Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen. Helmut Schmidt

„Revolutionen beginnen im Kopf“

Changers.com gibt sich unbescheiden und verspricht nichts weniger als eine Revolution. Wie die aussehen soll, was soziale Netzwerke dazu beitragen und warum hippe Early Adopter demnächst mit einem Solarpanel durch Berlin laufen sollten, erklärt die Gründerin Daniela Schiffer im Interview.

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The European: Für Ihre Präsentation auf der Berliner Konferenz TEDx haben Sie ein revolutionäres Motiv von Eugène Delacroix gewählt: „Die Freiheit führt das Volk“. Wie sieht die Revolution aus, die Sie sich vorstellen?
Schiffer: Revolutionen beginnen im Kopf. Eine Revolution fängt in dem Moment an, in dem man entscheidet, dass man etwas verändern möchte. Und deshalb haben wir mehrere Revolutionsmotive gewählt, etwa den Fall der Berliner Mauer. Es geht uns um den Moment, in dem man sich gemeinsam entscheidet, etwas zu verändern. In unserem Fall wollen wir jeden dazu einladen, sein Energieverhalten zu ändern. Jeder kann seine Energie selber produzieren und nutzen – sie nicht nur einspeisen, sondern direkt konsumieren und damit CO2 einsparen.

The European: Sie schreiben, wir sollen unseren Begriff von Energie ändern; unser Verständnis davon, was Energie eigentlich ist. Wie würden Sie unsere bisherige Definition beschreiben und warum müssen wir sie anpassen?
Schiffer: Wir müssen nicht die Definition ändern, sondern unser Wissen erweitern. Schließlich führen wir am anderen Ende der Welt Kriege um Öl und wissen nicht einmal, wie viel Energie es kostet, ein Handy aufzuladen. Was bedeuten 100 Watt? Was bedeutet ein Ampere? Wenn ich meine Energie selber produziere, beginne ich mich mit Energie zu beschäftigen und entwickele ein Gefühl dafür.

„Es müssen nicht alle das Licht ausmachen oder auf Fleisch verzichten“

The European: Also geht es um ein Bildungsprojekt.
Schiffer: Bildung ist ein Nebeneffekt, wir wollen die Leute dazu einladen, Spaß zu haben, während sie etwas verändern. Es geht nicht darum, wahnsinnig fair zu sein oder sich selbst zu kasteien. Es müssen nicht alle das Licht ausmachen oder auf Fleisch verzichten.

The European: Eine wichtige Komponente spielt dabei Social Media. Über ein soziales Netzwerk können sich Kunden miteinander messen und darum wetteifern, möglichst viel Energie zu produzieren.
Schiffer: Genau, wir wollen Verhalten sichtbar machen. In diesem Fall geht das am besten mit einer Visualisierung des erzeugten Stroms und des eingesparten CO2. Wir motivieren die Leute auf diese Weise nachhaltig.

The European: Und dabei hilft sozialer Gruppendruck?
Schiffer: Bestimmt. Bei uns im Büro funktioniert das bereits sehr gut. Alle Mitarbeiter haben ein Changer-Gerät und hier gibt es einen richtigen Wettbewerb. Jeder misst sich mit den Kollegen, jeder will mehr sparen als die anderen. Wir haben eine interne Rangliste und jeden Morgen geht das Geschrei los: „Hey, du hast am Wochenende aufgeholt – bist du wahnsinnig?“ Das ist ein spielerischer Umgang mit einer ernsten Thematik. Gleichzeitig belohnen wir unsere Kunden mit einem speziellen Punkte-System, den „Changers Credits“ – je mehr Solarstrom der User produziert, desto mehr Punkte sammelt er. Diese kann er am Ende gegen Begünstigungen und Nachlässe bei Partnershops eintauschen.

„Es gibt ein großes Bedürfnis nach Unabhängigkeit“

The European: Das erste Produkt, das Sie auf den Markt bringen werden, ist ein Technik-Gadget. Design und Kompatibilität mit Apple-Produkten spielen dahei eine große Rolle.
Schiffer: Wir versuchen, den Köder an der Angel besonders lecker zu machen. Größere Geräte, die noch mehr Strom produzieren, sind vielleicht nicht direkt bezahlbar. Für den Anfang haben wir eine bestimmte Zielgruppe im Sinn. Design- und gadgetaffine Early Adopters.

The European: Großstadtklientel.
Schiffer: Ganz klar. Aber wir haben bereits Ideen für die nächsten Geräte-Generationen. Unsere Vision ist es, in naher Zukunft den gesamten Haushalt mit selbst produzierter Energie zu betreiben. Am Anfang geht es uns darum, die Leute erst einmal langsam heranzuführen.

The European: Eine nachhaltige Lösung, die auf einzelnen Geräten basiert und nicht zwingend an ein großes Netz angeschlossen werden muss, bedeutet auch Autarkie. Denn am Ende sind wir trotz unserer Mobilität stets an die Steckdose gebunden. Ist diese Unabhängigkeit ein weiterer Anreiz?
Schiffer: Es gibt ein großes Bedürfnis nach Unabhängigkeit, denn die gibt auch Sicherheit. Nehmen wir als, zugegeben krasses, Beispiel einmal die Atomkatastrophe in Fukushima: Wie viele Leute konnten ihre Verwandten nicht mehr anrufen, weil der Akku ihres Handys leer war? Auch wenn das bei unserem Projekt nicht im Mittelpunkt steht, ist klar, dass ein System umso resistenter ist, je dezentraler es organisiert ist.

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