Politische Sprache ist dazu geschaffen, Lügen wahrhaft und Mord respektabel klingen zu lassen. George Orwell

Naht das Ende?

Wir erleben eine Krise der westlichen Kultur, diagnostiziert Meinhard Miegel. Was jetzt zu tun ist, verrät uns Goethes Faust.

„Verweile doch, du bist so schön!“ Den Deutschen geht es aktuell gut. Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn hat das Land in der Mitte die Krise bislang besser überstanden. Wohlstand und Löhne steigen wieder, die Zustimmung gegenüber der Politik ist historisch hoch. Das Bedürfnis nach Wechsel und Veränderungen ist entsprechend gering. Mahner und Prediger, die nach einem „Kehret um, noch ist es nicht zu spät“ rufen, haben es schwer in diesen Zeiten.

Dennoch wird das neue Buch von Meinhard Miegel viele Leser finden. Sein Urteil ist ebenso einleuchtend wie seine religiös aufgeladene Analyse: „Die Krise“, schreibt er auf den ersten Seiten, ist „eine Krise der westlichen Kultur“. Die westlichen Gesellschaften haben Gott gespielt und versuchen, seine Idee der Grenzenlosigkeit im Hier und Jetzt zu verwirklichen. „Alles sollte immerfort wachsen, schneller, weiter, höher werden.“ Diese Hybris, so Miegel, sei die wahre Ursache der Krise der westlichen Kultur.

Die Faust’sche Wette

Das obige Zitat stammt aus Goethes Faust. Faust schlägt Mephistopheles eine Wette vor. Faust wettet, dass es Mephistopheles nicht gelingen wird, ihn von seinem Streben nach mehr Wissen abzubringen. Wenn Faust sich aus dem Streben nach Wissen in die Bequemlichkeit verabschiede, so Fausts Angebot, dann dürfe ihn Mephistopheles ins Verderben mitnehmen, dann solle dies sein letzter Tag sein. Wörtlich heißt es:

Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!

Mehr Wissen heißt am Ende auch mehr Fortschritt, mehr Wachstum und Wohlstand. Wer nach mehr strebt, strebt nach Entgrenzung, heißt es bei Miegel. Das führt letztlich zu einer kollektiven Maßlosigkeit, die uns alle ermüdet und überfordert: Kinder in den Kindergärten und Schulen, Eltern mit der Erziehung der Kinder, Politiker auf allen Ebenen. Der Ausweg heißt Entschleunigung und Beschränkung, das Ziel ist eine „menschen- und lebensfreundlichere Kultur“.

Die Türme von Babel wanken

Der Kapitalismus befinde sich in seinem Endstadium, hofft Miegel. Bald komme seine finale Krise, von der er sich nicht mehr erholen werde, so die Prophezeiung. „Jetzt ist es so weit. Die gigantischen Türme von Babel wanken. Sie überfordern menschliche Gestaltungsmöglichkeiten.“ Tatsächlich? Sprechen die Trends und Nachrichten nicht eher für eine neue Zukunft des westlichen Modells, wie Matthias Horx in seinem neuen Buch schreibt? Der weltweite Hunger und die globale Armut sind in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gesunken. Heute leiden mehr Menschen an Fettleibigkeit als an Unterernährung.

Vielleicht wächst die Gefahr, die Miegel bildreich beschreibt, aus einer ganz anderen Richtung. Sind die Deutschen und die westlichen Gesellschaften nicht längst zu träge und zukunftsmüde geworden? Es liegt im Wesen alternder Gesellschaften, dass sie eher zurück und nicht nach vorne blicken. Die von Miegel (und anderen) beschriebenen Probleme und Herausforderungen wie Klimaschutz, Energie und Ernährung sind Überlebensfragen, die nicht zwangsläufig in die Apokalypse führen müssen, sondern neue Anfänge bedeuten können.

Mehr Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit bedeuten letztlich Stillstand und Lethargie. Faust lehrt uns in dem Zitat nicht das Verweilen des schönen Augenblicks und den Müßiggang. Er will nicht, dass Mephistopheles die Wette gewinnt und uns dazu bringt, nicht weiter zu streben und nicht mehr wissen zu wollen. Auch Miegel wird die Wette verlieren. Die Kunst der Beschränkung ist nicht unsere Erlösung. Wir müssen nicht aussteigen, wenn wir täglich umsteigen können.

Meinhard Miegel: Hybris. Die überforderte Gesellschaft. 320 Seiten. Propyläen. 2014. Euro 22,99

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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