Konsum reduzieren bis zur absoluten Abstinenz. Marlene Mortler

„Fotos sind wie ein guter alter Wein“

Seit dem Zweiten Weltkrieg fotografiert David Rubinger. Erst in Pariser Bars, dann Kriege und Staatsführer. Mit Louisa Löwenstein sprach er über die Bedeutung des Fotojournalismus und den Inhalt von Filmrolle 577.

The European: Sie kommen ursprünglich aus Wien und sind als Junge vor dem Holocaust nach Israel geflohen. Ihre Mutter haben Sie im Holocaust verloren. Dennoch ist Ihr Deutsch fließend und Sie sind oft zu Besuch hier. Hat Europa trotz allem noch etwas von Heimat für Sie?
Rubinger: Nicht gerade Heimat, Heimat ist ja nicht nur, wo man geboren wurde, sondern da, wo man, wie ich, Kinder, Enkel und Urenkel hat. Aber ich liebe Wien noch immer, fahre gerne hin, das muss in meinen Augen nichts mit dem Holocaust zu tun haben. Den Holocaust will, kann und darf ich nicht vergessen. Aber sicherlich will ich ihn nicht leben.

The European: Wie schätzen Sie den europäischen und vor allem deutschen Umgang mit dem schweren Erbe des Holocaust ein? Schafft es Deutschland, ihn nicht zu vergessen und gleichzeitig nicht zu leben?
Rubinger: Ich habe das Gefühl, die Last des Holocaust wird gerade in Deutschland mit viel Gewissen getragen. Es gab ja noch einige Mittäter, zum Beispiel im Osten. Ich kann nicht sagen, dass die ihre Vergangenheit besonders aufarbeiten. Deutschland tut es.

The European: Sie kennen zwei Seiten des Krieges. Als Fotograf und als Soldat. Zum einen haben Sie selbst in der jüdischen Brigade gedient, zum anderen später die israelische Armee als Fotograf begleitet. Welche Seite hat Ihre Einstellung zum Krieg am meisten geprägt?
Rubinger: Als Soldat war ich noch sehr jung. Wie 80 Prozent aller Soldaten war ich in der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg nicht in der Feuerlinie. Wenn ich zurückdenke, kann ich mich nur an einmal in den viereinhalb Jahren erinnern, dass irgendwie auf mich geschossen wurde. Ich kann diese Zeit als “vom König bezahlte Weltreise” ansehen. Der Befreiungskrieg Israels 1948 war also der einzige, in dem ich tatsächlich eine Waffe in den Händen hielt. Das war kurz, manchmal gefährlich, aber nicht formend für meinen Charakter. Als Fotograf acht andere Kriege mitzuerleben hat mich viel mehr gelehrt und geformt.

The European: War es für Sie manchmal schwer, Ihre Kamera weiter auf die Geschehnisse zu halten, obwohl Sie etwas unternehmen oder gar fliehen wollten?
Rubinger: Nein. Die Idiotie, mit der sich Journalisten in Gefahr geben, ist eine ansteckende Krankheit. Es hat sicher damit zu tun, dass Helden immer nur Helden aus Scham sind. Man schämt sich, nicht hinzulaufen. Auf die Frage, ob ich in einer Situation eher helfen oder fotografieren würde, kann ich nur sagen: Natürlich, wenn man ein Mensch ist (und manche Fotografen sind auch Menschen), hilft man. Aber ob es besser ist, Kriegselend zu fotografieren oder mit einem Gewehr ein Gegenüber zu erschießen? Ich fotografiere lieber!

“Ich bin den Dieben zutiefst dankbar”

The European: Erzählen Sie mir noch einmal die Geschichte Ihres bekanntesten Bildes, einer Fallschirmjägertruppe 1967 an der Klagemauer kurz nach deren Eroberung im Sechstagekrieg?
Rubinger: Ich war abends zuvor noch an der Südfront vor El Arish, als ich im Funk hörte, dass sich irgendetwas in Jerusalem entwickelte. Also sprang ich auf einen Helikopter, der bei uns landete, um Verwundete nach Be’er Sheva zu fliegen. Dort war mein Auto. Gegen sechs oder sieben Uhr früh erreichte ich Jerusalem, sah kurz nach meiner Familie und lief zur Altstadt. Die Klagemauer war kurz davor erobert worden. Es war sehr eng (die alten Häuser standen noch), also legte ich mich auf den Boden und schoss nach oben, um etwas von der Mauer in den Frame zu bekommen. Als die drei Fallschirmjäger vorbeigingen, schoss ich drei beinahe identische, Frames. Kurz nachher kam der Oberrabbiner der Armee mit Thora und Schofar und wurde jubelnd von den Schülern auf die Schultern genommen. Ich dachte, damit hätte ich das beste Bild des Tages. Als ich den Film zu Hause entwickelte und mit meiner Frau die Abzüge ansah – überzeugt das Foto mit dem Rabbi sei das großartigste – gefielen ihr die drei Frames mit den Soldaten am besten. “Was redest du, das sind doch nur drei, die da herumstehen …”, sagte ich. Wie immer hatte die Frau recht.

