Wir müssen so etwas wie eine Fehlerkultur entwickeln. Thomas de Maizière

„Ich mache mich nicht zum Gefangenen irgendeiner Theorie“

Der Leiter der Bregenzer Festspiele hat an vielen bedeutenden Opernhäusern Europas gearbeitet. Clemens Lukitsch sprach mit Intendant David Pountney über skandalöse Inszenierungen, den Irakkrieg und die Vorbildfunktion der Frau in der Oper.

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The European: Herr Pountney, Sie kennen sich aus in der deutschsprachigen Kulturlandschaft. Sie waren an all den wichtigen Orten wie Zürich, München und Wien und sind jetzt Leiter der Bregenzer Festspiele. Alle diese Orte nehmen für sich in Anspruch, einen sehr hohen Standard zu haben. Worin unterscheiden sie sich?
Pountney: Ich denke schon, dass es da gewisse Unterschiede gibt. In Österreich herrscht ein konservatives kulturelles Klima, was Musik und insbesondere Opern betrifft. Die Menschen in Zürich verfolgen eher einen pragmatischen Ansatz. Die Schweizer betrachten sich nicht als Besitzer einer besonderen Kultur, wie das etwa die Wiener tun. Wenn Sie als Regisseur nicht das tun, was die Wiener erwarten, ist das, als wenn Sie zu ihnen nach Hause gingen und auf ihren Kamin pinkelten. Das intellektuelle Klima in Deutschland ist auf eine aggressive Weise herausfordernd. Aber es ist nicht klar, ob das Publikum diese Ansicht voll und ganz unterstützt, denn diese Ansicht wird von der kulturellen Elite vertreten. Die Menschen wollen nicht beschuldigt werden, hinter dem Zeitgeist zurückzubleiben. Also folgen sie ihm.

The European: Was macht einen Skandal aus?
Pountney: In seiner “Iphegenie” in der Komischen Oper hat Calixto Bieito viele nackte Menschen auf die Bühne gebracht. Seine Idee war sicherlich intelligent, aber ich bin mir nicht sicher, ob seine Sänger mit dieser radikalen Interpretation mithalten können. Sie müssen alle Töne korrekt und perfekt treffen und sich gleichzeitig mit 20 nackten Männern befassen, die um sie herum springen. Das ist schon eine richtige Herausforderung! Ich betrachte das aber nicht als echten Skandal. An eine Skandalinszenierung denke ich eher, wenn ich mir die Mailänder Rheingold-Inszenierung in der Wiener Staatsoper anschaue. Die war sehr italienisch – also eher dekorativ –, und man hat dort für eine Wagner-Oper vergleichsweise viel getanzt. In meinen Augen war das ein richtiger Skandal. Für die Zuschauer war das natürlich überhaupt kein Skandal. Sie waren vielmehr erleichtert, den Abend ohne irgendeine intellektuelle Herausforderung zu überstehen. Sie sahen nur hübsche Bilder. Das ist der Unterschied.

“Musik hat keinerlei Bedeutung außerhalb von Musik”

The European: Sie meinen also, dass die konservativen Wiener Zuschauer – und vermutlich Opernfans im Allgemeinen – mitunter erleichtert sind, wenn sie nicht immer mit einer provokanten Einstellung konfrontiert werden? Vielleicht suchen die Menschen einfach nach einem fröhlichen Ort. Vielleicht soll eine Oper auch eine Geschichte erzählen, die man nur bis zu einem gewissen Punkt auf gesellschaftliche und politische Themen anwenden kann.
Pountney: Die größte Schwierigkeit hierbei liegt darin, dass man es mit Musik zu tun hat. Im Grunde hat Musik keinerlei Bedeutung außerhalb von Musik. Musik bedeutet Musik. Wenn man also diese Musik für eine bestimmte Idee benutzt, fühlen die Leute eine besondere Spannung, weil sie merken, dass diese abstrakte Welt der Musik plötzlich in einen zeitgenössischen und politischen Kontext gestellt wird. Und das kann sehr spannend sein, es sei denn, es passiert zu oft. Dann sind es die Leute überdrüssig und sie achten mehr darauf. Es gibt einen elementaren Widerspruch zwischen der abstrakten Welt der Musik und ihrer Verwendung, um aggressive politische Standpunkte deutlich zu machen.

