Die Gegenwart kann man nicht messen. Alexander Kluge

Deutschland - Im Schneckentempo in Richtung Datenrevolution

Deutschland und Europa sind auf dem besten Weg zu digitalen Entwicklungsländern zu werden, die am Tropf der führenden digitalen Nationen hängen.

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Daten – das Gold des 21. Jahrhunderts, die neue Wirtschaftswährung, der Treibstoff für Innovationen, das neue Öl, die Basis unserer Vernetzung und aller digitalen Dinge in unserem Leben: das Internet, Mobilfunk, Finanzindustrie, Energiewirtschaft, Gesundheitswesen oder Verkehr, um nur einige zu nennen. Große Datenmengen aus Quellen wie Google, sozialen Medien, Bezahldiensten, Smart Homes und Alltagsgeräten, Wearables oder Fahrzeugen erzeugen ein riesiges globales Datenvolumen. Die Digitalisierung der Industrie ist allgegenwärtig und das Potential für die Wirtschaft ist enorm: Produktionsoptimierung, Vorsprung in Wissenschaft und Forschung, Terrorbekämpfung, Verkehrsstaubewältigung, der bessere Verkauf von Waren und Dienstleistungen und noch vieles mehr. Jedoch stammen die wichtigen Akteure, die derzeit die Big Data Entwicklungen vorantreiben, nicht aus Deutschland. Nicht einmal aus Europa. Wie will Deutschland die digitale Zukunft mitgestalten, wenn wir jetzt nicht aktiv sind? Deutschland verschläft die Datenrevolution und gefährdet somit den Erfolg unseres Landes nachhaltig. Vielen Managern in Europa fehlt entweder die Vision oder der Mut langfristig zu investieren.

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland hinterher

Von den 20 nach Marktkapitalisierung größten Internetunternehmen stammt 2017 keines aus Europa. Die Plattformunternehmen Alphabet, Facebook, Amazon und Alibaba sind nach Marktkapitalisierung wertvoller als alle 30 DAX-Unternehmen zusammen , dennoch geben 62 Prozent der von der Bitkom in einer repräsentativen Studie befragten Geschäftsführer und Vorstände an, dass sie noch nie von den Begriffen Plattform-Ökonomie, Plattform-Märkte oder digitale Plattformen gehört haben . Allein Facebook und Google sind für ein Drittel des weltweiten Datenverkehrs im Internet verantwortlich. Auch wenn Menge hierbei nicht ganz gleichzusetzen ist mit Wert, so wird wohl niemand mehr anzweifeln wie überragend die Wettbewerbsposition dieser Unternehmen im Bereich Daten ist. Und das gilt in der Regel für fast jede erfolgreiche Plattform. Daten sind der wichtigste Erfolgsfaktor von Plattform-Unternehmen. Gleichzeitig produzieren sie so viele Daten, dass sie auf dieser Basis neue und in vielen Fällen disruptive Produkte schaffen können, die aus dem Stand heraus eine herausragende Qualität auf Basis der Daten erreichen. Sehr schnell ist der Lock-In-Effekt, also das Abhängigkeitsverhältnis von Kunden zu ihrem Anbieter so groß, dass Nachahmer kaum noch eine Chance haben. Die zumindest eine Zeitlang halbwegs erfolgreiche Strategie von Copycat-Königen wie Rocket Internet, die Deutschland und Europa zumindest im Spiel gehalten hat, versagt in diesem Zusammenhang zusehends. Die Zeit, die bleibt, um mit dem Kopieren zu beginnen, wird immer kürzer. Da das aber bedeutet, dass man unter viel höherem Risiko kopieren muss, ohne dass der proof of concept beim Objekt, das man kopieren möchte, bereits eingetreten ist, bewegen wir hasenfüßigen Manager uns nicht mehr.

Chancen nutzen, um den Anschluss nicht zu verpassen

Auch wenn wir schon recht gut darin sind, mit Begriffen wie Big Data, Smart Data oder Artificial Intelligence um uns zu schmeißen, ist das Handeln in den meisten Unternehmen noch viel zu wenig davon geprägt. Deutschland braucht ein Verständnis für Daten- und Plattform-Ökonomie, damit wir im internationalen Vergleich die nächsten Jahrzehnte erfolgreich mitgestalten können und nicht von den führenden US-Anbietern abhängig bleiben. Um den Anschluss nicht zu verpassen, sollten Entscheider sich einige Aspekte bewusstmachen:

1. Datenstärke

Datenstarke Plattformen aufzubauen, dürfte zum jetzigen Zeitpunkt und vor allem kurzfristig in Deutschland wohl nur über kollaborative Ansätze schnell genug realisierbar sein. Kooperationen, die Daten branchenübergreifend teilen und das Ziel verfolgen, mehr Innovationen, Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit hierzulande zu fördern. In den vergangenen zwei Jahren haben sich einige Daten-Allianzen am deutschen Markt gebildet. Zu viele, parallel und unabgestimmt agierende Initiativen bergen jedoch die Gefahr, dass die erforderliche Datenqualität und –quantität nicht erreicht wird. Das übergeordnete Ziel, die Weichen für einen wettbewerbsfähigen deutschen Markt zu stellen, wird dadurch möglicherweise beeinträchtigt. Neben emetriq verfolgen Initiatoren aus der Werbebranche bereits erste kollaborative Ansätze, die bei genauerer Betrachtung kompatible und teilweise sogar synergetische Ziele haben. Die Bündelung der Stärken über Kooperationen wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Unabhängigkeit für die Werbeindustrie. Die Nutzung von Synergieeffekten zwischen einzelnen Allianzen sollten daher gefördert werden, statt neue walled gardens aufzubauen. Die deutsche digitale Werbewirtschaft braucht kein GAFA-Pendant!

2. Mutige Investitionen

Deutsche Unternehmen brauchen mehr Mut zu eigenen Visionen und zu deutlich größeren und riskanteren Investments. Wir investieren viel zu hasenfüßig und stellen schnelle Profitabilitätserwartungen vor langfristige Visionen. Mark Zuckerberg hat schon 2014 auf die Frage, wann man beginnen würde aus Whatsapp ein Business zu machen, geantwortet: “Products don’t really get that interesting to turn into businesses until they have about 1 billion people using them“. Auch wenn diese Zahl nicht auf alles übertragbar ist, spricht daraus eine zweite viel wichtigere Erkenntnis: Facebook baut etwas auf und denkt vor Erreichen der relevanten Grenze nicht daran, daraus ein „Business“ zu machen. Wann verstehen wir, dass der Aufbau erfolgreicher (Plattform-) Unternehmen nicht mehr in der Garage beginnt und das boot strapping zwar erfolgreich sein kann, aber nicht reicht, um eine der Top digitalen Nationen zu werden?

3. Sharing

Teilen wir, so haben wir am Ende mehr. Das lehren wir schon unseren Kindern. Auch in der Datenwirtschaft lohnt es sich für Unternehmen sich an kollaborativen Data-Sharing-Modellen zu beteiligen. Im Alleingang wird kaum ein Unternehmen eine nennenswerte wirtschaftliche Bedeutung erzielen. Auch in anderen Branchen zeigen sich die Vorteile eines gemeinschaftlichen Ansatzes – wie zum Beispiel in der Open-Source-Software-Entwicklung. Zudem gibt bereits etliche Erfolgsgeschichten zur Sharing-Economy, vor allem in den Bereichen Reisen, Car-Sharing, Finanzen, Personal und Musik-/Video-Streaming.

h6.4. Partnerschaftliche Zusammenarbeit

Wann fangen wir an, unsere Dienstleister als Partner zu verstehen? Wer das Buch „Happiness“ von Tony Hsieh, einem der Gründer des US-amerikanischen Online-Fashion-Shop Zappos liest, wird feststellen, dass genau das das Überleben des Unternehmens mehr als einmal ermöglicht hat. Die enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Zulieferern und Dienstleistern ist bis heute einer der zentralen Werte von Zappos. Es ist ein neues Verständnis von Zusammenarbeit notwendig, um zukünftig erfolgreich zu sein: nur so wird das Ganze mehr als die Summe der Teile.

5. Staatliche Unterstützung

Um im internationalen Vergleich zu bestehen, müssen in Deutschland die Möglichkeiten gegeben sein, Ideen voranzutreiben. Die aktuelle Diskussion zur ePrivacy-Verordnung nimmt eine Richtung ein, die die marktbeherrschende Stellung von Plattformen wie Google und Facebook im Bereich Daten endgültig festschreiben könnte, weil Plattformen wie kein anderes Unternehmensmodell in der Lage sind sogenannte „Opt-Ins“ zur Datenverwendung zu generieren. Bedenkt man, dass die DSGVO und ePVO angetreten sind, um dem Wildwuchs im Umgang mit Nutzerdaten insbesondere von Google, Facebook und Co. einen „Riegel vorzuschieben“, dann mutet diese Entwicklung fast wie eine Farce an. Regierung, Lobbyisten, Unternehmensvorstände müssen aufwachen, bevor es zu spät ist!

Deutschland muss umdenken! Unternehmen müssen den Wert sowie das Potential von Plattform-Modellen und Daten verstehen, Datenkompetenz aufbauen und mutige Visionen verfolgen, um sich für die digitale Zukunft zu rüsten. Eine sinnvolle Datenstrategie ist ein wichtiger Teil für die eigene Innovationskraft und somit essentiell für das wirtschaftliche Wachstum.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulrich Stephan, Bündnis 90 Die Grünen, Alexander Dobrindt.

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