The European: Mit diesem Bild sind Sie weltweit berühmt geworden. Der israelische Staat hat es anschließend tausendfach weitergegeben. Sind Sie dankbar dafür oder hätten Sie die Rechte lieber selbst verwaltet?
Rubinger: Die Rechte habe ich nach Jahren in einem Gerichtsverfahren wiedererhalten. Einen von den drei Frames gab ich noch am selben Abend dem Militärsprecher. Ich hatte viel Sicherheit genossen, konnte mich frei bewegen, obwohl ich nicht für sie arbeitete. So wollte ich meinen Dank zeigen. Der Militärsprecher gab das Negativ dem Presseamt, und die druckten nun fleißig Abzüge. Associate Press nahm es als Titelbild eines Buchs, ein oder zwei “anständige” Kollegen sandten die Prints unter eigenem Namen an ihre Agenturen. Ich habe mich jahrelang geärgert. Aber heute muss ich gestehen, ich bin all diesen Dieben zutiefst dankbar.

The European: Zu welchem Ihrer Bilder haben Sie den persönlichsten Bezug?
Rubinger: Das ist schwer zu sagen. Es ist ungefähr so, wie Eltern zu fragen, welches Kind sie am meisten lieben. Eines ist aber sicher: Es ist nicht das oben erwähnte Bild an der Klagemauer! Ein Foto zeigt Anwar el Sadat und Menachem Begin in einem ganz intimen Gespräch, als ob Sadat Begin ins Ohr flüstert. Ich schätze dieses Bild aus zwei Gründen: Zum einen ist es ein klassisch gutes Schwarz-Weiß-Foto – nicht ein Millimeter im Frame ist überflüssig. Und zum anderen sieht man da zwei Männer nach vier blutigen Kriegen in einer sehr intimen Situation.

The European: Gibt es Bilder, die Sie heute mit 86 Jahren Lebenserfahrung in einem anderen Licht sehen, als Sie es damals taten?
Rubinger: Das glaube ich nicht. Fotos sind erst mal wie guter alter Wein. Sie werden besser. Ich habe meine Arbeit nie als Titelbild für die morgige Ausgabe eines Magazins gesehen. Jedes meiner Bilder, vielleicht sogar am ehesten die unwichtigsten, galt mir als zeitbedeutend. Deshalb war und bin ich auch ein versessener Archivar. Ich habe einen ganzen Film verloren – Nr. 577 – und kann nicht vergessen, dass er fehlt. Mein Fotoredakteur bei TIME schrieb mir einmal: “Sieh jedes Deiner Fotos als Skizze der Geschichte an.” Ich habe diesen Satz sehr ernst genommen.

The European: Die Grenze zwischen einem ernsthaften Fotografen und einem Paparazzo ist schmal. Gab es Momente, in denen Sie aufpassen mussten, dass die Grenze nicht verschwimmt?
Rubinger: Die Grenze liegt in einem Satz: Erlaubt ist alles, worauf das Publikum ein Recht hat, es zu sehen und zu wissen. Und das schließt nicht Frau Merkels Hintern mit ein.

The European: Das heißt, Sie haben Bilder in Ihrem Archiv, die die Öffentlichkeit lieber nicht sehen sollte?
Rubinger: Dass man hier und da Fotos macht, manchmal sogar unbewusst aufgenommen, die man eigentlich nicht drucken sollte, ist klar. Vor ca. einem Jahr habe ich in der Knesset eine Ministerin fotografiert, als sie sich gerade die Lippen schminkte. Ich drückte geradezu reflexartig den Abzug. Der Blick, den sie mir zuwarf, reichte, damit ich mich sofort entschuldigte.

