Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen. Henry Ford

Mit der Unschuld ist es aus

Europa verschlief das Erwachen der Araber – Israel hat bis heute keine Haltung dazu finden können. Immerhin hat das den Arabischen Frühling bislang davor bewahrt, zum Opfer von Verschwörungstheorien zu werden.

Wäre George Antonius am Leben, könnte er sich kaum retten vor Interview-Anfragen über das „arabische Erwachen“, denn er erfand diesen Begriff. Unter dem Titel „The Arab Awakening“ erschien 1938 seine Geschichte des Nahen Ostens. Antonius – halb Ägypter, halb Libanese – prägte mit seinem Narrativ Politiker, Wissenschaftler und Journalisten. Demnach schlummerte die arabische Identität Jahrhunderte dahin und wurde erst durch westliche Kultur und Bildung aufgeweckt. Aber die Kolonialmächte ließen die Araber fallen, obwohl sie sie zum Kampf für Unabhängigkeit ermutigt hatten.

Die Schuld an der verhinderten arabischen Nation und der folgenden Misere traf die Europäer und ihren Verbündeten Israel. Arabische Intellektuelle machten sich dieses Lamento ebenso zu eigen wie ihre Herrscher.

Stell dir vor, es ist Revolution und alle verschlafen

Im Arabischen Frühling jedenfalls weckten die Europäer niemanden – sie haben ihn erst einmal verschlafen. Ganz zu schweigen von den Israelis, die bis heute keine Haltung zum Umbruch in der Nachbarschaft entwickelten.

Dass Israel so passiv blieb, kritisierten viele – auch Christian Boehme in dieser Debatte. Nun gut: Von Netanjahu war nichts Originelles zu erwarten. Aber wie sollte er handeln? Es wäre verlogen gewesen, den „demokratischen Aufbruch“ lautstark zu begrüßen – und hätte der Sache nicht gedient.

Was die Israelis nun tun können? Ihre Regierung abwählen, den Siedlungsbau in den palästinensischen Gebieten stoppen und sich um eigene Belange kümmern. Israels Verhandlungspositionen werden nicht komfortabler mit der Zeit. Denn die westlichen Verbündeten haben längst den Taschenrechner in der Hand und fragen sich: Was kostet uns die Unterstützung einer rechtsgerichteten Regierung?

Charme-Offensiven für die Araber sind jetzt nicht gefragt – da liegt Netanjahu richtig. In Ägypten wissen alle Parteien: Beschwichtigende Worte zu Israel nützen im Wahlkampf ebenso viel wie die Forderung, Steuern zu verdoppeln oder das Bohnenessen zu verbieten. Wer nicht als Agent des Auslandes diskreditiert werden will, hält sich erst einmal zurück – aus Erfahrung.

Doppeltes Spiel

Denn die Diktatoren spielten uns und ihre Untertanen gegeneinander aus: Uns erzählten sie, Islamisten seien am Stillstand schuld, drüben musste der bigotte Westen den Sündenbock geben. Seit die Araber 2011 abermals erwacht sind, hat es sich hoffentlich ausgespielt.

Auch wenn Islamisten-Demos manchen in Europa unbehaglich stimmen, ist die Sympathie noch nicht verbraucht: Das wird aber nichts daran ändern, dass die Nationen im Umbruch ganz auf sich allein gestellt sind. Ein paar Hundert Millionen für Staatskredite aus Europa hin oder her.

In Tunesien und Ägypten soll es bald Wahlen geben. Dabei ist nicht entscheidend, wer die Parlamentsmehrheiten stellt, sondern dass ein System der Rechenschaft entsteht. Mubarak, Ben Ali – auch Libyens Gaddafi – herrschten nämlich mit einem Taschenspielertrick. Sie ließen ihre Schuld am Elend ganz einfach verschwinden und beförderten Verschwörungsmythen über die Machenschaften von CIA, Mossad, Freimaurern, Juden und Bahai. Wenn die Generation Facebook etwas leisten kann, dann der Versuchung solcher, alles erklärender Theorien zu widerstehen und ihre Regierungen als Gradmesser eigener politischer Reife zu betrachten.

Bei den Tunesiern stand diese Reife zuletzt in keinem Verhältnis mehr zur Art, wie sie regiert wurden. Deshalb begann dort – und nirgendwo anders – das arabische Erwachen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander Wallasch – 22.08.2011 - 10:32

    So laut wird in der Regel nur gegen Verschwörungstheorien gesprochen, wenn es gar keine sind. Sie “betteln” ja direkt darum, Israel in die Machenschaften rund um Nordafrika mit einzubeziehen. Was soll man verschwören? Den Weg Israels hin zu einem Großisrael. helfen Sie uns auf die Sprünge.

