Ich suche nicht nach Krisen, aber ich habe auch keine Angst vor Krisen. Frank-Walter Steinmeier

„Homosexualität gibt es nicht“

Ein neues Buch von Andreas Lombard provoziert nicht nur mit seinem Titel, sondern stellt so ziemlich alles in Frage, was derzeit in Deutschland den gesellschaftlichen Konsens zum Thema Homosexualität ausmacht. Die Emanzipation der Homosexuellen führe von der sexuellen Revolution zur Industrialisierung der Liebe, in eine Zukunft, die aus dem Labor kommt. David Berger, selbst homosexuell, bespricht.

Plakativ wirft der Titel die Grundthese dieses Buches in den Raum: „Homosexualität gibt es nicht“ – und macht schon auf den ersten Seiten unmissverständlich klar, dass den Leser hier eine Gegenrede gegen eine Gesellschaft erwartet, in der sich ein altes Wertesystem komplett ins Gegenteil gewandelt hat: Nicht mehr die praktizierte Homosexualität, sondern vielmehr die Kritik daran, die man meist verkürzt und pejorativ als Homophobie bezeichnet, ist es heute, die für den Kritiker den „sozialen Todesstoß“ bedeutet.

Wer nun nach Titel und klarer Positionierung ein kurzes Pamphlet eines frustrierten Homophoben befürchtet hat, wird positiv überrascht: es handelt sich bei der Publikation schon von der Quantität her um ein „opus permagnum“, ein groß angelegtes Werk. Auf mehr als 400 Seiten entwirft der Autor eine philosophisch feinsinnige, ungeheuer belesene, umsichtige, nie von Fanatismus oder irgendwelchen Phobien ausgezeichnete Antwort auf den gegenwärtigen gesellschaftlichen „Kult“ rund um die Homosexualität. Nach diesem wird Homosexualität als bessere Form der Liebe präsentiert: „sexy und unkorrumpierbar, Jungbrunnen der erschöpften westlichen Gesellschaft“.

Von Augustinus über Michel Foucault bis zum US-amerikanischen Historiker Robert Beachy werden hier alle großen Geister der internationalen Geistesgeschichte herbeigerufen, um in einem groß angelegten Diskurs letztlich alle mit dazu beizutragen, dass sich die ebenso fundamentale wie weitreichende These des Autors verifizieren lässt.

Homosexualität im gegenwärtigen Sinn gibt es erst seit 1868

Von einer „Erfindung der Homosexualität“ spricht auch der erwähnte Robert Beachy in seinem kürzlich erschienenen, auch von Homomedien ausschließlich gelobten Buch „Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität“. Und in der Tat gibt es zumindest den hybriden Begriff erst seit 1868, wie Lombard sehr gut nachweisen kann. Aber auch inhaltlich gesteht der Autor dem Begriff kein Existenzrecht zu – und stützt sich dabei auf die biologische Bedeutung von Sexualität, die immer die Zweigeschlechtlichkeit voraussetze, die Fortpflanzung als wesentlichen Bestandteil impliziere. Erst mit der fatalen Abkoppelung der Sexualität von ihren beiden biologischen Konstituenten habe sich das Konzept der Homosexualität durchsetzen können. Aber dieses neue Konzept ist lediglich eine Fiktion.

„Homosexualität gibt es nicht, weil es – erstens – keine homosexuelle Fertilität gibt. Homosexualität gibt es nicht, weil sie – zweitens- nicht zugleich anders und gleich sein kann. Und schließlich kann keine wie auch immer geartete Sexualität des Menschen von der Last des Schicksals und von der Verantwortung für sein eigenes Leben befreien.“
Wenn man die These vertritt, an allen Nachteilen der „Homosexualität“ sei nur die Gesellschaft schuld, und wenn man eben diese Gesellschaft verändere, könne man alle ihre Nachteile aus der Welt schaffen, kultiviere man eine weitere Fiktion: „Eine solche, eigentlich unproblematische Homosexualität gibt es – drittens – ebenfalls nicht.“

Gerade vor diesem Hintergrund tut sich eine große Kluft, ein regelrechtes Dilemma auf: Auf der einen Seite waren es queere Wortführer, die genau solch ein von der Fertilität losgekoppeltes Lustprinzip der Sexualität, die eine Revolution des nach Freund infantilen „polymorphob Perversen“ einleiten sollte, vertraten – auf der anderen Seite sind genau sie es, die derzeit die als konservativ und repressiv verurteilten Institutionen der Ehe und Familie zum wichtigsten Ziel für Homosexuelle erhoben haben. Alles Trachten der homosexuellen Emanzipationsbewegung solle sich danach ausrichten, dieses Rechtsgut der Ehe nun auch für homosexuelle Paare zugesprochen zu bekommen: „Ehe für alle, sonst gibt’s Krawalle!“ rief eine lesbische Grünenpolitikerin vor einigen Monaten in einer Kleindemo des „Lesben- und Schwulenverbands“ …
Diese Kluft hat ihre Ursachen auch in dem Versuch, das Defizit der Homosexualität narzisstisch zu kompensieren, die Unfruchtbarkeit des schwulen Sex durch geradezu manische sexuelle Exzesse und damit einhergehender Beziehungsunfähigkeit „aufzuarbeiten“.

