Das Netz hat die Spielregeln verändert. Zeynep Tufekci

Leviathan steht immer noch

Wikileaks stellt den Anspruch des Staates auf Geheimnisse infrage. Diese Geheimnisse wird es aber weiter geben und sie werden verteidigt werden. Whistleblower haben nur eine Chance, wenn sie nicht versuchen, die bestehende Ordnung zu zerstören.

Dass die USA unter Millionen von Mitwissern Geheimnisse wahren können, dass Araber und Iraner gut miteinander auskommen, während Israel auf einen Krieg drängt: Cablegate hat überall sicher geglaubte Gewissheiten über den Haufen geworfen. Das ist gewiss ein Verdienst der Truppe um Julian Assange. Es wäre aber naiv, zu glauben, dass dies eine neue Ära mit offenen Informationsflüssen einläutet. Vor allem wird Herrschaftswissen neu organisiert werden.

Eines ist geradezu ironisch: Im unüberschaubaren Dschungel der amerikanischen Behörden lag eine riesige Menge an Wissen verteilt, als 9/11 die USA traf. Um in einem globalen asymmetrischen Konflikt gegen das djihadistische Netzwerk zu siegen, wurde geheimes Wissen im großen Stil vernetzt und nutzbar gemacht. 2,5 Millionen Personen erhielten Zugriff auf diese Dokumente. 2,5 Millionen (da dürften auch Geheimdienste anderer Länder Einblicke gewonnen haben)! Die Idee, innerhalb der Großorganisation US-Regierung die Ressource Wissen durch Verbreitung nutzbar zu machen, wird nicht mehr lange bestehen.

Radikaler als al-Qaida

Die alten Institutionen lernen, mit Wikileaks umzugehen. Sie lernen allerdings sehr, sehr langsam. Im Moment beobachten wir überdrehte Rhetorik, Kontensperrungen, DDoS-Angriffe und Zurückrudern. Konzerne und Regierungen machen schon eine vergleichsweise gute Figur, wenn sie, statt hilflos zu agieren, einfach nur betreten schweigen. Das wird sich ändern.

Wikileaks und die dahinterstehende Philosophie sind eine radikale Herausforderung an den Staat an sich; in gewisser Hinsicht radikaler als al-Qaida. So vertritt diese Bewegung nicht einmal einen Herrschaftsanspruch. Aber wie Wikileaks eine Stärke der USA – relativ leicht zugängliches, aber nicht öffentliches Wissen – in eine Schwäche wendete, so ist auch die Stärke von Wikileaks keine Einbahnstraße. Gegen “brute force” mag Wikileaks immun sein, aber nicht gegen Austrocknung. Assange und seine Unterstützer sind auf Quellen angewiesen. Deshalb können staatliche Institutionen am effizientesten reagieren, indem sie ihren Umgang mit sensiblen Informationen ändern und diese in weniger verbreitungsfreundlichen Formen speichern und übertragen. Sie tun sich keinen Gefallen, indem sie Märtyrer schaffen, so wie es jetzt mit Assange geschieht.

Mit den Folgen der Enthüllungen können die USA dennoch umgehen. Und auch der “Shitstorm”, der aus den Maßnahmen gegen Assange resultierte, wird Amerika nicht dauerhaft schaden. Spätestens jetzt werden die Nachrichtendienste Strategien entwickeln, um dieser neuartigen Herausforderung beizukommen. Das Infiltrieren, Aushorchen und Irreführen der Aktivisten ist dabei eine erfolgversprechende Strategie. Gegen die klassischen nachrichtendienstlichen Methoden wird deren unorganisierte Struktur zum Nachteil. Spionageabwehr ist für eine anonyme Massenbewegung zu aufwendig. Und wenn das gesunde Urteilsvermögen der US-Diplomaten in den Depeschen ein Maßstab ist, werden die kommenden Gegenmaßnahmen wohlüberlegt und gut geplant erfolgen.

Der “Shitstorm” geht vorüber

Spezialisierte Anlaufstellen für Whistleblower werden noch einen wichtigen Beitrag zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit leisten, indem sie Fehlentwicklungen bekannt machen. Wenn sie aber die Machtansprüche großer Staaten oder gar die Staatlichkeit an sich angreifen, werden diese Gruppen mittelfristig scheitern. Dabei werden sie weniger Aufsehen erregen und weniger Erfolg haben als Wikileaks.

Übrigens: Dass die Konfettikanone der Demokratie sich eher für Triviales aus den Dokumenten interessierte, überrascht nicht weiter. Die sicherheitspolitische Kompetenz beim SPIEGEL ist minimal.

Leserbriefe

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    Rolf Kohl – 17.12.2010 - 15:30

    Ist es nicht eher der Fall, das Wikileaks, unseren renomierten Journalisten, die lieber in Talkschows Lobbyarbeit für ihre Partei machen, als auf Missstände hinzuweisen, den Rang abläuft? Selbts jetzt, da Fakten auf dem Tisch liegen, geht die Meinungsmache in die falsche Richtung.Machen sie sich rechtsstaatliche Gedanken, sehen die Demokratie und Meinungsfreiheit gefährdet. Sorry, aber Journalismus geht anders.Es gibt Heute keine Gestapo oder Stasi mehr, die Redaktionsgebäude stürmt und Leute verschleppt, ohne Verhandlung einkerkert.Was soll dieser selbstverpasste Maulkorb? Auf der einen Seite hauen sie zurecht auf die BILD, sind aber was die Skepsis gegenüber was die Regierung angeht nicht besser. Der politisch interessierte Bürger erwartet mehr.Klar wird Wikileaks nicht alles ändern, aber es macht uns wachsamer.

