Der Verlierer ist Europa. Gustav Horn

Das neue Paradies

Hurra, wir werden älter und wachsen weniger! Auch in seinem neuen Buch erweist sich Reiner Klingholz als konditionierter Optimist.

Der beste Beitrag für mehr Umwelt- und Klimaschutz ist der Verzicht auf Kinder. Das behauptete vor ungefähr zehn Jahren der frühere Sprecher und Gründer der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen Jörg Tremmel auf einer Konferenz in Berlin. Wie viele seiner Generation ist er in den 1980er-Jahren in West-Deutschland aufgewachsen, als die Wälder starben, der Regen sauer war und in der heutigen Ukraine ein AKW brannte und eine „grüne Wolke“ gen Westen schickte. Wir leben immer noch und die Menschen in der Ukraine haben heute andere Sorgen als einen steigenden Meeresspiegel.

Reiner Klingholz ist zehn Jahre früher aufgewachsen und gehört zur Generation der Babyboomer. Ihr geburtenstärkster Jahrgang feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Die Babyboomer sind nicht nur demografisch mächtig, sie verfügen auch über das größte Einkommen und werden – als vorläufig letzte Generation – noch üppige Renten beziehen. Ihre kritischen Mitglieder verbindet vor allem eines: das schlechte Gewissen. Sie haben von der Aufbauleistung der Nachkriegsgeneration und der „Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl) profitiert und hinterlassen ihren eigenen Kindern ein Billionen-Erbe und kommenden Generationen einen gigantischen Schuldenberg und Altlasten.

Klingholz gehört zu den konditionierten Optimisten

Im Unterschied zu Apokalyptikern wie Meinhard Miegel, Harald Welzer oder Stephen Emmott gehört Klingholz zu den konditionierten Optimisten. Auf die gegenwärtige Epoche der „Weltwachstumsgesellschaft“ folge demografisch beinahe zwingend das Paradies der Nachhaltigkeit. Die Menschen in 300 Jahren werden, so schreibt er in seinem neuen Buch, weniger Ressourcen verbrauchen und in einem globalen Ökosystem leben, das mehr Kohlenstoff absorbiert als seine Bewohner produzieren.

Die Ursache für diese Transformation sieht der Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung nicht in erster Linie in einem veränderten Lebensstil oder einer politischen Willenserklärung oder ökonomischen Innovationen, sondern in der Halbierung der Weltbevölkerung. Diese Halbierung auf dann circa vier Milliarden Menschen beschert uns das „Ende des Wachstums“.

In das Paradies der Nachhaltigkeit führen weder Appelle noch Aufbrüche, sondern nur die normative Kraft des Faktischen. Darum, so Klingholz, sei auch die Umweltbewegung gescheitert. Ihre „Kassandrarufer“ müssen an der realen Welt scheitern. Die vielen kleinen Erfolge der Ökos stünden in keinem Verhältnis zu den Folgen, die das Wachstum ständig neu produziert. Gleiches gilt nach Klingholz für das Thema Energieeffizienz und Entkopplung von Wachstum und Energieverbrauch. „Effizienzgewinne werden praktisch immer durch Mehrkonsum aufgezehrt.“ Green Growth sei ein Märchen. Die Postwachstumsgesellschaft kommt quasi automatisch, ohne dass wir es planen können, glaubt Klingholz.

Der (bescheuerte) Titel „Sklaven des Wachstums“ passt nicht zum eigentlichen Thema des Buches. Es ist eine Abhandlung über die Zukunft der Bevölkerungsentwicklung geworden. Mit der Bevölkerung schrumpft auch das Wachstum. Alterung kostet nun einmal Wohlstand. So what? Und wer sagt, dass das Wachstum nach dem „demografischen Peak“ in der Mitte dieses Jahrhunderts nicht wieder ansteigen kann? Vielleicht kommt nach der Alterung ein neuer Boom auch an Geburten? Die Weltgeschichte kennt keinen Automatismus. Die Chancen überwiegen: Hurra, wir werden älter und wachsen weniger! Vorläufig.

Reiner Klingholz: Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung. 348 Seiten. 24,99 Euro. Campus Verlag. 2014.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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