In Berlin haben Deutsche und Amerikaner gelernt, wieder zusammenzuarbeiten. Barack Obama

Gegen gläserne Decken und Bürger

Mehr Geschlechtergerechtigkeit, weniger Google – warum wir die Piraten vermissen werden.

Bücher, die sich als Autobiografie und Manifest verstehen, scheitern oft an ihrem Anspruch, den eigenen individuellen Kampf mit einer politischen Agenda vieler zu verbinden. Der Untertitel des Debüts von Anke Domscheit-Berg („Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können“) gibt das Programm der Autorin vor: Aus eigenen Erlebnissen und Erfahrungen sollen gesellschaftliche Projekte werden.

Wer den Untergang der DDR erlebt hat, weiß, dass vieles möglich sein kann, wenn Glaube und Kampf groß genug sind. Aussichtslose Ziele gibt es nicht. Egal, ob es sich um das Ziel einer echten Gleichberechtigung der Geschlechter oder einen transparenten und demokratischen Staat handelt. Nichts ist „too big to fail“. Wenn die DDR untergehen kann, warum sollten dann die Renten sicher sein?

Kampf gegen gläserne Decken und Bürger

Der Kampf der Autorin richtet sich vor allem gegen „gläserne Decken“ und „gläserne Bürger“. Gegen Männer-Netzwerke und staatliche Hierarchien. Domscheit-Berg streitet für die totale Gleichberechtigung und Transparenz. Als jahrelange Mitarbeiterin in Unternehmensberatungen und dem Software-Riesen Microsoft kennt sie die Abläufe und Denkschablonen der Wirtschaft und hat mit ihnen und ihrem ersten Ehemann, der diese Welt verkörperte, gebrochen. Seit einigen Jahren ist sie selbstständig und Microunternehmerin.

Bei McKinsey hat Domscheit-Berg in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass Firmen und Staaten erfolgreicher und wachstumsstärker sind, wenn mehr Frauen im Management und auf den Arbeitsmärkten sind. Doch der eigene Arbeitgeber hat seine Führungskräfte länger arbeiten lassen als in anderen Standorten. Familie und Karriere sind so unmöglich.

Von der DDR lernen?

Das Verhältnis der Geschlechter und echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau war in der DDR besser. Das ist eine Behauptung, die so pauschal nur falsch sein kann. Es stimmt, dass die Regel das Vollzeitmodell war und Mädchen in der Schule in Mathematik und den Naturwissenschaften besser waren als in der alten BRD. Teilzeit war in der DDR jedoch kaum möglich, weil der „Arbeiterstaat“ ein Staat der Arbeit war und seine Bürger über Arbeit zu disziplinieren suchte. Und die Gleichberechtigung der Geschlechter endete ebenso wie im Westen, wenn es um Führungspositionen ging. Die Scheidungsrate war im Osten höher als im Westen. Nein, emanzipiert war auch die DDR nicht.

Und auch die Überwachungsmethoden der Stasi waren perfider und sinnloser als die der NSA (oder der Nazis). In der DDR wurde mehr überwacht als im Nazi-Deutschland oder heute in den USA – weil das DDR-Regime Angst hatte vor den eigenen Bürgern. Das Nazi-Regime wollten nur wenige überwinden. Und die Überwachung der NSA ist in den USA kaum ein Thema. Die DDR war dagegen nicht nur ein Unrechtsstaat, sie war auch ein ungeliebter und ungewollter Staat.

Freiheit oder Sicherheit?

„Wer Freiheit aufgibt für mehr Sicherheit, der hat beides nicht verdient“, wird Benjamin Franklin zitiert. Ein starker Satz, der uns allen eine Mahnung sein sollte. Der Westen hat nach dem 11. September die falschen Schlüsse im Hinblick auf den neuen Terrorismus gezogen.

Angst und Kontrollwahn sind schlechte Ratgeber, weil sie nach immer Mehr vom Gleichen rufen. Hiervon profitiert nur eine überschaubare Klasse von Dienstleistern in Rüstung und Sicherheit. „Im Zweifel für die Freiheit“ – dieser liberale und demokratische Grundsatz sollte wieder Richtschnur sein, jenseits wie diesseits des Atlantiks.

Totale Transparenz und technologischer Totalitarismus

Eine möglichst hierarchiefreie, partizipative „Demokratie auf Augenhöhe“ mag ein hehres und schönes Ziel sein. Was aber, wenn die Bürger möglichst wenig Einmischung und Teilhabe wünschen und in Ruhe gelassen werden wollen? Wenn sich kaum jemand für die totale Transparenz in Regierung und Verwaltung interessiert? