Wir müssen lernen, dass Konsum an sich kein Wert ist. Ranga Yogeshwar

Des Künstlers Brot

Die Piraten sehen sich gerne in der Rolle des modernen Robin Hood. Echte Alternativen für kommerzielle Kultur im Internet zeigen sie aber nicht auf.

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hat nicht nur die Städte in Europa fundamental verändert, sondern auch das Leben auf dem Land. Einer der häufigsten sozialen Konflikte der Zeit betraf die kollektive Nutzung von Land. Seit dem Mittelalter wurde die sogenannte „Allmende“ von allen Bauern eines Dorfes gemeinsam genutzt, aber mit der industriellen Revolution wurde dieses Land zu Privateigentum.

Bauern, die nun im Wald nach Holz suchten, wurden plötzlich des Diebstahls angeklagt. Angeblich wurde in Bayern in den 1840er-Jahren jedes Jahr beinahe ein Drittel der Bevölkerung des Holz-Diebstahls angeklagt. In einer autobiografischen Notiz bemerkte Karl Marx, dessen Vater viele dieser Bauern vor Gericht vertrat, dass es diese Konflikte waren, die ihn zuerst dazu brachten, über den Begriff Privateigentum nachzudenken.

Eine echte Alternative bieten die Piraten nicht

Wer die gegenwärtige Debatte auf Facebook, Twitter und in Blogs verfolgt, kann leicht den Eindruck gewinnen, dass das Internet die „Allmende“ des 21. Jahrhunderts ist. Und das moderne Äquivalent des Holzdiebstahls ist der Download von Musik, Filmen, Spielen und Büchern von oft illegalen Webseiten. Die Piraten wollen die Nutzung dieser Tauschbörsen deswegen legalisieren, also eine neue digitale Allmende schaffen.

In einem Spiegel-Gespräch mit dem Musiker Jan Delay versucht der Berliner Pirat Christopher Lauer, die Vorstellungen seiner Partei zum Urheberrecht zu erläutern. Und auf ihrer Webseite räumen die Piraten mit den „Mythen“ auf, die über die Urheberrechtspolitik der Piraten erzählt werden. Nicht selten erscheinen sie dabei wie ein moderner Robin Hood, der für die Rechte der von der „Content-Mafia“ unterdrückten Künstler kämpft.

Eine echte Alternative, wie kommerzielle Kultur im Internetzeitalter funktionieren kann, bieten die Piraten jedoch nicht. Mehr oder weniger diplomatisch melden sich inzwischen jedoch auch immer mehr Künstler zu Wort, die sich für die Verwertungsindustrie einsetzen. Und in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat Malte Welding kürzlich darauf hingewiesen, dass im Netz nicht der kleine Künstler die meisten Klicks kriegt, sondern Lady Gaga: „Das Internet stellt die Welt nicht auf den Kopf, es bildet sie ab.“

Kein gerechter Ausgleich zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern

Aber trotz der programmatischen Lücken: die Piraten treffen – auch mit ihrer Urheberrechtspolitik – einen Zeitgeist. Sie sind deswegen keine „Fake-Partei“, wie Michael Spreng meint. Sie sind gekommen, um zu bleiben.

Zwar haben das schnelle Auf und Ab zuerst der FDP und danach der Grünen gezeigt, wie schnell eine Partei von der „Mini-Volkspartei“ (so Forsa-Chef Manfred Güllner über die Piraten) zur Nischengruppierung werden kann, aber die demografischen Fakten sprechen für die Piraten. Zu den Wählern der Piraten gehören darüber hinaus nicht nur viele junge Leute und Erstwähler, sondern auch Sympathisanten anderer Parteien – und zwar aller Farben.

Von hier aus gibt es zwei Wege für die Piraten: entweder, sie bleiben eine Protestpartei ohne Ambitionen auf politische Verantwortung (wie dies teilweise die Linke heute noch ist), oder sie machen sich wirklich „klar zum Ändern“ und suchen den Weg in die Regierungsverantwortung. In diesem Fall müssten sie allerdings noch dringend nachlegen, denn mit ihren bisherigen Konzepten schaffen sie es bislang noch nicht, einen gerechteren Ausgleich zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern zu schaffen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Andersen, Oliver Wenzlaff, Stefan Andersen.

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