Die Iraker wollen Sicherheit mehr denn Freiheit. Henner Fürtig

Mehr Öffentlichkeit im Privaten

Die Art, wie unsere Gesellschaft Reichtum definiert, sagt einiges über sie aus. Gemeingüter, wie Wasser und Luft, gelten da schnell als unzulänglich genutzte Vermögenswerte. Doch es gibt Ressourcen, die man von Markt fernhalten muss – denn die externen Kosten privaten Reichtums trägt zuletzt die Allgemeinheit.

Das Nachdenken über Gemeingüter hilft uns, eine große Gruppe von Ressourcen zu identifizieren, an deren Kontrolle und Verwaltung die Bürgerinnen und Bürger bzw. Gemeinschaften ein politisches und ethisches Interesse haben. Gegenwärtig werden sehr viele Gemeingüter in Privateigentum verwandelt, damit sie auf dem Markt verkauft werden können. Dies ist eine der großen, von der Politik weitgehend ignorierten Ungerechtigkeiten unserer Zeit.

Marktideologen in Wirtschaft und Politik setzen alles daran – mal offen, mal unauffällig –, Ressourcen, die allen gemeinsam gehören, zu privatisieren. Dieser Prozess der privaten Aneignung von Gemeingütern wird als “enclosure of the commons” bezeichnet, also als “Einhegung der Allmende”. Der Neoliberalismus ist im Wesentlichen der Motor dieser Privatisierung. Die Ökonomien der Industrieländer betrachten Gemeinressourcen in der Regel als unzulänglich genutzte Vermögenswerte, als bloßen “Input” zur Erzielung von Unternehmensprofiten. Beschränkungen ihrer Nutzung, etwa soziale oder ökologische Auflagen, werden oft als der Wohlstandsmehrung hinderlich angesehen und gelten deshalb als suspekt. Gemäß der neoliberalen Weltsicht sind private Eigentumsrechte das wirksamste Mittel, um Reichtum hervorzubringen – und das allein wiederum gilt als Fortschritt.

Nicht jede Art von Reichtum hat einen Marktpreis

Aber nicht jede Art von Reichtum kann in Form eines Marktpreises ausgedrückt werden. Auch ökologische, soziale, demokratische und moralische Werte müssen endlich voll anerkannt und aktiv geschützt werden. Der theoretische Ansatz konventioneller Wirtschaftswissenschaft lässt dies kaum zu; der Commons-Ansatz hingegen ist hilfreich, da er die Möglichkeit bietet, bestimmte Formen von Reichtum zu benennen, die die klassisch-liberale und die neoliberale Ökonomie gern übersehen.

Die Befürworter des Marktes belegen gern alles – zum Beispiel Land, Nutzpflanzen, Musik, Kunst – mit einem Geldwert und versuchen dann, den durch den Preis bestimmten Tauschwert dieser Ressourcen zu maximieren. Luft und Wasser zum Beispiel werden als kostenlose und unbegrenzt vorhandene Ressourcen behandelt. Doch die Bewertung durch den Markt lässt meist die tatsächlichen Kosten der genutzten Ressourcen außer Betracht. Ebenso ignoriert sie die Kosten, die auf Umwelt, Arbeiter und Allgemeinheit verlagert werden, die sogenannten externen Effekte. Ein Markt kann höchst produktiv und effizient sein – und unberücksichtigt lassen, dass er die Gemeingüter zerstört, etwa durch Umweltverschmutzung, Kinderarbeit oder Industrieanlagen mit Sicherheitsrisiken.

Bestimmte Ressourcen müssen vom Mark ferngehalten werden

Die Gemeingüter helfen uns, ein umfassenderes Verständnis von “Reichtum” oder “Wohlstand” zu entwickeln, indem sie uns auf das Konzept der Unveräußerlichkeit verweisen. Bestimmte Ressourcen haben einen Wert, der sich nicht durch einen Preis erfassen lässt. Sie sollten daher vom Markt ferngehalten werden. Die Schönheit der Natur, die Heiligkeit bestimmter Orte, der ökologische Wert der Tier- und Pflanzenwelt, die ethischen Normen, die es gebieten, keine gesundheitsgefährdenden Produkte zu verkaufen, die sittlichen Werte und Traditionen, die eine Gemeinschaft definieren – all dies sind Reichtümer, die sich nicht mit einem Preisschild versehen lassen.

Der vorliegende Text wurde mit freundlicher Genehmigung dem Buch “Wem gehört die Welt?” (herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung) entnommen. Das vollständige Werk können Sie hier downloaden (PDF, 2,5MB).

