In der Welt des Unsinns gibt es wenige Herrscher. Alexander Kissler

Der Griechenland-Joker

Die europäische Politik nutzt Griechenland als Ausrede für unliebsame Entscheidungen. Opfer werden zu Tätern gemacht – mit fatalen Folgen für die Menschen vor Ort.

In der europäischen Öffentlichkeit denkt man beim Stichwort „Griechische Krise“ automatisch an Korruption, armselige Regierungen und sozialen Aufruhr. Diesen Eindruck nutzen Regierungen anderer Länder und politische Kommentatoren, um in ihren eigenen Ländern politische Veränderung zu provozieren. Mit Drohungen von einer Zukunft „mit griechischen Verhältnissen“ werden unpopuläre Reformen gerechtfertigt und interne Aufstände angeheizt. Mit Phrasen wie „Griechische Tragödie“, „Griechenland soll uns eine Warnung sein“, „Griechische Alternative“ und „Griechenland in die Krise folgen“ wird angstgetriebene Politik vorangetrieben, die auf Krisen- und Unsicherheitsrhetorik basiert.

Grenzenlose Manipulation

Die Troika sowie politische Kommentatoren in Nordeuropa versuchen systematisch, undurchsichtige globale Kapitalströme in vordefinierte Schubladen zu stecken und auf Basis dieses Schubladendenkens gezielte Schuldzuweisungen zu treffen – vor allem an Nationalstaaten.

Dabei schreiben sie jedem Land in unkritischer Weise gesellschaftspolitische Eigenschaften zu, ohne dabei die kulturellen Nuancen des Neoliberalismus zu berücksichtigen. Es entsteht ein Klischee, welches politische Manipulation ermöglicht – über alle Grenzen hinweg. In den internationalen Medien werden gleichzeitig Trugbilder als objektive Berichterstattung verbreitet, obwohl sie die Komplexität der wahren Umstände vor Ort verschleiern.

Die Krise in Griechenland ist mittlerweile eine rhetorische Figur im politischen Theater Europas. Sie wird als eine Art Schock-Taktik eingesetzt, um gesellschaftspolitische Veränderungen zu rechtfertigen. Die Vorstellung eines Neustarts, um wirtschaftliche Katastrophen („von griechischem Ausmaß“) zu vermeiden, dient dabei vielen Zwecken. Auf der europäischen Bühne gelten die Karikaturen unfähiger Politiker, die ihre Länder in eine Art Griechische Tragödie führen, als gemeinsame Bedrohungen.

Zudem wird das griechische Volk als Auslöser der Krise dargestellt, nicht als ihr Opfer. Zusammen mit immer neuen Schüben der Sparpolitik schafft diese Erzählung den Eindruck von Verfolgung und Elend unter den Griechen. Vor Ort ist die Krise ständig präsent. Fortdauernde Nachrichten- und Diskussionssendungen thematisieren die steigende soziale Armut, neue Korruptionsskandale oder die neusten Versprechen der Politik. Jede Woche ist die „kritische Woche“ für die Zukunft des Landes. Und doch geht das Leben weiter. Zumindest an der Oberfläche ist von den Auswirkungen der Krise im alltäglichen Leben wenig zu sehen. Öffentliche Demonstrationen sind nur klein und finden unregelmäßig statt. Die Menschen gehen ihren täglichen Verpflichtungen nach.

Rückkehr zur deutschen Besetzung

Unter der Oberfläche zeigen sich jedoch die Konsequenzen der Austeritätspolitik. Die Selbstmordrate steigt dramatisch, es droht eine Rückkehr zu Zeiten des Hungers und die Menschen fühlen sich wie in einem besetzten Land. Die Renaissance von Brennholz als Ersatz für teure Öl-Heizungen wirft die Frage nach Griechenlands Stellung im modernen Europa auf.

Eine EU-Initiative, die armen Bauern dabei hilft, futuristische Photovoltaik-Panels auf den besten Anbauflächen zu installieren, wird als Neo-Kolonialismus empfunden. Eine Rückkehr zur deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Selbst Graffitis sind mittlerweile weniger ein Ausdruck von politischer Wut und Anarchie, sondern lesen sich eher emotional und verzweifelt: Sie richten sich kaum mehr an die Politik einer Partei. Wo der Protest einst schockierende Ausmaße annahm, wurde er mittlerweile introvertierter und hat sich in die privaten Bereiche zurückgezogen.

Die Effekte der Austeritätspolitik sind allerdings schlimmer als je zuvor. Die Bürger konzentrieren sich nur mehr auf das Überleben, sie haben resigniert und wissen, dass sie nichts an ihrer Situation ändern können. Das führte auch zum Aufstieg spezieller Protestgruppen wie der rechtsextremen Partei „Goldene Morgendämmerung“. Zwar stimmt die Mehrheit der Bevölkerung dieser Partei nicht zu, sie zeigt trotzdem ein gewisses Verständnis für die Gründe ihres Kampfes. Die Partei wurde zu einem neuen Ventil für die Wut darüber, dass politische Eliten davonkommen, während die gewöhnlichen Menschen durch Austerität zu unerträglichem Leid gezwungen sind.

Griechenland erlebt 15 Minuten Schande

Aber wie lange kann die „Griechischen Krise“ als politrhetorische Figur überleben? Bleibt sie unmittelbar mit schlechter Regierung, wirtschaftlichem Missmanagement, Korruption und sozialen Unruhen verbunden – ein künftiges Beispiel wie die Panik von 1907 oder die Weltwirtschaftskrise in den 1930ern? Die griechische Krise kann nur beschränkte Zeit im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen. Ihre Wirkung als Werkzeug der politischen Rhetorik ist also endlich, selbst wenn die neoliberale Krise ihre zerstörerische Flugbahn durch Geschichte und Geografie fortsetzt.

Griechenland erlebt momentan seine 15 Minuten (oder eher halbe Stunde) globaler Schande. Die Gelegenheit für politischen Opportunismus, der als „Griechische Krise“ international für Panik sorgt, geht vorbei – aber die Griechen werden ihre Konsequenzen noch Jahrzehnte spüren.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stephan Schleim, Christoph Butterwegge, Majia H. Nadesan.

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