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander Wallasch – 22.08.2011 - 10:38

    Heute sind es intern. Unternehmen, die über Regierungen Rebellionen anzetteln und durchfinanzieren. Die selben Unternehmen, die dann in Friedenszeiten Steuergelder in Milliardenhöhe abführen um die ihnen angeschlossenen Bankhäuser zu solidieren, die sie vorher ebenfalls geschröpft haben. Frank Schirrmacher hat es unlängst in der FAS zumindest ansatzweise kapiert. Erschütternd bis bedrohlich sind die Ereignisse in Libyen letztlich deshalb, weil es so dilettantisch möglich ist, ohne das die Presse den Ball auf
    nimmt. Die Berichterstattung zum Einmarsch der sogenannten libyschen Rebellen in Tripolis in TV und Großpresse ist wohl die peinlichste Farce seit Colin Powells “Beweisen” zu Husseins angeblichen Massenvernichtungswaffen.
    Korrekterweise müsste doch wohl die Nato mit den Französischen Bomberpiloten vorneweg einmarschieren. Und die Vertreter der ausländischen Geheimdienste die den ganzen Aufstand sicherlich mit vorbereitet haben ebenfalls. Aber was berichten die Medien? Da wird es geradezu softporno-prosaisch (gmx.de): “Jetzt hat der Aufstand begonnen – die Stunde Null ist gekommen”, raunen die Nachbarn in einem Stadtviertel im Zentrum von Tripolis einander zu." Kein einziges Wort in den Medien zum eigentlich Kriegsgegner hoch oben in der Luft. Da werden diese “Rebellen” wohlüberlegt hochstilisiert zu kleinen Castros und Che Guevaras und die Presse tut gerade so, als würden die Rebellen statt Tripolis Havanna erobern. Es ist lächerlich.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 22.08.2011 - 10:56

    Sehr geehrter Herr Gerlach, verstehe ich Sie recht: Sie entschuldigen Netanjahu und seine Meute “weil sie ja eh nicht anders können?” Was ist mit einer Demokratie, die eine solche Politik gewählt hat(N. immerhin zum 2.Mal)? Liegt die Verantwortung allein bei der israelischen Bevölkerung? (ich weiß- eine rhetorische Frage, die in gewisser Weise Ihnen gegenüber unfair ist)

    Manchmal laufen die Linien geschichtlicher Prozesse zusammen: Die israelische Landnahme und der alle Regeln verletzende Umgang mit den Palästinensern (und inzwischen mit nahezu der ganzen Welt), die innergesellschaftliche soziale Zerfaserung der israelischen Gesellschaft und der arabische Frühling.
    Hat der Umgang mit den Palästinensern das Unrechtsbewusstsein der allermeisten Israelis bisher nur partiell bewegt, so mobilisiert nun die soziale Ungerechtigkeit im Land die Massen. Langsam kommt man nun bei der israelischen Jugend darauf, dass die Landnahme und die Entsozialisierung der israelischen Gesellschaft gleiche Ursachen haben. Und begann man mit der Demonstration gegen eine asoziale Wohnungspolitik, so findet man sich vllt. jetzt zunehmend in einer Demonstration für gerechte Landverteilung wieder.
    In dem Maße, in dem man in Israel wieder das kleine Wort “Gerechtigkeit” als Modus des Ausgleichs und nicht nur als rechtfertigendes Werkzeug einseitiger Bereicherung erschließt, wird man auch zunehmend den Blick öffnen können für die Chancen, die sich mit den Prozessen in der Nachbarschaft eröffnen. Auch hier ist “Gerechtigkeit als Ausgleich”, sc.“Gerechtigkeit als Gleichheit der Rechte”, das Bindeglied.

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander wllasch – 22.08.2011 - 12:22

    heute auf SPIEGEL.de zu Libyen.

    Bin gespannt, wann das Blättchen recherchiert, das auch die Vorberitung zum Aufstand ähnlich gelagert ist. So genannte “Verschwörungstheorien” werden Realitäten. Man lese und staune.

    (SPIEGEL)

    “Zuletzt trainierten westliche Spezialeinheiten die Rebellen”

    “Zur gleichen Zeit sei die Koordination zwischen Nato und den Aufständischen intensiviert worden. Spezialeinheiten aus Großbritannien, Frankreich und anderen Ländern hätten zuletzt innerhalb Libyens die Rebellen ausgebildet und bewaffnet”

  • Theeuropean-placeholder
    – 25.08.2011 - 11:33

    worauf willst du eigentlich hinaus? es macht dich nicht moralisch erhaben, das selbe schwarzweiß-bild im negativ zu propagieren. grautöne malen hilft…

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