The European: Apropos, was ist eigentlich auf Film Nr. 577?
Rubinger: Film Nr. 577 war am Flughafen in den 60er-Jahren aufgenommen und zeigte Immigranten aus Polen aus dem Flugzeug steigend.

The European: Sie haben einen Großteil der wichtigsten Staatsmänner Israels und anderer Länder fotografiert und kennengelernt. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?
Rubinger: Mit Sharon hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Einmal war ich in einer Sitzung, in der ziemlich heikle Fragen besprochen wurden, der einzige Fotograf oder Journalist. Einer seiner Berater zeigte plötzlich auf mich sagte “Ariel, wir können ja hier nicht offen reden.” Er meinte mich. Ariel sah mich an und sagte: “Ach, ich kenn den Rubinger, ich verlass mich auf ihn. Obwohl ich weiß, dass er mich nicht wählt.” Mit Rabin hatte ich es leicht. Er selbst war ein erfahrener und ausgezeichneter Amateurfotograf.

“Die Qualität der Fotos passt sich dem Internet an”

The European: Glauben Sie an einen visuellen Overload durch das Internet heutzutage? Werden wir so sehr mit Bildern schlechter Qualität überschüttet, dass wir professionelle und gute Fotografien nicht mehr zu schätzen wissen?
Rubinger: Ich fürchte, meine Antwort ist ja. Schauen Sie sich das Geschriebene an. Die Blogs, die Kommentare, das Niveau. Die Bilder passen sich an! Als ich meine Karriere begann, gab es LIFE, Paris Match, Saturday Evening Post, LOOK, Picture Post, Oggi und Hunderte von Blättern, die gute Fotografen brauchten. Was kann ein guter, junger Fotograf heute schon erwarten? AP oder Reuters ein Bild zu verkaufen?

The European: Glauben Sie, es liegt auch daran, dass es zumindest theoretisch technisch für jeden einfacher ist, gute Bilder zu machen?
Rubinger: Absolut nicht. Wenn nur das Mittel (also die Kamera) ausschlaggebend wäre, dann hätte es ja auch vor Hunderten Jahren viele Shakespeares geben müssen, an Gänsefedern mangelte es doch nicht! Die Frage ist nur, für wen können Fotografen heute noch arbeiten? Wer kann ihnen die Bedingungen geben, die LIFE mir gab? Oder die der Stern seinerzeit seinen Fotografen gab?

The European: Wo sehen Sie die Chancen, etwas an diesem Zustand der Presse zu ändern?
Rubinger: Ich bin Fotojournalist, kein Chefredakteur. Aber lassen Sie mich ein Beispiel geben: In Israel erscheint seit etwa einem Jahr ein Abendblatt. Diese Zeitung wird umsonst verteilt, Hunderttausende pro Tag, finanziert von einem amerikanischen Milliardär mit dem ganz verdeckten Ziel, Netanjahu zu unterstützen. Ein klassischer Fall einer Kooperation von Kapital und Politik. Erst wenn sich ein neuer Multimilliardär finden würde, der diese Summen aus purem Altruismus in eine gute Zeitschrift steckt, wäre das eine Antwort. Eine bessere habe ich leider nicht.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Sebastian Nerz: „Manche sehen es nicht als ihre Aufgabe, neutral zu berichten“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Israel, Journalismus, Oesterreich

Debatte

Berg-Karabach

Medium_37de252f05

Ein klarer Landraub, aber kein religiöser Krieg

Mit diesem Beitrag soll dargestellt werden, weswegen es sich bei dem bis heute andauernden Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um einen rein territorialen und keineswegs um einen religiöse... weiterlesen

Medium_7f8e5a8e56
von Lionel Zetter
09.12.2016

Debatte

Das falsche Versprechen an die Menschlichkeit

Medium_6fdcf38628

US-Politik: Barack Obamas Drohnenkrieg

Unter der Führung des Friedensnobelpreisträgers gab es so viele Drohnenangriffe wie nie zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Von US-Präsident Obama als moralisch und militärisch beste O... weiterlesen

Medium_043178a61c
von Viktoria Lindl
04.11.2016

Debatte

Immer mehr Menschen fliehen vor dem Krieg

Medium_40743ce9c3

Merkel, die getreue Vasallin der USA

Merkel steht für Aufrüstung, Waffenexporte, Unterstützung der Öl- und Gaskriege der USA und Konfrontation mit Russland. weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
21.10.2016
meistgelesen / meistkommentiert