereinfachenden Sichtweise ist offensichtlich, aber komplexe Systeme lassen sich damit kaum treffend charakterisieren – und menschliche Gesellschaften schon gar nicht.

Ich habe keine Zweifel an der Intelligenz vieler Wirtschaftswissenschaftler. Doch wenn intelligente Menschen einmal falsch abbiegen, laufen sie unter Umständen sehr weit in die falsche Richtung. Die Evolutionsbiologie kann uns dabei helfen, komplexe Systeme besser zu verstehen und unser Bild von Wirtschaft und Gesellschaft zu überdenken. Ökonomen, Politiker und Politikberater sollten sich darauf einlassen – denn Mutter Natur ändert ihre Regeln sicherlich nicht.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Russell Roberts, Robert Kappel, Mary Kaldor.

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