Ich habe als Bundesminister 80 Prozent meiner Kraft dazu verwendet, gegen Unfug anzukämpfen. Ludwig Erhard

„Homo“-Hasser

Gewalttätige Übergriffe auf demokratisch gewählte Politiker werden immer öfter mindestens indirekt entschuldigt. Dies vergiftet das bügerkriegsähnliche öffentliche Gesprächsklima ganz entscheidend, schädigt die Meinungsfreiheit nachhaltig. Wir sollten stattdessen jetzt den Respekt vor der Freiheit der Andersdenkenden neu lernen.

„Schade, dass sie nicht im Auto saß“ lautete einer der Kommentare auf einer Facebookseite von Berliner Homo-Aktivisten, die mit einer heimlichen Freunde über den Brandanschlag auf Auto und Haus der CDU-Politikerin Hedwig von Beverfoerde berichtet hatte.

Jeder, der sich mit dem gegenwärtigen Bürgerkrieg in den sozialen Netzwerken halbwegs auskennt, weiß, dass man mit solchen Kommentaren immer mal wieder rechnen muss. Die zu begrüßende Demokratisierung der veröffentlichten Meinung schwemmt auch viel Niedertracht und Dummheit nach oben. Die gab es schon immer, nur dass ihre Wirkkraft nun über die engen Kreise eines Stammtisches hinausgeht.

Wo sie allerdings in rauen Mengen und immer wieder fast schon reflexartig auftritt, ist es Zeit sich Gedanken zu machen. Das einleitende Beispiel wurde in diesem Zusammenhang nicht zufällig gewählt. Nein, es hat schon System, dass solche Kommentare folgen, wenn einer der vielen „queeren“ Nachrichtenblogs über derartige Vorfälle berichtet.

Ob es sich um Bedrohungen streng katholischer oder evangelikaler Publizisten, um Brandanschläge auf konservative Politiker jeder Couleur (von der SPD über die CDU bis zur AfD) handelt, immer schwingt in den darüber berichtenden Beiträgen von schwulen und lesbischen Journalisten, die für Homo-Medien tätig sind, als Unterton mit: schließlich sind sie homophob, Mitglied einer homophoben Institution oder haben sich nicht eindeutig von Homophobie distanziert. Also haben sie sich nun ihre missliche Lage auch selbst eingebrockt.

Oder noch heftiger: es wird indirekt unterstellt, dass diese Anschläge den jeweiligen Politikern ganz gut ins Konzept passen würden. Was man selbst aus juristischen Gründen nicht erledigen konnte, das besorgen dann die Schwärme an Kommentatoren, die man mit solchen Beiträgen magisch anzieht. Sie erzählen dann zum Beispiel aus der Lameng von Versicherungsbetrügereien oder von durch die Opfern finanzierten angeblichen Jugendbanden, die den Anschlag verübt hätten. Fragt man nach Belegen, sieht es durchgehend mager aus.

„Wir haben das Recht, uns mit Gewalt zur Wehr zu setzen“

Ganz deutlich zeigten sich diese meistens ganz gezielt eingesetzten medialen Mechanismen bei dem bereits erwähnten gewalttätigen Terror gegen von Beverfoerdes Auto und Wohnhaus: „Höchstwahrscheinlich Versicherungsbetrug! Der verarmte Landadel braucht jeden Euro und ist sich auch für nichts zu schade. Wer gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit betreibt, ist zu allem fähig“, heißt es im Kommentarteil eines queeren Nachrichtenblogs. Oder: „Die breite Masse der arbeitenden Bevölkerung, der Jugend, der LGBTI-Menschen, der Migrant*innen usw. hat jedes Recht, sich gegen die ständigen rassistischen, chauvinistischen und homophoben Aggressionen der Rechten, ermöglicht und befeuert erst durch die herrschende bürgerliche Politik und Ideologie der sozialen Ungleichheit, zur Wehr zu setzen.“

Ganz ähnlich auch bei den Anschlägen auf den schwulen Migranten Alexander Tassis, der für die AfD in Bremen in der Bürgerschaft sitzt: „Das war noch nicht genug, damit er es wirklich kapiert!“ oder, mit vielen Tippfehlern garniert: Es sei „jetzt gut das hässliche Gesicht dieser Partei zusehen und dass die AfD keine Pläne für die Zukunft hat und nur durch den Hass lebt, den sie selbst generiert hat.“

Ganz perfide wird es bei einem Kommentator, der mehrere schwule Facebookgruppen als Moderator betreut: „ Gewalt ist zwar keine Lösung. Nur manchmal verstehen es gewisse Rechten a Pegida, AFD, NPD usw. nicht anders: Und die sollen mal nicht so unschuldig tun. Mit ihren Hass schüren die selber genug Gewalt. Wer will schon eine Rechtsradikalen Verein? Ein vernünftiger Mensch bestimmt nicht. No – Go for Nazis!“ (Orthographie wurde ausnahmsweise bewusst auch hier nicht verbessert).

Schwule Männer müssten es eigentlich besser wissen

Es wurden hier bewusst einige wenige Beispiele von schwulen Kommentatoren gewählt, da man annehmen müsste, dass sie es eigentlich besser wissen müssten. Sie gehören zu einer Gruppe, in der Gewalterfahrungen, Erpressung, bösartige Unterstellungen vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland an der Tagesordnung waren: Schmierereien auf Hauswänden schwuler Männer, die deren Art zu lieben übel verunglimpfen, waren dabei ein besonders beliebtes Mittel.

Weltweit gesehen ist solche Gewalt gegen Homosexuelle und deren Vorstufen noch immer an der Tagesordnung. Umso erstaunlicher jetzt, dass man solche gewalttätigen Aktionen mehr oder weniger als Sieg feiert. Wie kann eine Gruppe, die selbst – nur deshalb weil sie anders als die anderen war – so viel Gewalt erlebte, nun diese Gewalt gegen Andersdenkende als Fortschritt schönreden? Wie kann man auf einmal eine solche Intoleranz zeigen und gleichzeitig öffentlich die Devise ausgeben, dass Toleranz gegenüber homosexuellen Lebensweisen nicht genug sei, dass man von der Mehrheitsgesellschaft Akzeptanz fordere, diese notfalls auch über Gesetze einklagen solle?

Selbst wenn es diese tragische Vorgeschichte nicht gäbe, solche Gewalt ist niemals ein Sieg und schwule Männer sind garantiert nicht die Gewinner. Wer einen politischen Anschlag auf einen demokratisch gewählten Politiker verübt, verübt diesen implizit auch auf unsere Demokratie und unsere offene Gesellschaft. Unsere offene Gesellschaft, die uns das Recht zu leben und zu lieben garantiert, wen und wie wir wollen.

„Ich werde alles dafür tun, damit die Freiheit nicht vor dem Terror in die Knie geht“

Wer solche Anschläge auch nur indirekt gutheißt oder rechtfertigt, der zeigt damit, was er von unserer Demokratie und der Gleichberechtigung aller Menschen hält. Geschweige denn von der Meinungsfreiheit. Es gibt für viele schwule Männer viel Kritikwürdiges an SPD, CDU und bei der AfD sowieso.

Aber ich als schwuler Mann werde alles dafür tun, dass sie als demokratisch gewählte Parteien nicht durch den Terror stumm geschaltet werden, wie man das in den letzten Wochen versuchte. Das ist meinerseits keine parteipolitische Entscheidung, sondern ich würde es genauso halten, wenn es einen Politiker der Linken getroffen hätte.

Nein, es sind überhaupt keine höheren Motive, die mich dazu antreiben. Es ist purer Egoismus: Als Mitglied einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe, ist mir sehr klar, dass unsereins die Meinungsfreiheit als erstes entzogen wird, wenn die offene Gesellschaft vor der Gewalt in die Knie geht. Deshalb halte ich es selbst als Kritiker linker Politik mit der großen Rosa von Luxemburg, die immer zuerst die „Freiheit der Andersdenkenden“ sehen wollte: “Ich teile Deine Meinung nicht, aber ich würde alles dafür tun, dass Du sie sagen kannst!”

Nachtrag: Der Autor versteht diesen Artikel auch als Revoco zu einem Text, den er vor etwa drei Jahren veröffentlicht hat. Darin forderte er als homophob eingeschätzte Prominente aus Talkshows zu verbannen: „Ich habe in den letzten 18 Jahren mehr als 1000 Artikel veröffentlicht, da waren auch mal Dummheiten dabei. Aber bei diesem bereue ich es ganz besonders, dass ich ihn geschrieben habe!“

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