I am not convinced. Joschka Fischer

Weg mit der Schweiz!

Zerschlagt Spanien! Teilt Italien! Löst Belgien auf! Wiedervereinigt Ungarn! Gründet die Republiken Flandern und Katalonien! Unser Kolumnist denkt sich ein neues Europa.

HÖREN SIE – jetzt, wo alle über Gaddafi herfallen, sollte man noch einmal betonen, dass der Mann auch gute Ideen hatte. Nein, ich meine nicht „die Lösung des Demokratieproblems durch Volksmacht“, sondern jenen launigen Einfall aus dem September 2009, man möge die Schweiz zertrümmern und auf ihre Nachbarländer aufteilen. Nicht, dass ich die liebe Eidgenossenschaft tatsächlich verhackstücken möchte, aber der grundsätzliche Wille zur Neugestaltung Europas hat mir gefallen. Wie im Übrigen auch dem Kollegen Roger Köppel, der als Chefredakteur der „Züricher Weltwoche“ schon manch gewagte Theorie in den Erdkreis publiziert hat und damals des libyschen Obersts Gedanken aufnahm, aber andersrum: Er forderte Volksabstimmungen für die Nachbarregionen der Schweiz in der Hoffnung, Vorarlberg, Baden-Württemberg, Savoyen/Hochsavoyen und Como/Varese würden sich dann glücklich in den Schoß eines großhelvetischen Reiches betten (ich berichtete Ihnen bereits darüber).

Nationales Getue, Autonomiebestrebungen, Regionalismus

Wir Österreicher haben mit Volksabstimmungen verschiedenste Erfahrungen gemacht. Die Bewohner des Bundeslandes Kärnten haben sich 1920 mittels einer solchen zur Republik Österreich geschlagen, die Bewohner der Region Ödenburg entschieden hingegen ein Jahr später gegenteilig, womit sie nicht Hauptstadt des Burgenlandes wurden, sondern eben bloß ein Randstädtchen in der Volksrepublik Ungarn, allerdings mit ausgezeichnetem Blick auf den Eisernen Vorhang. In Vorarlberg gab es 1918 die Befragung, bei der sich 80 Prozent für den Beitritt zur Schweiz ausgesprochen haben, aber damals bestanden in Bern Bedenken, ob das ethnische Gleichgewicht nicht ein bisschen auf die alemannische Seite kippen könnte. Wer nicht will, der hat eben schon. Ich wage die Behauptung, dass wenn alle Nachbarstaaten den Mut gehabt hätten, ihre Randregionen abstimmen zu lassen, wo sie gerne zu Hause sein möchten, Österreich heute ein klein bisschen größer und sein höchster Berg nicht der Großglockner (3798 Meter), sondern der schöne Ortler (3905 Meter) wäre. Das aber nur nebenbei.

Kommen wir zur aktuellen Lage: Das notorische Belgien mit seinen Zankzonen, den nach Eigenständigkeit trachtenden Flamen und den von jenen wiederum ungeliebten weil lange überheblichen Wallonen. Nach 180 Jahren Konstrukt ist das Königreich unregierbar geworden und driftet auseinander. Es sieht nicht aus, als wäre da noch eine Einheit herzustellen. Und wieso auch? Immerzu heißt es, nationales Getue, Autonomiebestrebungen, Regionalismus seien in Zeiten einer konsequenten EU Folklore und anachronistisch. Ich finde aber, das spricht doch geradezu für ein Überdenken von Staatengebilden, die oft von diktierten Vertragswerken herrühren, die in miesepetriger und racheerfüllter Stimmung nach den diversen scheußlichen Kriegen entstanden sind.

Was wollen Sie?

Also warum nicht die viel beschworene, gerühmte und überall in der Welt propagierte Demokratie einfach mal zu Hause anwenden und die Völker, Volksgruppen und Bevölkerungen ernsthaft befragen, was sie eigentlich sein möchten?

Bitte, ich habe einen sentimentalen Hang zum britischen Königtum, der lieben Familie Sachsen-Coburg-Gotha-Battenberg, die da thront, im Besonderen. Aber wenn die Schotten keine Lust mehr darauf haben, dann ist das eben so. Nächstes Königreich: Spanien. Bekanntermaßen tendieren da manche unter der bourbonischen Krone zusammengefassten Völkchen eher zum Separatismus. Ich persönlich hätte kein Problem damit, meinen Urlaub in Katalonien zu verbringen oder bei den Basken in der Republik Navarra. Gleiches gilt für Italien, das gerade so recht und schlecht seinen 150. Nationalgeburtstag beging. Das Werk von Garibaldi und König Viktor Emmanuel II. war beeindruckend. Aber auch Heroen können irren. Und vielleicht driftet da endlich auseinander, was nicht zusammengehört. Manchmal muss man auch anerkennen, dass auch historisch gewachsene Reiche sich irgendwann einmal auseinandergelebt haben. Wir sehen uns in Savoyen! Nicht jedes Scheidungskind ist unglücklich. Das ahnte schon König Otto der Große im 10. Jahrhundert, der vor der Möglichkeit gestanden hatte, sein Reich militärisch Richtung Westen zu erweitern und das alte Frankenreich territorial wiederzubeleben, darauf aber weise oder pragmatisch verzichtete.

