Nur Gott kann ohne Gefahr allmächtig sein. Alexis de Tocqueville

Abendländische Verwilderung

Amerikas Rechte bricht einen Moscheestreit vom Zaun und erstickt das Land in einer Spießigkeit, wie sie bislang nur in Europa denkbar schien.

Nun hat auch Amerika einen Moscheestreit – ein lautes Gezeter über das “Wir” und “Ihr” einer Gesellschaft. Über die Frage, wer Anspruch auf das Opfersein einer nationalen Katastrophe hat. Der Streit um den Bau eines islamischen Kulturzentrums in der Nähe des Ground Zero führt Amerika ein Stück näher an Europa heran – allerdings auf unerfreuliche Weise.

Wer hat Anspruch auf das Opfersein?

Bislang besaß der alte Kontinent mit seinen Begriffen von “Nation”, “Schicksalsgemeinschaft”, “Abendland” oder “christlich-jüdischer Kultur” das Monopol auf kleinkarierte Kulturkämpfe. In Amerika gibt es keinen Thilo Sarrazin – und auch keinen Geert Wilders. Natürlich leidet das Land keinen Mangel an Publizisten, die gegen “Minderheiten” und Migranten pöbeln. Es gibt dort nur schlechterdings kaum “Minderheiten”, weil fast jeder einer “Minderheit” entstammt.

Nun haben die Moscheegegner die Angst vor “islamischem Expansionismus” im eigenen Land als vermarktbares Ressentiment entdeckt – denn so stellen sie das islamische Kulturzentrum Park51 in Manhattan dar.

Den Amerikanern wird viel vorgeworfen: Arroganz und Ignoranz gegenüber einer komplexen Welt. Aber mit dem Kulturalismus, der die Gesellschaft in “Bürger” und “Muslime” unterteilt, hätte man Amerika früher nicht kommen dürfen – schon gar nicht einer Weltstadt wie New York.

Dass New York erst jetzt einen derartigen Moscheestreit hat, ist auch eine gute Nachricht. Selbst die Anschläge vom 11. September 2001 – von muslimischen Fanatikern im Namen des Islam verrichtet – haben diese Stadt bislang nicht um den Verstand gebracht. Das Prinzip, auf dem New Yorks Größe ruht, stand nie infrage: Religion und Herkunft haben uns egal zu sein, so hieß es. Ressentiments waren Privatsache – eine äußerst kluge, selbst verordnete Geisteshaltung.

Was der 11. September nicht geschafft hat, erledigt eine heruntergekommene Partei

Viele Amerikaner mochten ablehnend gegenüber Muslimen eingestellt sein, aber sie unterschieden sich darin von der europäischen Rechten. In Europa heißt es: Wir haben nichts gegen Muslime, solange sie im Orient sind. Amerikaner mochten den Nahen Osten für ein Reich des Terrors halten, aber sie fürchteten sich deshalb nicht vor Muslimen in Amerika.

Nun machen sich republikanische Wahlkämpfer daran, ihr Land zu verwildern und europäisch-abendländisch zu verderben. Was selbst das Trauma von 2001 nicht schaffte, erledigt nun eine heruntergekommene Partei: Weil Obamas Gegner wissen, dass sie mit Sarah Palin keinen Blumentopf gewinnen, spielen sie die Islam-Karte und schüren den Moscheestreit.

Jeder aufrechte Republikaner muss sich angesichts dieses Verrats am amerikanischen Traum einen Einfaltspinsel wie George W. Bush zurückwünschen. Denn die neue, kleinbürgerliche Rechte erstickt Amerika in einer Spießigkeit, wie sie bislang nur in Europa denkbar schien.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Mia Sammer – 27.08.2010 - 14:21

    Sehr geehrter Herr Gerlach

    Vielen DANKE für diesen Artikle.

  • Theeuropean-placeholder
    Wilfried Wöhler – 27.08.2010 - 14:29

    “Bislang besaß der alte Kontinent mit seinen Begriffen von “Nation”, “Schicksalsgemeinschaft”, “Abendland” oder “christlich-jüdischer Kultur” das Monopol auf kleinkarierte Kulturkämpfe.”

    Wie kommen Sie darauf? Mir ist der Begriff “christlich-jüdische Kultur” zuerst in Amerikanische Medien begegnet.

    [Judeo–Christian (sometimes written as Judaeo–Christian) refers to a set of beliefs and ethics held in common by Judaism and Christianity. It is a common term in American cultural and poltical rhetoric. One definition appeared in a Washington Post editorial in 1991]

    “In Amerika gibt es keinen Thilo Sarrazin – und auch keinen Geert Wilders.”

    ??? – Viel schlimmer noch: Die haben Foxnews, Glenn Beck, Sarah Palin, Newt Gingrich, Rush Limbaugh und die Tea-Party-Weirdos. Rechtsextreme Demagogie ist überhaupt nichts neues in den USA. Haben Sie von der “Arizona Immigration Law Debate” in Zusammenhang mit der Bekämpfung Illegaler Einwanderung gehört?

    Verkehrte Welt.

  • Theeuropean-placeholder
    Carl Rove – 27.08.2010 - 14:36

    “In Amerika gibt es keinen Thilo Sarrazin – und auch keinen Geert Wilders.”

    Dort hat man einen Hohlen “Rechtspopulisten” Namens George W. Bush 2 mal für 4 Jahre zum Präsidenten gewählt, schonmal etwas von dem Begriff “Neo-Con” gehört?

  • Theeuropean-placeholder
    Carsten Gerz – 27.08.2010 - 14:43

    kopfschüttel

    “die neue, kleinbürgerliche Rechte erstickt Amerika in einer Spießigkeit, wie sie bislang nur in Europa denkbar schien.”
    Und ein Land in dem Homosexuelle nicht im Militär dienen und Erwachsene erst mit 21 (!) Alkohol trinken dürfen, ist nicht spießig! Mein Guter, sie schätzen die USA ja nun gerade mal völlig falsch ein.

    Es stimmt, die USA kennen keine Thilo Sarrazin und keine Geert Wilders. Aber haben sie vielleicht mal den “O’Reilly Factor” gesehen? Da würden sie sich ja direkt ein nettes Kamingespräch mit dem Finanzexperten aus Berlin oder dem rechten Politiker aus Holland wünschen.

    Die Republikaner sind mit Sicherheit auch keine “heruntergekommene Partei”. In der Ostküste und in Kalifornien haben sie sicherlich an Einfluss gewonnen. Doch mit der Tea Party Bewegung gewinnen sie sonst überall im Land an Einfluss hinzu.

  • Theeuropean-placeholder
    Andre – 27.08.2010 - 16:55

    Früher wurde sich bei uns aufgeregt das uns die Amis angeblich ihren Way of Life aufzwingen wollten! Heute versuchen wir das mit den USA ! Die Amis sollen selbst endscheiden was sie wollen! Wir haben selber genug Probleme an denen wir schuld sind! Vor allem durch unsere Denk und Meinungsverbote! Wir sehen die Kriminalität bei uns kennen ihre Ursachen traune uns aber nichts zu sagen und zu tun weil dann welche Nazi rufen könnten!
    die-gruene-pest.net

    Andre

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