Es gibt keine wertefreie Politik Franz-Josef Overbeck

Pragmatisch, praktisch, gut

Einmal tief durchatmen. Es geht in dieser Debatte nicht um Ideologie. Guckt doch mal, wie wir Amerikaner das regeln. Selbst George W. Bush ist entspannt.

Das Jahr 2003 im Weißen Haus: Präsident George W. Bush hat ehemalige Kommilitonen geladen, es ist das 35. Jubiläum seines Abschlusses in Yale. Damals, im Jahr 1968, studierten nur Männer an dieser Universität. Doch einer seiner früheren Wegbegleiter kam als Frau. „Er“ hatte eine Geschlechtsumwandlung durchgeführt. Wie sollte „sie“ sich dem konservativen Präsidenten vorstellen?

Als Bush kam, sagte sie schließlich: „Sie haben mich wohl als Peter in ­Erinnerung …“ Ohne einen Augenblick zu zögern, entgegnete Bush: „Und jetzt kommen Sie als Sie selbst.“ Es mag überraschen, dass ein konservativer US-Präsident so selbstverständlich mit Transsexualität umgeht. Doch im Guten wie im Schlechten ist George W. Bush ein ­typischer Amerikaner.

Was interessieren mich Hetero die Rechte von Homos?

Wenn die USA eine philosophische Tradition haben, dann die Verbindung von Pragmatismus und Pluralismus. Wir Amerikaner hatten nie eine offizielle Kirche oder ein Königshaus, die uns eine einzige Ordnung aufdrücken konnten und sind deshalb in keiner orthodoxen Tradition gefangen. Wenn etwas Altes nicht länger funktioniert, lassen wir es bleiben und machen etwas Neues.

Die US-amerikanische Gesellschaft ist eine pluralistische Sammlung unterschiedlicher Gruppen, die im ­demokratischen System um die besseren Ideen streiten. Keine Gruppe kann ihren Wahrheitsanspruch auf die Tradition gründen. Selbst Konservative müssen beweisen, dass ihre Ideen heute einen praktischen Nutzen haben. Der Pluralismus kann ins Chaos führen, doch er ist auch der Schlüssel zur amerikanischen Dynamik.

Dieser amerikanische Ethos ­erklärt den erstaunlich schnellen Erfolg der Schwulen- und Lesbenbewegung in Amerika. Vor gerade mal 40 Jahren hatte die Hälfte der US-Staaten noch Gesetze, die Homosexuelle als Gefahr bezeichneten. Die „American Psychiatric Association“ führte Homosexualität als Geisteskrankheit. Arbeitgeber feuerten Angestellte, weil sie schwul oder lesbisch waren, in New York durften Barkeeper Homosexuellen keine Drinks ausschenken. Das war die Realität.

Ich bin ein heterosexueller Mann, der ein Buch über die amerikanische Schwulenbewegung geschrieben hat. Ich werde oft gefragt, warum. Was interessieren mich die Rechte Homosexueller? Die Antwort ist, dass der Rest der amerikanischen Gesellschaft sehr von ihrer Emanzipation profitiert hat!

Denn Diskriminierung beschwert sowohl die Unterdrücker als auch die Unterdrückten. Jene, die mit lauter Vorurteilen herumlaufen, ärgern sich ständig über andere Leute. Ihr Leben ist von Konflikten geprägt, egal ob auf der ­Arbeit oder in der Familie. Wird es dadurch ­angenehmer? Wohl kaum. Zum Glück hat die Schwulen- und Lesbenbewegung so viele von uns Heteros von der Bürde der Homophobie befreit.

Als patriotischer Amerikaner habe ich gesehen, wie gleiche Rechte es Millionen von Schwulen und Lesben erlaubten, mit ganzer Kraft zum Wohlstand der Nation beizutragen. Früher schloss die Armee ­beispielsweise schwule Soldaten aus. Wie absurd das war, wurde auf dem Höhepunkt der Kriege in Afghanistan und Irak deutlich. Die Militärführung wollte Hunderte Personen entlassen – darunter Elitesoldaten und Dolmetscher für das Arabische. Da kam der amerikanische Pragmatismus ins Rollen und wir schafften die diskriminierende Regelung kurzerhand ab.

Genauso lief es in der Debatte um das Adoptionsrecht. Der praktische Nutzen, für elternlose Kinder ein Zuhause zu finden, hat alle Vorurteile ausgestochen. Die Mehrheit erkannte, dass Kinder homosexueller Eltern zu wundervollen Erwachsenen heranwachsen. Die Minderheit, die das nicht einsehen wollte, hat im demokratischen Prozess verloren.

In der Diskussion um die Homo-Ehe bestand das zentrale Argument der Gegner darin zu sagen, dass die Institution Ehe aufgeweicht werde. Argumentiert wurde also mit einer praktischen Gefahr für die Zukunft. Doch als mehr und mehr Staaten die Homo-Ehe erlaubten, trat diese düstere Prognose nicht ein. Also kam ­wieder der amerikanische Pragmatismus zum Zug: Warum sollten wir Schwulen und Lesben nicht dabei helfen, stabile Familien aufzubauen? Innerhalb weniger Jahre kehrten sich die Verhältnisse in den Umfragen um und die Mehrheit der Amerikaner ­unterstützte die Homo-Ehe.

Schauen wir nach Europa, so zeigt sich ein Unterschied zwischen den eher protestantisch geprägten Ländern im Norden und dem katholischen Süden und Osten. Die protestantischen Länder haben mit den USA gleichgezogen oder sie sogar überholt. Doch auch in den ­katholischen Regionen setzt der Wandel ein. Papst Franziskus hat die Rhetorik der Kirche verändert. Das lässt Gutes für die ­Zukunft erahnen.

Eine freie Gesellschaft braucht unpopuläre Gruppen

In Russland dagegen drückt Wladimir Putin seine schwulenfeindliche Agenda durch, um sich mit der orthodoxen ­Kirche gut zu stellen. Dabei ist der ehemalige KGBler natürlich nicht von seinen religiösen Gefühlen getrieben. Vielmehr will er sich die Unterstützung des „gemeinen Volks“ sichern, indem er eine Minderheit diskriminiert. Diese Taktik haben wir in der ­Geschichte nur allzu oft beobachtet.

Putin sagt, die Schwulen- und Lesben­bewegung sei eine Bedrohung für die russische Gesellschaft. Die Wahrheit ist, dass sie eine Gefahr für sein totalitäres Regime darstellt. Denn die amerikanische Erfahrung lehrt uns, dass der ­Pluralismus der Tyrannei die höchste Hürde ist. Eine freie Gesellschaft braucht unpopuläre Gruppen, die ihre Ideen ­öffentlich aussprechen dürfen, Debatten entzünden und das System herausfordern. Genau das hat die Schwulen- und Lesbenbewegung in den USA erfolgreich getan und damit das Denken hunderter Millionen Menschen verändert.

Der Kampf für die Rechte Homo­sexueller hat in Russland deshalb eine ­Bedeutung für die gesamte Gesellschaft. Putin weiß das. Wenn Schwule und Lesben ­erfolgreich für ihre Rechte eintreten, ­beweisen sie, dass Putins Regime die ­öffentliche Debatte nicht kontrolliert. Schon ein kleiner Erfolg könnte so der Neubeginn einer Freiheitsbewegung sein. Einer, von der alle Russen profitieren könnten: ­Genauso, wie es in den USA der Fall war.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Groß, Klaus Kelle, Ansgar Dittmar.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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Mehr zum Thema: Homosexualitaet, Usa, George-w-bush

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