Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft. Gerhard Schröder

Liebe NegerInnen

Unser Kolumnist fühlt sich wie Ronald Reagan am Nacktbadestrand von Woodstock, findet aber, dass andere in die Klapse gehören: zum Beispiel der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung.

HÖREN SIE – sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren “und alle, die sich nicht mit diesen Kategorien identifizieren können oder wollen”: Ich komme mir manchmal vor wie Ronald Reagan, der versehentlich an den Nacktbadestrand des Woodstock-Festivals geraten ist.
Zum Beispiel, wenn ich diese inzwischen heiß umfehdete Rede des Chefs der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, lese, die er tatsächlich mit genau jener eben zitierten Anrede eingeleitet hat. Das erinnert mich an die hinreißend idiotische Afrikarede von Heinrich Lübke, bloß dass der zum Karnevalistischen neigende Bundespräsident heute nicht nur über die böse rassistische Formel stürzen würde, sondern auch noch, weil er nicht “liebe NegerInnen” gesagt hat.

Worum geht es eigentlich? Herr Krüger, der Mann, der samt Ehegattin und seinem ganzen Klüngel vom Staat gesponsert wird, “um interessierte Bürgerinnen und Bürger dabei zu unterstützen, sich mit Politik zu befassen”, doziert allzu gern über das Thema “Das flexible Geschlecht”. Er vertritt also jene launige These – die zur Folklore der heimischen Linksextremen gehört –, dass kein Mensch als Junge oder Mädchen geboren wird und deshalb die Kinderlein geschlechtsneutral aufwachsen sollen, um sich schließlich frei entscheiden zu können. Der Verweis auf gewachsene Geschlechtsorgane gilt in diesen Kreisen als lächerlicher Volksglaube aus der finsteren Vormoderne, denken sie erst gar nicht daran. Ich weiß nicht, was diese Kamarilla in den 70ern geraucht hat, jedenfalls macht es bis heute so high, dass sie die Unterscheidung von Mädchen und Jungen für eine zutiefst reaktionäre und rechtsradikale Angelegenheit hält.

An den Schamhaaren herbeigezogen

Fabuliert ein Privatmann derart an den Schamhaaren herbei Gezogenes daher – bitte, wir haben Meinungsfreiheit. Sogar richtig irre sein ist ja okay, wenn man keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Aber SPD-Mann Krüger, der früher schon mal aufgefallen ist, weil er sich nackt auf seinen Wahlplakaten zeigte, spricht nun mal für den Staat. Jenen Staat, der in seinem Grundgesetz vorgibt, Ehe und Familie unter einen besonderen Schutz zu stellen.

Wo ist denn eigentlich der Verfassungsschutz, wenn dieser “besondere Schutz” permanent angepatzt und ganz offenbar seine Abschaffung betrieben wird? Wann durfte eigentlich das Volk darüber abstimmen, dass eine europaweite Gendermainstreaming-Offensive betrieben wird, die den Menschen an sich derart heftig zu verändern gedenkt, dass es sich die allerhärtesten Marxisten-Vögel nicht zu träumen gewagt hätten?

Ich weiß, es ist sicherlich amüsanter für die braven Schlapphüte, auf Neonazi-Rockkonzerten und in islamistischen Teestuben abzuhängen und dort etwaige Gefährlichkeiten zu notieren. Aber wenn die Bundeszentrale findet, dass “auf die klassische Ernährer-Ehe verzichtet” werden muss, weil sich sonst “Bisexuelle, Fetischisten, BDSMler, Bigender, Transvestiten, Transgender, Transidentische, Transsexuelle, E-Sexuelle, Intersexuelle, Polyamoristen, Asexuelle, Objektophile und Agender” (bitte fragen Sie mich nicht, was das alles ist) benachteiligt fühlen, dann wackelt das Grundgesetz wie der Popo einer Go-go-Dragqueen auf einem CSD-Wagen. Da kommt einem doch der spontane Drang, in eine Amish-People-Gemeinde zu ziehen.