Vielleicht gibt es ein neues Preußen

Es ist keine gute Zeit, den Ungarn Ansprüche an Nachbarterritorien zuzugestehen. Sie kommen in ihrem nationalen Rausch gerade nicht mal mit dem, was sie haben, zurecht. Der Rechtsdrall der Ungarn hat aber vielleicht gerade damit zu tun, dass von den 15 Millionen Ungarn nur zwei Drittel im Vaterland leben, der Rest (das sind ungefähr so viele wie alle Dänen zusammen) wird seit dem gemeingefährlichen Vertrag von Trianon in die Staaten Serbien, Rumänien und Slowakei gezwängt, wo sie nicht hingehören und wo sie zum Teil bis heute völkerrechtswidrig unterdrückt werden. Und was die Griechen mit der slawisch-mazedonischen Minderheit treiben, ist ihres Erbes unwürdig. Mich würden insofern neue Staaten, in denen sich die Einwohner als das, was sie sind, anerkannt fühlen, freuen. Wer nicht dafür kämpfen muss, seine eigene Identität zu leben, der kann sich ungezwungen darauf konzentrieren, ein guter Europäer zu sein.

Die letzte Volksabstimmung dieser Art hat 1989 stattgefunden. Die Bürger der DDR haben ohne Wahlgang aber per Akklamation bestimmt, zur Bundesrepublik Deutschland zu gehören. Das ist immer noch herzzerreißend, und trotzdem könnte man auch das noch mal einer Überprüfung unterziehen. Vielleicht tut sich ja der alemannische mit dem bajuwarischen Raum zu einem famosen Alpenstaat zusammen? Und oben gibt es ein neues Preußen! Tärämtärämtärämtätäää!

Vergangenes Wochenende stand ich lange in der Innsbrucker Hofkirche vor dem Sarkophag Kaiser Maximilians und überlegte mir, wie er es wohl geschafft haben mag, Regionen wie Sizilien, Österreich, Spanien, Ungarn, das Burgund und andere zu vereinen. Ich habe es nicht herausgefunden. Vielleicht müssen wir das auch gar nicht.

Leserbriefe

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    TomP – 24.03.2011 - 11:17

    Ich vermute, der Autor hat den Beitrag ironisch gemeint? Ich hoffe nicht! In den Bestrebungen, eine “EU- Folklore” nicht nur zu erschaffen, sondern auch mit weitreichenden Kompetenzen auszustatten, ist die Zwischenebene der in einer anderen Zeit konstruierten jetzigen Staatenlösungen einfach immer noch aus einer anderen Zeit und so überflüssig wie gegenwärtig Atomstrom. Kleinere nationale Gebilde können das gleiche leisten, wie die heutigen Konstrukte und verschwenden weniger Zeit damit, zusammenzuhalten, was nicht zusammenhalten will. Das hat mit NationalISMUS nichts zu tun, sondern mit Nationalität. Ersteres ist nur die Verbalkeule, um die Zusammenlebenden ruhig zu halten und ständig zu ermahnen. Ein Hoch auf die Politiker, die sich eines Tages tatsächlich einmal selbst ihrer Regierungsposten entledigenund die Zwischenebene herausreißen.

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    MichaelS – 25.03.2011 - 10:02

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Der “Nationalismus von oben” hat Europa 200 Jahre lang ins Unglück gestürzt. Einem Rheinländer ist Benelux eigentlich viel näher als das preußische Berlin und die Schwaben/Alemannen könnten genauso gut in einem Land leben anstatt in vieren (CH, D, F, A).
    Die Nationalstaaten sind nicht von heute auf morgen wegzudenken und die meisten Menschen würden einer Neugliederung wahrscheinlich auch erst mal gar nicht zustimmen. Wichtig aber der Hinweis, dass nichts für die Ewigkeit ist, auch nicht die Situation von 2011.
    Ich würde für die Zukunft ein regionalisiertes Europa wünschen, aber mit einer Zentrale in Brüssel. Europa ist zu klein in der Welt, als dass wir uns diese “Kleinstaaterei” nach außen (!) leisten können.
    Nach innen aber lebt Europa von der Vielfalt.
    Wenn die “globalen” Vorschriften aus Brüssel kommen, die “regionalen” in meinem Fall aus Mainz, Frankfurt, Köln oder Düsseldorf. Wer braucht dann eigentlich noch Berlin?
    Leider werden die Machthaber in den “Hauptstädten” diese Vision bekämpfen.
    Ich empfehle zum Abschluss das Buch “Es hätte auch anders kommen können” von Alexander Demandt.