Homosexuelle als Steigbügelhalter der Reproduktionsindustrie

Genau diese Kluft hat, so Lombard, die milliardenschwere Reproduktionsmedizin entdeckt. Der Homosexualität kommt hier – gerade in Deutschland – eine Türöffnerfunktion angesichts der bisherigen juristischen Grenzen zu: „Der Schlüssel zur Öffnung ethischer Grenzen ist das alte Mitleid mit der gesellschaftlichen Benachteiligung der Homosexualität und das junge Mitleid mit der Kinderlosigkeit Homosexueller. Dieses wird, auch mit ihrer Hilfe, ziemlich kaltblütig instrumentalisiert.“ Besonders ausgeprägt finde eine solche Instrumentalisierung bei den „Liberalen Lesben und Schwulen“ statt. Diese verlangen ausdrücklich, Eizellspende und Leihmutterschaft in Deutschland unter „Bedingungen zuzulassen, die eine ‚Ausnutzung von Notlagen ausschließen‘“. Das Problemfeld wird so mit einer bislang nicht gekannten Chuzpe von der Leihmutterschaft an sich zur wirtschaftlichen „Bedürftigkeit des jeweiligen Dienstleisters“ verschoben: „Nach dieser Logik könnte man Diebstahl von der Bestrafung freistellen, wenn dem Bestohlenen kein spürbarer materieller oder seelischer Schaden entsteht.“

Der milliardenschwere reproduktionstechnische Markt nützt nach Ansicht Lombards die Homosexuellen geschickt als Steigbügelhalter. Jene Homosexuellen, die sich als Vorkämpfer einer anthropologischen Wende geben, die „das familiäre und genealogische Prinzip begraben will“. An der Emanzipation der Homosexuellen ist dem Markt da überhaupt nicht gelegen, es geht ihm vielmehr darum, den „natürlichen Zeugungswillen der heterosexuellen Mehrheit zu diskreditieren und zu überwinden“. Nur so lässt sich wirklich das erhoffte Riesengeschäft machen, nicht mit ein paar wenigen schwulen Männern. Sie werden uninteressant, sobald sie ihren Dienst geleistet haben. Ein Dienst, der sich letztlich als Bärendienst erweisen wird, denn die Enttäuschung, die mit dieser „schönen neuen Welt“ des künstlichen Menschen einhergehen wird, wird auf die Homosexuellen zurückfallen: „Wer sich das Glück der Liebe vom Gnadenbrot der Politik erhofft, war schon immer schief gewickelt, ganz gleich, welcher sexuellen Orientierung huldigt. Schützen wir die Homosexuellen und ihre Funktionäre vor sich selbst“!

Zusammengefasst kann man also mit Lombard sagen: Die Emanzipation der Homosexuellen – und damit die Etablierung des Begriffs der Homosexualität – „führt von der sexuellen Revolution zur Industrialisierung der Liebe, in eine Zukunft, die aus dem Labor kommt.“ Eine Entwicklung, die nicht nur Homosexuelle betrifft, die nur als Steigbügelhalter dienen, sondern alle Menschen.

Kleines heterosexuelles Glück als Heilmittel

Als Heilmittel zur Rettung des Humanum sieht Lombard das „Lob des kleinen Glücks“: die Normalität einer heterosexuellen, auf Dauer angelegten Beziehung. In ihr finden die „letzten Wahrheiten“ ihre Realisierung: „Die Unabdingbarkeit der traditionellen Familie, das Kind als Frucht der natürlichen Zeugung, den Unterscheid als Fundament unseres Daseins.“


Das große Verdienst dieses Buches ist es, dass es Dinge, die uns selbstverständlich geworden sind, hinterfragt: die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität, die fraglose Verurteilung von Homophobie, den berechtigten Wunsch Homosexueller nach Anerkennung und Gleichberechtigung. So etwas ist ärgerlich, gerade für mich als schwulen Leser war es das stellenweise auch. Aber Ärger und Provokation können durchaus heilsam, Blindstellen aufhellen und mithelfen, bislang unerklärbare Phänomene besser zu verstehen. Zum Beispiel die Tatsache, dass gerade dort, wo die gesellschaftliche Emanzipation und Gleichstellung Homosexueller besonders weit fortgeschritten ist, die Suizidhäufigkeit und Drogenanfälligkeit unter homosexuellen Jugendlichen besonders hoch ist. Auch dass der Autor der im ganzen Genderdiskurs sträflich vernachlässigten Biologie, jenseits von den medial äußerst beliebten schwulen Pinguinen – wieder ihren zentralen Platz zurückgibt, wird man nur begrüßen dürfen. Die neueren Forschungsergebnisse im Bereich der Genetik zum Thema Homosexualität wurden dabei freilich ausgespart.

Am Ende bleibt freilich das Resümee, dass der gegenwärtigen Einseitigkeit (des nur Soziologischen) eine andere, längst vergangen geglaubte Einseitigkeit (des nur Biologischen) entgegengesetzt wird. Menschlichen Phänomenen, wie es die gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität – ganz unabhängig von deren Kategorisierung und verbalen Bezeichnung – nun mal sind, kann man jedoch nur durch eine möglichst multiperspektivische Betrachtung begegnen. Insofern bietet das Buch – im Sinne eines auf Dialektik gründenden Dialogs – dazu einen wichtigen Beitrag. Als alleine seligmachende heilige Schrift zur Einschätzung der Homosexualität taugt es aber so wenig wie die genderideologischen queeren Erklärungsversuche, die derzeit das politische Engagement linksgrüner Kreise in Deutschland prägen.

Andreas Lombard: Homosexualität gibt es nicht. Abschied von einem leeren Versprechen, Waltrop/Leipzig: Manuscriptum, Edition Sonderwege 2015. 412 S., 22.80€

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von David Berger: Wenn ein politisches Amt als Werbung für den Islam missbraucht wird

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