Normale gibt es nicht

Dass Konsens darüber herrschen sollte, dass nach rheinländischem Motto “Jedem Tierchen sein Pläsierchen” gegönnt sei – solange keine Kinder und Unfreiwillige unter den Opfern sind –, finde ich normal. Oh je, jetzt habe ich auch noch das böse Wort ausgesprochen respektive hingeschrieben. Normalität gibt es ja nicht, wie der Mensch von morgen jetzt schon weiß.

Es gibt eine herzzerreißende Geschichte über eine Frau, die sich unsterblich verliebt hat und auch körperlich ernsthaft hingezogen fühlte – zu einem leider etwas sperrigen Partner: der Berliner Mauer. Wie vermutlich auch einige Leute aus der Mannschaf.. äh, aus dem Team von Herrn Krüger, empfand sie den Abriss der Berliner Mauer als eine schmerzhafte, schreckliche Sache. Auch das ist möglich und soll sein. Bitte glauben Sie mir, ich empfand aufrichtiges Mitgefühl für diese Dame. Das Ziel einer gesunden Gesellschaft sollte sein, Minderheiten zu schützen und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen. Aber jede Laune der Natur zum allgemeinen Leitbild zu erheben sicher nicht. Sie geht nämlich daran kaputt.

PS.: Sollten Sie gerade bei dem Begriff “gesunde Gesellschaft” zusammengezuckt sein, denken Sie mal nach, woher das kommt.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Richard Peifer – 02.12.2010 - 10:05

    @Redaktion: Ich will ein Debattenmagazin – aber eines mit Niveau! Hat die Qualitätskontrolle schon vorzeitige Weihnachtsferien? Gerne inhaltlich extreme Positionen vertreten, aber der Anstand im Umgang miteinander muss gewahrt bleiben!
    Der einzige Lichtblick an diesem Artikel ist dass er online steht und kein Papier dafür verschwendet wurde. Herr Baum schreibt ja gerne markige Texte, aber wer meint Staat und Grundgesetz verteidigen zu müssen, sollte keine Gossensprache dafür verwenden. Oder ist die Gosse die neue Zielgruppe des European? Wenn ja werde ich mir wohl ein anderes Debattenmagazin suchen.

  • Theeuropean-placeholder
    Christoph Meyer – 02.12.2010 - 11:38

    Sehr geehrter Herr Baum,

    das sinnlose Aufzählen von unterschiedlichen Termini der Genderdebatte und die provozierende Gleichstellung von normalen Homosexuellen mit irgendwelchen Fetischisten ist Unfug.

    “[B]itte fragen Sie mich nicht, was das alles ist” schreiben Sie, und das ist das Problem. Eine nähere Auseinandersetzung mit dem Thema wäre vonnöten gewesen.

    Der Schutz von Ehe und Familie steht unter dem Schutz des Staates, das ist richtig und wichtig. Aber sie scheinen ja Homosexuellen das Recht abzusprechen Familien zu gründen und verkennen eine Wirklichkeit, in der viele Mütter alleinerziehend sind und Paare heiraten, aber kinderlos bleiben. Was ist denn jetzt die Familie? Doch wohl zuvörderst (mindestens) ein Elternteil plus Nachwuchs. Welches Geschlecht dieses Elternteil hat ist doch vollkommen nebensächlich, genauso wie das Geschlecht der Person, die sich das Elternteil zu lieben ausgesucht hat.

    Ich bin auch nicht der Meinung, dass das Geschlecht vollkommen sozial konstruiert ist, denke allerdings, das dies zu einem großen Teil durchaus der Fall ist. Sie allerdings vermischen die durchaus kruden Behauptungen dieses Parteisoldaten mit dem Thema “Schutz der Familie”, was keinen Sinn macht. Oder können Sie nochmal einen Zusammenhang herstellen zwischen “Ich liebe einen Partner gleichen Geschlechts”, “Ich fühle mich im falschen Geschlecht geboren” und " Ich steh drauf mir die Genitalien abschnüren zu lassen"? Das nämlich suggeriert ihre Aufzählung und zieht diejenigen, und damit meine ich nicht die Fetischisten sondern die Homosexuellen, auf eine Ebene mit Menschen, für deren Neigungen die WHO tatsächlich klassifizierbare Störungen bereithält.