The European: Also missbrauchen die modernen Regisseure die Musik für ihre eigenen Zwecke?
Pountney: Man muss eine Balance finden. Man kann eine Kunstform wie die Oper nicht nur dazu benutzen, der Mittelklasse zu versichern, dass alles in Ordnung ist und diese Art von Luxus und Unterhaltung irgendwie ihr gutes Recht ist. Dass sie sich dabei entspannen können, als ob sie in ihrem eigenen Wohnzimmer wären mit einem Gin-Tonic in der Hand, und sie Kultur genießen als eine Art beruhigende Erfahrung in einer problematischen Welt. Das ist genauso ein Missbrauch von Kultur, ein Missbrauch von Musik. Daher glaube ich, dass die Menschen teilweise rebellieren gegen eine beschwichtigende, behagliche Oper für ein älteres Mittelklassepublikum. Wenn man aber, auf der anderen Seite, einen allzu expliziten Weg der Interpretation wählt, schließt man eher Türen, als dass man sie öffnet. Manche Regisseure glauben, dass sie eine neue Tür öffnen, wenn sie eine sehr radikale Idee haben. Gleichzeitig geht aber eine Menge anderer Optionen verloren. Ein Teil der Bindung und Teilhabe des Publikums liegt in seiner Vorstellungskraft. Und jeder interpretiert auf seine eigene Art und Weise. Das ist Teil des Reichtums.

The European: Das ist ja eher ein bescheidender Ansatz für einen Regisseur, zu sagen: “Ich kann nur so viel tun, und der Rest hängt von der Vorstellungskraft des Publikums ab.“
Pountney: Ich bin nur besorgt wegen der Reichhaltigkeit der Veranstaltung. Daher ist ein Teil von mir geneigt, zu sagen: "Beschneide nicht die Möglichkeit des Publikums, auf das zu reagieren, was es sieht, indem du sagst, es muss so und so sein.“ Wenn Sie vor einem Bild stehen – angenommen, es gibt niemanden, der Ihnen sagt, was Sie da sehen –, wird nichts Ihre Betrachtung beeinflussen. Es gibt viele Dinge, die unsere Wahrnehmung im täglichen Leben beeinflussen. Das gehört zum Leben dazu. Aber in diesem einen Moment mischt sich niemand ein.

The European: Sie meinen also: sich aller Dinge zu entledigen, die einen ablenken? Sich jedweder Interpretation entledigen?
Pountney: Ich sage nicht, dass man das nicht tun sollte. Wir haben das Recht, uns ein Bild zu machen. Man muss ein Gleichgewicht finden. Es geht um Verhältnis und Gleichgewicht. Und Struktur. Wenn man das Gleichgewicht stört, fällt alles hinten über.

The European: Das klingt wie ein Plädoyer für Werktreue. Dieses Wort steht in der heutigen Theater- und Opernszene unter keinem guten Stern. Leute, die mehr Werktreue fordern, werden nicht selten als Psychopathen bezeichnet, wie beispielsweise Daniel Kehlmann.
Pountney: Ich verfolge da den pragmatischen angelsächsischen Ansatz. Ich mache mich nicht zum Gefangenen irgendeiner Theorie, so wie die Deutschen.

“Die Oper ist wie eine Massage für die Gedanken”

The European: Es liegt nahe, über aktuelle politische Themen nachzudenken, wenn man über eine Oper wie “Die Trojaner” spricht. Wir befinden uns in einer sehr komplexen und komplizierten politischen Situation: Finanzkrise, Terrorismus, Wikileaks. Welche Antworten kann man von einer Oper erwarten?
Pountney: Man geht nicht in die Oper, um eine Antwort zu bekommen. Da geht es um die Anregung des Geistes und darum, anzufangen über etwas nachzudenken. Das ist wie eine Massage für die Gedanken. Man sieht eine sehr alte Geschichte aus dem Herzen unserer Kultur. Das ist offensichtlich unglaublich relevant. Man könnte vielleicht "Die Trojaner“ nehmen und sie als Geschichte des Irakkriegs inszenieren. Dadurch würde man aber sofort hundert andere Türen verschließen. Nehmen Sie zum Beispiel Cassandra, die Tochter des Trojanerkönigs Priamos. Sie ist die Art von Frau, der wir Medikamente geben würden. Wir würden sie als hysterisch einstufen. Sie versucht verzweifelt zu warnen, aber niemand hört ihr zu in dieser militaristischen und wahnsinnigen Gesellschaft. Wir denken, dass wir so clever und kultiviert sind, und trotzdem wurden wir durch einen Haufen Lügen in den Irakkrieg verwickelt.