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Dagny – 11.10.2010 - 09:54

    Der Autor illustriert Gemeingueter mit den Worten
    “Die Schönheit der Natur, die Heiligkeit bestimmter Orte, der ökologische Wert der Tier- und Pflanzenwelt, die ethischen Normen, die es gebieten, keine gesundheitsgefährdenden Produkte zu verkaufen, die sittlichen Werte und Traditionen, die eine Gemeinschaft definieren – all dies sind Reichtümer, die sich nicht mit einem Preisschild versehen lassen.”

    Das sind durchwegs kollektive Dinge: Religion, die (Volks-)Gemeinschaft mit Werten und Traditionen. Kollektive Werte, welche der Autor uber den Austausch von Beduefrnissen von Menschen – nichts anderes ist ‘der Markt’ – stellt.
    Die Schoenheit der Natur, Tier- und Pflanzenwelt wird ebenso ueber die Beduerfnisse, ueber die Wuensche von Menschen gestellt.
    Natuerlich haben all diese Dinge einen Wert – doch diesen Wert ueber dem Marktwert aus Angebot und Nachfrage (einer durchaus sehr umweltbewussten postindustriellen Gesellschaft) anzusiedel, oeffnet einer un-menschlichen Diktatur Tuer und Tor in der ‘Du bist nichts, das Oekosystem ist alles’ gilt.
    Von daher: Wehe den Anfaengen.

  • Theeuropean-placeholder
    Hanoi – 11.10.2010 - 10:49

    Herr Bollier lässt sich natürlich mit dem letzten Absatz recht einfach als Ökoromantiker titulieren. Aber mit einer Ökodiktatur hat die Be- bzw. Einpreisung der Nutzung bspw. in der Industrie von Gütern wie (zu einem bestimmten Grad sauberen, belebten und temperierten) Wasser oder Luft nichts zu tun.

    Externe Effekte könnte man ja auch als unzureichende Marktinformationen bezeichnen – somit sind Bestrebungen, die die Nutzung von Allmendegütern bepreisen und damit reglementieren eigentlich nur im Sinne des Marktliberalismus.

    Oder sehe ich da was falsch?

  • Theeuropean-placeholder
    KH – 11.10.2010 - 13:00

    …theoretisch stimmt das haargenau. Bur praktisch wird, wie im Artikel schon angesprochen, jede Reglementierung als Beschränkung der wirtschaftlichen Aktivität gesehen, da sie Kosten verursacht, deren Einpreisung dem Absatz als schädlich betrachtet wird und damit der individuellen Gewinnmaximierung. Nach mir die Sintflut sagt der Volksmund.

  • Theeuropean-placeholder
    Hanoi – 11.10.2010 - 13:06

    Na da muss unser lieber Staat und die EU eben ihr Primat nutzen und das Ding durchsetzen. Geschieht ja bisweilen sogar trotz der Lobby in Brüssel und Berlin.

  • Theeuropean-placeholder
    inti – 11.10.2010 - 14:02

    als volkswirt muss ich jetzt leider darauf verweisen, dass es eine breite literatur zum thema externe effekte gibt und gerade die bepreisung von externen effekten ja dazu führt, dass eben die kosten der nutzung so in die kalkulation der unternehmen mit einfliessen

    zu hanoi, selbst wenn die informationen über die schäden vorliegen, solange die konsumenten nicht die konsequenz von selber ziehen die produkte liegen zu lassen, ist der einzige weg der, die unternehmen eben durch die bepreisung der genutzen allmenden güter eben zu zweingen die schäden über das preissystem an die verbraucher weiter zu reichen. ansonsten hätte es ja zur folge, dass informierte verbraucher das produkt meiden, der preis sinkt infolge der zurückgehende nachfrage und uninformierte verbraucher erfreuen sich an sinkenden preisen und weiten daher ihren konsum des schädlichen gutes noch aus

    grüße inti

  • Theeuropean-placeholder
    JFW – 11.10.2010 - 23:07

    Die Weltwirtschaft hat innerhalb der letzten zwanzig Jahre einen ökonomischen Konsens gefunden. So sind auch die einstigen “Verfechter” der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft übergegangen. Der Grund dafür ist so einfach wie einleuchtend: der Staat kann niemals so schlau sein wie alle Bürger gemeinsam. Das Problem dabei ist, dass durch die Menge an Bürgern/Mitmenschen keine “einfache” Organisationsform möglich ist; der Prozess einer Konsensbildung wird damit in der Wirtschaft eben durch das Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage gebildet. Das System belohnt diejenigen, die mit schlauen, kreativen Ideen, seien es neue Produkte oder auch innovative Produktionsverfahren, ihre Fertigkeiten bestmöglich absetzen können.