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    Archivar – 25.03.2011 - 17:57

    Der Durchschnittsrheinländer spricht weder Niederländisch noch Französisch, er teilt keine historische Narration mit den Staaten des BeNeLux-Raums und er weiß wenig über die Politik und Geschichte jener Länder. Beim “preußischen Berlin” sieht das schon ganz anders aus.

    Überhaupt sind gemeinsame Sprachräume ungemein identitätsstiftend, da sie einen ungefilterten Informationsaustausch ermöglichen und einen gemeinsamen Kulturraum mit allen seinen sozialen und wirtschaftlichen Funktionen erst fundieren. Aus diesem Grund suchen arbeitslose Iren eher in Kanada nach Arbeit als auf dem Kontinent, wissen Briten vielmehr über andere Teile der Anglosphäre als über Europa, schauen Wallonen eher französisches Fernsehen als flämisches, haben Österreichs Universitäten ein Problem mit dem Andrang deutscher Studenten usw.

    Hätte man nach dem 1. Weltkrieg in allen Randgebieten die Menschen nach ihrer gewünschten staatlichen Zugehörigkeit befragt, wäre nicht nur Österreich größer geworden. Theoretisch könnte eine Neuaufteilung Europas nicht nur zu Staatsverkleinerung, sondern auch zum genauen Gegenteil führen. Aber den Menschen zwischen Karawanken und Flensburger Förde ist nach dem 2. Weltkrieg jeder Einheitsnationalismus abhanden gekommen, was wiederum auf eine gemeinsame historische Narration hinweist, die besonderen Wert auf die Dekonstruktion des Nationalen legt…

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    MichaelS – 30.03.2011 - 08:39

    @Archivar: Ihre Feststellung, dass die Menschen im heutigen NRW mehr mit Berlin als mit Den Haag gemein haben, ist wohl zutreffend. Mir und wohl auch Herrn Baum ging es aber um die großen Linien. Noch vor gut 100 Jahren, konnten sich die Menschen dies und jenseits der Maas eher miteinander unterhalten als mit Stuttgartern oder Münchenern. Mit dem Aufkommen der Einheitsnationalsprachen sind die regionalen Gemeinsamkeiten abhanden gekommen. Dabei finde ich gerade das “Verschwimmen” der Grenzen, auch bspw. bei den Dialekten vom Moselfränkischen bis zur holl. Nordsee sehr reizvoll. So hätten Kriege verhindert werden können.
    Hier soll es ja offensichtlich nicht um die Tagespolitik sondern um längere Linien gehen. Hier fällt in der Tat auf, dass die Vermittlung von Wissen von jenseits der Grenzen in den letzten 30 Jahren eher ab als zugenommen hat. Damals haben viele im Rheinland “Hilversum 3” gehört und vor 20 Jahren waren in NRW mehrere ndl. Programme im Kabel. Und heute. In NRW das gleiche “Einheitsprogramm” wie in Hamburg oder Leipzig.
    Man kann hier kurzfristig wenig ändern, vielleicht sorgen ja steigende Energiekosten dafür, dass die Menschen künftig wieder in Holland oder Frankreich Urlaub machen und weniger in Ägypten oder Spanien. Vielleicht kommt dann wieder das Interesse am Nachbarn auf und man entdeckt die Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Wurzeln?!

  • Theeuropean-placeholder
    Archivar – 02.04.2011 - 15:17

    Dialektgeographisch traf das sicherlich zu. Trotzdem waren die Niederlande schon immer reichsfern und das nicht erst seit dem Westfälischen Frieden (man denke v. a. an den Burgundischen Vertrag 1548). In Norddeutschland gab man im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts, d. h. lange vor der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands, das Niederdeutsche als Schreibstandard auf und wechselte zum Hochdeutschen.

    Dass sich die Österreicher heute mehrheitlich nicht mehr als Deutsche empfinden ist dagegen ein sehr junges Phänomen. Nach dem 2. Weltkrieg, in dessen Verbrechen man laut den Forschungen einiger Historiker sogar überproportional häufig verwickelt war, distanzierte man sich in einem Akt des Opportunismus von Deutschland und den Deutschen und wurde “Deutschsprachiger”. Zuvor wurde man immer als Teil Deutschlands aufgefasst, bedauerte man die kleindeutsche Einigung Bismarcks, von der man ausgeschlossen wurde, wollte man nach dem 1. Weltkrieg sich dem Deutschen Reich anschließen und bejubelte man fatalerweise den Anschluss an Nazideutschland 1938…

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