HÖREN SIE, mich macht dieses Google Street View völlig fertig. Allerdings nicht aus den gleichen profanen Gründen, die dieser Tage die Leitartikel bestimmen: Dem Bürger würde das Recht auf das eigene Straßenbild abgesprochen. Oder: Der Google-Konzern maße sich an, die Nachfolge des kaiserlichen Vermessungsamtes (F.A.Z.) anzutreten. Bitte, das ist doch alles Fassade.
Nein, ich fühle mich schlichtweg ausgeschlossen, ausgestoßen. Ich besitze kein Haus, nicht einmal eine Reihenhaushälfte. Das Haus meiner Kindheit befindet sich in einem Park, in den außer dem Postauto und im Bedarfsfall der Feuerwehr keiner hineinfahren darf. Es gilt als ausgeschlossen, dass Google deshalb seine Agenten als österreichische Spaziergänger mit im Fasanenfederhut versteckter Kamera tarnt. Selbst sämtliche von mir bewohnten Wohnungen führen in nicht einsehbare Gärten, was bisher als vorteilhaft gegolten hat, nunmehr aber als deutlicher Standortnachteil angesehen werden muss. Zumindest wenn man bei geografisch interessierten Google-Street-View-Usern in Ohio, Bangladesch oder Hafnarfjörður nicht als Nullnummer gelten will, als weißer Fleck auf der Landkarte, als ein Nichts.
Die Verlierer unseres Zeitalters
Ist Ihnen aufgefallen, dass in der letzten Zeit auffällig viele Menschen sinnlos im Straßenbild herumstehen? Ich meine, man steht nicht einfach so herum. Schon gar nicht in Deutschland, jedenfalls keinesfalls in Westdeutschland. In Wien stehen immer schon Leute einfach so herum, lächeln versonnen ihrer eigenen Spiegelung auf einer Motorhaube entgegen oder unterhalten sich tagelang mit einem Laternenpfahl – aber das ist ein anderes Phänomen.
Ich meine, diese nunmehr auch in früheren Metropolen der Geschäftigkeit herumstehenden Alltagsskulpturen durchschaut zu haben. Es sind bedauernswerte Außenseiter des digitalen Zeitalters, die auf Facebook wegen Inaktivität (keine Freunde) gelöscht wurden und deren selbst angefertigte Youtube-Videos rund drei Klicks aufweisen – nämlich von sich selbst. Würde Gerhart Hauptmann heute leben, er hätte längst ein erschütterndes, wenn nicht sogar die Menschen aufrüttelndes Werk über diese Verlierer unseres Zeitalters geschrieben. Nun wittern sie ihre letzte Chance und harren der Ankunft des Google-Street-View-Wagens, der sie zumindest Teil eines Stadtbildes werden lässt.
Wenn Ilse Aigner & Co. meinen, sie müssten die Rechte der Bürger schützen, indem diese Einspruch gegen die Veröffentlichung ihrer Schrebergärten einlegen und ihre davor parkenden Kleinwägen pixeln lassen können, ist das zu kurz gedacht. Der Rechtsstaat ist erst wieder hergestellt, wenn das eigene Vorhandensein einklagbar ist. Im Mittelalter wurden Unterschichten geknechtet, sie wurden unterjocht. Aber nie hat man sie ausradiert. So niederträchtig ist die Gesellschaft erst heute. Vergleiche mit anderen Zeitaltern verbieten sich, aber Sie wissen, was ich meine.
Ich selbst gehöre natürlich nicht zu diesen digitalen Leprakranken. Ich selbst verfüge über einen ansehnlichen Facebook-Account mit einem Freundeskreis im Tausenderbereich, dem unter realen Umständen das Stadtrecht verliehen werden müsste. Und nun habe ich sogar eine wöchentliche Kolumne auf dieser, wie gesagt wird, viel beachteten Plattform, die sicher längst von Lead-, ADC- und Grimme-Academy wohlwollend beobachtet wird. Verzeihung, aber das ist nicht mehr digitaler Bahnsteigadel, das ist Oberhaus.
Google Street View ist der High-Class-Event der Stunde
Bloß: Wer redet heute noch ernsthaft über Facebook, Online-Magazine oder Blogs? Vielleicht die Zeitschrift “Focus” und Volker Panzer im ZDF nachtstudio. Google Street View aber ist der High-Class-Event der Stunde, da muss man hin. Und wo bin ich? Ich sitze vor den von mir präferierten Kaffeehäusern, dem Café Weimar, dem Schellingsalon, dem Bazar oder dem Einstein und rutsche nervös auf dem Stuhl herum. Was, wenn ich gerade in der falschen Stadt bin, was, wenn der Wagen die Währinger runterkommt, während ich Unter den Linden lungere?
Im Moment schreibe ich diese Zeilen im Garten des Salzburger Café Bazar. Am Nebentisch sitzt die Schauspielerin Birgit Minichmeyer, die bei den Festspielen die Buhlschaft gibt. Sie sitzt dauernd hier, kreischt und krawallisiert, mosert und brandauert, trägt schrille Farben und produziert sich auffällig auffällig. Ich bin mir inzwischen sicher, auch sie wartet auf den Wagen. Jemand wie sie gilt als gut informiert. Bald kommt der Wagen und nimmt uns auf. Dann kommt unsere, dann kommt meine große Stunde, dann bin ich mit von der Partie, gebe aufgeregte Interviews in Tagesschau und Spiegel-TV, ziehe vor Gericht, werde Widerstand und lasse mich selbst vor den Augen der Welt pixeln.




















wie so macht der sich so groß
ist er so klein
Mhh die gute web sonne ahhh