    Dieses System benötigt, um Handlungsfreiheit und damit Kreativität und Erfindertum gewährleisten zu können, Eigentumsrechte. Durch zunehmende Entwicklung unserer Gesellschaft von einer Agrar- über Industrie zu einer Dienstleistungsgesellschaft benötigt eben hier auch angepasste Rahmenbedingungen. Dass also geistiges Eigentum gleiches Schutzrecht besitzt wie materielles Eigentum, dieses ist staatlich Garantiert um Erfindern und Vordenkern Anreize zu geben, Innovationen zu entwickeln. Kein Mensch erfindet aus altruistischen Motiven komplexeste Produkte und Verfahren damit er zwei Tage später diese Idee bei der Konkurrenz begutachten kann. Es würde also, so paradox es klingt, durch die ungeschützte Verbreitung von Ideen zu keinen neuen Ideen kommen.

    Patente sind EINER der Wege, sich seine Ideen sichern zu können. Ganz bewusst sei hier erwähnt, dass die Anmeldung eines Patents bedeutet, dass die Idee veröffentlicht wird! Patente können beim entsprechenden Patentamt eingesehen werden können. Darüber hinaus haben Patente, wie im übrigen auch materielles Eigentum, ein Verfallsdatum. Nach 25 Jahren verfällt ein Patent, wenn dieses nicht erneuert wird. (Genauso können materielle Gegenstände ersessen werden; die Fabel vom Hausbesetzer der sich 25 Jahre um ein Haus kümmert dass ihm nicht gehört und der Besitzer seinen Anspruch nicht geltend macht, ist Realität.)

    Ein Patent zielt also darauf ab Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten der Unternehmen entsprechend zu unterstützen und den damit verbundenen Kosten andererseits einen geldwerten Vorteil gegenüber setzen zu können. Erst dadurch wird strukturierte Innovation und Erfindergeist ermöglicht.

    Um nun den Bogen zur Bepreisung zu spannen können damit Patente als Kompensation ihrer innerbetrieblichen Aufwendungen gesehen werden. Im Gegensatz dazu gibt es starke Bemühungen, die “internalisierung externer Effekte” zu ermöglichen. Als prominentestes Beispiel sei dazu der aus dem Kyoto-Protokoll entstammende Ansatz des CO2-Handels genannt. Es wurde versucht einen durchaus erheblichen Teil der externen Effekte zu bespreisen und damit andererseits Ländern mit Naturvorkommen einen (weiteren) Anreiz zu geben, ihren Baumbestand zu behalten. Im Folgejahr wird zudem das Fliegen teurer; es wurde versucht einen verpflichtenden Ausgleich für die CO2-Verschmutzung der Flugzeugpassagiere einzuführen.

    All dieses sind leider erst die anfänglichen Schritte, die Welt muss zu einer entsprechenden Bepreisung beinahe aller knappen Ressourcen gelangen. Und, um dieses Tabu einmal zu brechen: auch Atemluft kann mit einem Preis versehen werden. Ob dieses in näherer Zukunft sinnvoll ist und ob es die richtigen Anreize schafft etwa “pro Einwohner des Landes X müssen Y quadratmeter Wald vorgewiesen werden, sonst kommt es zu einer Ausgleichszahlung in Höhe von Z EUR an Länder wie etwa Brasilien, welches dadurch einen weiteren Anreiz besitzt keinen Regenwald zu rohden”. Dies sei nun noch Zukunftsmusik und bedarf einen weltweiten Konsens, der wohl von einer Mehrheit an Ländern nicht ratifiziert würde; welches Interesse hätte China oder Indien daran?

    Eine Ressource jedoch, die dringend bepreist werden muss, ist Wasser. Es dürfe nicht sein, dass in teilen der Welt in einer Wüste ein künstliches Venedig angelegt wird und gleichzeitig in anderen Ländern oder Gegenden Wasserknappheit herrscht. Eine Bepreisung würde dafür sorgen, dass Unternehmen in solchen Gebieten einen Anreiz hätten, Wasser entsprechend zu Fördern und bereitzustellen. Hier den richtigen Mechanismus zu finden, der genau dieses kreiert ist eine der Aufgaben, der sich die Gesellschaft im 21 Jahrhundert, dem Jahrhundert der Nachhaltigkeit, stellen muss!

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