Das Gegenteil von ‚gut‘ ist ‚gut gemeint‘. Karl Kraus

Zickenkrieg deluxe

Elton John will Dolce & Gabbana boykottieren, weil sich Domenico Dolce gegen künstliche Befruchtung ausgesprochen hat. Wer jetzt in der Community am lautesten schreit, hat doch nur Angst, Schwule und Lesben könnten sich verbürgerlichen.

Aufregung ist mal wieder angesagt in der Welt schwuler Männer. Geht es doch mal wieder darum, Stellung zu beziehen und zwar nicht nur im Bett, sondern in einer homopolitischen Frage. Damit es nicht zu kompliziert und langweilig wird, gibt’s die Frage personalisiert. Nach dem Motto: „Bist Du für Dolce & Gabbana oder Elton John?“ Und dann, weil es nichts kostet, sondern vielleicht sogar noch Geld spart: „Bist Du bei dem Hashtag dabei, das die italienischen Modeschöpfer blockieren soll?“

Für diejenigen, die die inzwischen auch die Regenbogengemeinde in Deutschland beschäftigende Nachricht nicht mitbekommen haben, noch einmal ganz kurz: In einem Interview mit dem italienischen Magazin „Panorama“ hatte Domenico Dolce auf die Frage nach einem eventuellen Kinderwunsch geantwortet: „Ich bin schwul und kann keine Kinder haben. Ich denke, man kann halt nicht alles im Leben haben.“ Auch für Schwule gäbe es Dinge, auf die man verzichten muss: „Das Leben hat einen natürlichen Lauf, es gibt Dinge, die nicht geändert werden können. Eines davon ist etwa die Familie.“

Ein Zustand maximaler Öffentlichkeit

Vermutlich wäre die Aussage gar nicht so aufgefallen, wäre in dem Interview nicht auch ein herablassendes Wort zur künstlichen Befruchtung gefallen. Von „synthetischen Kindern“ war da die Rede. Und das bekam dann offensichtlich auch der englische Popsänger Elton John mit, der nicht nur ein selbstbewusster schwuler Weltstar ist, sondern sich seinen Kinderwunsch über die künstliche Befruchtung erfüllen ließ.

Ein Wunder sei diese künstliche Befruchtung – und zwar nicht nur für homosexuelle, sondern auch für heterosexuelle Menschen, die auf natürliche Weise keine Kinder bekommen können. Und sich trotzdem danach sehnen. Und weil er schon mal in Fahrt war, holte er ebenfalls zum Rundumschlag aus: „Euer archaisches Denken ist nicht zeitgemäß. Genauso wie eure Mode. Ich werde nie wieder Dolce & Gabbana tragen!“ Und um seinen Worten entsprechenden Nachdruck zu verleihen, rief er in einem eigenen Hashtag zum Boykott des italienischen Modelabels auf.

Schnell war ein Zustand der maximalen Öffentlichkeit erreicht, der wiederum andere motivierte, sich sofort zu positionieren. Von Martina Navratilova über Ricky Martin bis hin zu einfachen Usern sozialer Netzwerke: alle regen sich auf und kündigen an, sich in Zukunft keine Mode mehr von Dolce & Gabbana kaufen zu wollen. Diejenigen, die sich diese nie leisten konnten oder wollten, teilen als Ersatz öffentlichkeitswirksam mit, ab sofort Elton-John-Fans zu sein.

Zickenkrieg auf hohem Niveau

Das klingt alles nach einem Aufschrei der Nicht-Archaischen, der modernen Menschen, der Guten gegen die im Archaischen Verhafteten, Altbackenen, Intoleranten. Aber schaut man genauer hin, ist das natürlich zuerst mal eine Riesengaudi, wenn sich da öffentlich zwei schwule Ikonen auseinanderlegen. Endlich mal ein Zickenkrieg auf hohem Niveau. Nicht so provinziell wie die Frage, wer in Berlin auf welcher der vier CSD-Paraden mit läuft. Oder ob man in Köln lieber rund um den Heumarkt oder am Rudolfplatz „schwul feiern geht“. Und für die Prominenten, die ähnlich wie Politiker dauernd darauf bedacht sein müssen, wieder in den Medien genannt zu werden, eine Riesenchance. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch hierzulande die üblichen Verdächtigen positionieren. Ich nehme an, heute im Laufe des Tages wird in meinem Journalisten-Postfach mindestens eine Pressemitteilung in der Sache des Grünen-Politikers Volker Beck liegen.

Aber mal abgesehen von der Gaudi, die jedem gegönnt sei. Was haben denn nun Dolce & Gabbana Schlimmes von sich gegeben? Na gut, das mit den „synthetischen Kindern“ war etwas deplatziert. Aber eben geradeso pointiert und zugespitzt, wie es sich Medienmacher wünschen, um Aufmerksamkeit für ihr Produkt zu bekommen. Dass es viele Schwule gibt, die genauso denken wie Dolce, dürfte doch jeder wissen. Immer wieder hört man in Gesprächen mit „normalen Schwulen“, dass die Devise „Man kann nicht alles im Leben haben“ eben für Heteros wie für Homos gilt. Mit Diskriminierung hat das nicht automatisch etwas zu tun.

Und gerade diejenigen, die jetzt am lautesten gegen den „Archaismus“ der italienischen Modeschöpfer schreien, lehnen die klassische, „heteronormative“ Ehe für Schwule doch ohnehin aus gesellschaftsrevolutionären Gründen ab. Mit ihrer Angst davor, Schwule und Lesben könnten sich verbürgerlichen, sind sie viel näher bei Dolce & Gabbana als bei dem überaus verbürgerlicht lebenden Elton John. Aber vermutlich wird das schon wieder viel zu kompliziert. Und Differenzierungen oder gar Schubladenfreiheit ist in Zeiten des Krieges alles andere als erwünscht.

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