The European: Gab es im Jahr 2003 eine Cassandra, die uns vor dem Irakkrieg gewarnt hat?
Pountney: Da gab es viele. Ich erinnere mich an David Kelly, einen englischen Experten für biologische Kriegsführung. Seine Einschätzung der Gefahr, die von den irakischen Massenvernichtungswaffen ausging, unterschied sich von der der britischen Regierung. Er wurde in den Selbstmord getrieben. Er war eine Cassandra.

The European: Lassen Sie uns über die Inszenierung der “Trojaner” sprechen. Sie sind mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert wie einst der Komponist Hector Berlioz. Er hat das Stück zu Lebzeiten nie in voller Länge auf der Bühne gesehen. Auch heute noch schrecken Opernhäuser mit einem vergleichsweise großen Budget davor zurück, die Trojaner zu inszenieren, weil es so aufwendig ist. Sie haben einen sehr direkten Ansatz gewählt, die Interpretation ist sehr dicht am Quellenmaterial.
Pountney: Da das Stück unbekannt ist, war es nicht der richtige Zeitpunkt, zu intervenieren und meine eigenen Ansichten mit einzubringen. Die Geschichte selbst ist eine solch zentrale Geschichte in unserer Kultur. Ich möchte sie einfach nur erzählen und sehen, welche Wahrheiten die Menschen in ihr entdecken. Sie ist maßgeblich, auch wenn man sie nicht interpretiert.

The European: Sie haben bereits Cassandra erwähnt. Frauen scheinen die heimlichen Helden in der Geschichte von Berlioz zu sein.
Pountney: Berlioz war immer mehr von Frauen als von Männern fasziniert. In der Oper sind starke Frauen oft Monster. Schauen Sie sich Turandot, Lady Macbeth oder Brunhilde an. Auf der einen Seite stehen die Frauen in Berlioz’ "Die Trojaner“ für eine konstruktive, ideale Welt – ein unglaublich utopisches Bild. Auf der anderen Seite hat man diese barbarischen Männer, die alles zerstören.

The European: Könnten diese Frauen heute Vorbilder sein? Sie sind vielleicht zu verletzlich für die Ansprüche von Alice Schwarzer.
Pountney: Die Frauen in "Die Trojaner“ sind keine Objekte für die maskuline Gesellschaft. Sie sind emotionale Extremisten und in der heutigen emotional flexiblen Gesellschaft können sie sehr wohl als Vorbilder dienen.

The European: Was sind Ihre zukünftigen Projekte? Wenn wir schon über große Opern wie "Die Trojaner“ reden – was würden Sie dann dazu sagen, Wagners "Ring der Nibelungen“ für ein deutsches Publikum zu inszenieren?
Pountney: Der “Ring” wird immer eine spannende Sache sein. Er wurde in der Vergangenheit schon oft inszeniert, vor allem in Deutschland. Es ist sehr schwer, etwas grundlegend Neues zu finden. Dieses letzte Jahr war sehr wichtig für mich, weil wir uns in Bregenz auf Mieczysław Weinberg konzentriert haben. Er war eine ganz neue Entdeckung. Weinberg hat eine Unmenge an Musik geschrieben. Wir haben eine seiner Opern über Auschwitz aufgeführt: "Die Passagierin“. Das war ein unglaublicher Erfolg. Insgesamt haben wir bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen 23 Werke aufgeführt. Ich werde diesen Komponisten, den man nicht jeden Tag entdeckt, auch weiterhin fördern. Und nur Bregenz gibt einem die fantastische Möglichkeit, 23 Werke eines unbekannten Komponisten aufzuführen.

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