Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Florian Bernschneider

„Der starke Euro ist ein Spiegel der guten Krisenpolitik“

Die EZB hat angekündigt, den Euro drücken zu wollen, um eine Deflation zu verhindern. Daniel Schär erläutert im Gespräch mit The European, wie japanische Verhältnisse verhindert werden können und was die Europawahl für den Euro bedeutet.

The European: Herr Schär, ist der Euro wirklich zu stark, so wie es Mario Draghi und die EZB gerade behauptet haben?
Daniel Schär: Ich würde die derzeitige Situation des Euros mit der Redensart „die Geister, die ich rief“ aus dem Zauberlehrling umschreiben wollen. Im Jahr 2012, als die Euro-Zone auseinanderzubrechen drohte, flüchteten die Investoren aus dem Euro-Raum und der Euro war unter Druck. Herrn Draghi gelang es im Sommer 2012 auf der EZB-Pressekonferenz mit geschickter Rhetorik, die Trendwende einzuleiten. Die Worte „die EZB ist bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten“ waren das, worauf die Marktteilnehmer gewartet hatten. Seitdem haben sich die Krisenländer der Euro-Zone deutlich erholt. Das lockte Investoren und half dem Euro. Er konnte seit dem Tief gut 13 Prozent zulegen. Der aktuell starke Euro ist ein Spiegel der guten Krisenpolitik der EZB.

The European: Goethes Zauberlehrling merkt erst zu spät, dass er die „Geister nicht mehr los wird“. Schafft Draghi dagegen die Trendwende?
Schär: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass ihm auch diesmal die Wende gelingt. Es sollte allerdings viel mehr an den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen als an den Äußerungen von Herrn Draghi liegen. Die Notenbanken in den USA und Großbritannien sind dabei, die geldpolitischen Zügel wieder etwas anzuziehen, nachdem die Konjunktur in den Ländern wieder Fahrt aufgenommen hat. Man spricht hier langsam wieder von Zinserhöhungen. Das Gegenteil ist in der Euro-Zone zu beobachten. Hier werden schon auf der nächsten Sitzung Anfang Juni weitere Schritte zur Lockerung der Geldpolitik und zur Stützung der Wirtschaftsentwicklung erwartet. Der Unterschied in den Leitzinserwartungen schwächt den Euro. Auch die Ergebnisse der Europawahl unterstützen diesen Trend.

„Oberstes Gebot ist die Sicherung der Preisstabilität in der Euro-Zone“

The European: Die erste Reaktion der deutschen Märkte auf die Europawahl war positiv, in anderen europäischen Ländern wie Großbritannien oder Frankreich ist die Stimmung deutlich verhaltener. Was wiegt mehr: Dass der Rechtsrutsch nicht so stark ausgefallen ist wie befürchtet – oder die doch zum Teil sehr starken Ergebnisse der eurokritischen Parteien?
Schär: Ein einheitliches Bild ist nach den Wahlen nur schwer auszumachen. Die Grundtendenz ist sicherlich europakritischer geworden. Die Mehrheit im Europaparlament wird aber weiter von den Pro-Europa-Blöcken gebildet, die den bisher verfolgten Kurs weiter beschreiten werden. Das Ergebnis in Frankreich ist mehr als „Denkzettel“ für die Politik des amtierenden Präsidenten François Hollande zu sehen. Frankreich ist in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld und braucht Europa mehr denn je. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone kehrte zwar im ersten Quartal 2014 wirtschaftlich auf den Wachstumspfad zurück, wichtige Reformvorhaben und eine Konsolidierung der Staatsfinanzen wurden jedoch bisher nicht oder nur halbherzig angegangen.

The European: Wird das Ergebnis der Europawahl einen Einfluss auf die Entwicklung des Euros und die Geldpolitik der EZB haben?*
Schär: Sollte sich aus dem Wahlergebnis ein breiter europakritischer Trend in den Mitgliedsländern der Euro-Zone entwickeln, wird das sicher nicht ohne Folgen für den Euro sein. Aktuell ist diese Entwicklung nicht festzustellen, aber die Devise „Europa um jeden Preis“ scheint weniger Befürworter zu finden. Somit schwächt das Wahlergebnis tendenziell den Euro. Auf die Geldpolitik der EZB hat das Ergebnis der Europawahl keinen Einfluss. Es gilt weiter das Prinzip der Unabhängigkeit der Notenbank. Oberstes Gebot ist die Sicherung der Preisstabilität in der Euro-Zone. Hier macht sich die EZB derzeit Sorgen vor Inflationsraten, die zu lange auf einem zu niedrigen Niveau verharren. Abschreckendes Beispiel ist Japan, das sich von 1998 bis 2013 in einem deflatorischen Umfeld befand und sich nur mit sehr gewagten geldpolitischen Experimenten aus dem Deflationsbereich befreien konnte. Das Szenario möchte die EZB auf jeden Fall vermeiden.

The European: Was sind die nächsten Schritte, die von der EZB zu erwarten sind, um einer Entwicklung wie in Japan vorzubeugen?
Schär: Seit Monaten wird darüber spekuliert, ob und wie die EZB tätig wird. Wie bereits erwähnt, verdichten sich aus dem Umfeld der Notenbank die Anzeichen, dass in der kommenden Woche geldpolitische Lockerungsmaßnahmen verkündet werden. Der Strauß an Möglichkeiten ist bunt und reicht von Zinssenkungen bis hin zu Kaufprogrammen für verbriefte Kreditportfolios. Die Kapitalmarktteilnehmer erwarten eine Senkung des Leitzinses auf 0,1 Prozent und Strafzinsen in Höhe von -0,1 Prozent auf kurzfristige Einlagen von Kreditinstituten bei der EZB. Die Banken sollen damit ermutigt werden, mehr Kredite an Unternehmen, speziell in Südeuropa, auszureichen. Den Banken steht allerdings grundsätzlich nicht der Sinn danach. Der europäische Bankenstresstest und strengere regulatorische Vorgaben ermuntern eher zur Risikoreduzierung in der Bilanz und zur Erhöhung des Eigenkapitals.

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