    Vielleicht schreiben Sie demnächst mal über Menschen mit dem Down-Syndrom? Das sind nämlich tatsächlich "Laune[n] der Natur. Oder fehlt Ihnen da der Schneid?

    Der Autor dieses Kommentars ist heterosexuell und wünscht sich eine Ehe mit Kindern und Haus im Grünen. Eventuell sogar vor Gott, wenn es ihn denn gibt, geschlossen. Was er aber nicht mag, sind Pseudokonservative, die ein Weltbild retten wollen, das schon seit Jahrzehnten nicht mehr mit der Wirklichkeit zu vereinbaren ist.

  • Theeuropean-placeholder
    David Baum – 02.12.2010 - 13:10

    Hallo Herr Meyer,
    jetzt hab ich die Kolumne nochmal und nochmal gelesen, aber ich finde diese von Ihnen kritisierten Punkte nicht: Wo bitte wird denn über Homosexuelle und Homo-Ehe gesprochen? Und jenen etwas abgesprochen?
    Über Menschen mit Down-Syndrom zu schreiben, fehlt mir außerdem nicht der Schneid. Ich habe eine Reportage über eine eigene Partnervermittlung für Menschen mit Down-Syndrom geschrieben und ein Interview mit dem Schauspieler Bobby Brederlow gemacht. Großartige Bekanntschaften übrigens.
    Bussi! DB

  • Theeuropean-placeholder
    uniquolol – 02.12.2010 - 14:02

    „…Er vertritt also jene launige These – die zur Folklore der heimischen Linksextremen gehört –, dass kein Mensch als Junge oder Mädchen geboren wird und deshalb die Kinderlein geschlechtsneutral aufwachsen sollen, um sich schließlich frei entscheiden zu können…“

    Und weil sich viele dann immer noch nicht entscheiden können, werden bei Parteiveranstaltungen der Grünen sogar die getrennten Toiletten abgeschafft – konnte man unlängst bei Jan Fleischhauer lernen – damit auch ja niemand diskriminiert wird. – LOL

  • Avatar
    Rolf Kohl – 02.12.2010 - 14:07

    Lieber David Baum.
    Wie immer ist ihr Artikel das Lesen wert.Aber auch die Kommentare sind lesenswert ( informativ ). Was uns Deutschen fehlt ist der Humor ( über uns selbst lachen zu können ).Jeder hat nur Rechte, auf die er besteht und der Staat soll sie gefälligst umsetzen. Für allen möglichen, nebensächlichen, verzeihen sie den Ausdruck SCHEISSE,wird Lobbyarbeit betrieben. Nur wichtige Themen werden nicht angesprochen. Es ist ja toll das bei uns gleichgeschlechtliche Paare Eltern sein dürfen. Noch toller finde ich es das 70% der Deutschen die Altersarmut erwartet, sie sich die Gesundheit nicht mehr leisten können, wir nicht mehr wissen wohin mit dem Atommüll aus den AKWs, das wir Privatbanken und Länder aus der Steuerkasse retten, Hartz 4 Kinder verblöden ( der Rest auch ). uvm.Aber, wir sind ja tolerant gegenüber Homosexuellen, stellen sie rechtlich und steuerlich der Familie gleich, drauf gepupt das Alleinerziehende Steuerklassen 1 haben und dafür bluten müssen. Das gleicht alle Ungerechtigkeiten wieder aus.

  • Theeuropean-placeholder
    Richard Peifer – 02.12.2010 - 16:30

    Ob es Menschen in Deutschland (oder andernorts) an Humor mangelt ist ziemlich egal für politische Debatten.
    Wohlwollen für andere Meinungen zu zeigen, und eigene Positionen auch kompromissfähig zu vertreten, ist aber eine Grundvoraussetzung für Debatten.
    Die Rede von Thomas Krüger kann man mögen oder heftig kritisieren, aber seine Rede war kein Angriff auf irgendjemanden, sondern eine moderat vorgebrachte Meinungsäußerung. Darauf mit völlig überzogener Polemik zu reagieren ist für eine kleine Zielgruppe natürlich sau-lustig, einer Auseinandersetzung mit dem Thema aber einfach nur abträglich. Muss denn jede Auseinandersetzung völlig überhitzt ablaufen?

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