  • Theeuropean-placeholder
    Herr Frey – 17.12.2010 - 15:49

    Wikileaks macht die Welt wachsamer, um nicht zu sagen: es macht nicht nur Assange paranoid.

  • Theeuropean-placeholder
    Daniel Fallenstein – 17.12.2010 - 15:52

    Lieber Herr Kohl,

    ich glaube auch, dass eine Kultur des “Whistleblowing” eine gute Sache ist und wir von der schreibenden Zunft dabei einen wichtigen Beitrag zu leisten haben.

    Mein Kernargument ist aber, dass Whistleblowing-Projekte dann zum Scheitern verurteilt sind, wenn sie den Staat existenziell angreifen wollen oder gar tatsächlich substantiell bedrohen. Diese Gruppen sind auf der zwischenmenschlichen Eben durch FUD-Kampagnen (rohe Gewalt kann man ausschliessen) leicht aufzubrechen. Das ist eine trockene, keine wertende Feststellung.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Fear,_Uncertainty_and_Doubt

  • Theeuropean-placeholder
    Herr Frey – 17.12.2010 - 16:31

    Für mich ist Assange das gute Gewissen einer Gesellschaft, die sich dafür schämt, dass es ihr gut geht. Die aber auch jammert, wenn sich die Dinge zu ihrem Nachteil ändern.

    Ich glaube, dass Wikileaks an diesem Punkt scheitern kann, weil Wahrheit nur in der Theorie toll ist. In der Praxis, wenn’s ans Eingemachte geht, stellt man jedoch meistens schnell fest, dass Wahrheit und das Wissen das man hat, an Versprechen bindet, Kompromisse erfordert und somit ein bequemes Leben verhindert.

  • Theeuropean-placeholder
    Durdica Bobock – 18.12.2010 - 12:43

    Ein Staat, der zuviele dreckige Geheimnisse hat, krankt schon selbst innerlich, er ist wie von Krebsgeschwüren durchwuchert. Eigentlich müsste er lieber selbst bestrebt sein, an seiner Genesung mit zu arbeiten, anstatt sich noch mehr schuldig zu machen, indem er die verfolgt, die Missstände aufzeigen und öffentlich machen. Das hat man deutlich gesehen im Hitler-Reich. Damals wanderten alle Kritiker und Wisser in die KZ’s. Gut, heute werden sie anders verfolgt, obwohl…. was ist mit dem Informant-Soldaten, der in der Einzelhaft unter folterähnlichen Bediengungen gehalten wird? Die Rechtstaatlichkeit ist nicht sehr weit fortgeschritten! Die Demokratien sind nur so lange demokratisch, wie man belangloses Zeug daherredet.

  • Theeuropean-placeholder
    David Berger – 19.12.2010 - 10:55

    Bei allem Respekt für Ihre Meinung: Der Vergleich mit Nazi-Deutschland ist dumm. Staatsgeheimnisse in einer Demokratie sind notwendig, zum Beispiel um die Bürger zu schützen.
    Der Westen schafft sich selbst ab, in dem er geheime Informationen an seine Feinde liefert. In dem WikiLeaks-Fall sind Gott sei Dank diese “Informationen” jedoch keine richtige Informationen, einfach offene Geheimnisse.

  • Theeuropean-placeholder
    Durdica Bobock – 19.12.2010 - 13:17

    Wenn Sie Respekt hätten zeigen wollen, hätten Sie den Adjektiv “dumm” nicht genommen! Welche Feinde? Ist das nicht eher eine Supererfindung der Waffenlobie? Haben wir tatsächlich gar nichts aus der Geschichte gelernt!

  • Theeuropean-placeholder
    David Berger – 19.12.2010 - 13:27

    Nazi-Vergleiche sind immer dumm und unangebracht. Damit verhöhnt man die Opfer des Nationalsozialismus und untergräbt man auch die Demokratie.
    Zum Thema: WikiLeaks ist Bullshit und Julien Assange kein Robin-Hood.

  • Theeuropean-placeholder
    David Berger – 19.12.2010 - 10:22

    Machiavelli hat einmal geschrieben: “Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr vom Eindrucke des Augenblickes ab, daß einer, der sie täuschen will, stets jemanden findet, der sich täuschen läßt.”

    WikiLeaks ist Skandälchen für die Massen, bzw. Winterloch, i.e. irrelevant für die Weltpolitik. Was da “enthüllt” wird, ist nur Futter für die Boulevardpresse (darunter auch der Spiegel seit dem Tod von Augstein), mehr nicht.

    Das Ganze ist eine Farce.
    Siehe hier (auf Englisch):
    http://hiram7.wordpress.com/2010/11/29/wikileaks-bullshit-much-ado-about-nothing-false-flag-strategia-della-tensione-or-sabotage-act-against-u-s-foreign-policy/

  • Theeuropean-placeholder
    uniquolol – 19.12.2010 - 15:26

    @berger:
    „…Der Vergleich mit Nazi-Deutschland ist dumm. Staatsgeheimnisse in einer Demokratie sind notwendig, zum Beispiel um die Bürger zu schützen. Der Westen schafft sich selbst ab, in dem er geheime Informationen an seine Feinde liefert. In dem WikiLeaks-Fall sind Gott sei Dank diese “Informationen” jedoch keine richtige Informationen, einfach offene Geheimnisse. ..(..).. WikiLeaks ist Bullshit und Julien Assange kein Robin-Hood. ..(..).. WikiLeaks ist Skandälchen für die Massen, bzw. Winterloch, i.e. irrelevant für die Weltpolitik. Was da “enthüllt” wird, ist nur Futter für die Boulevardpresse…“

    Zustimmung!

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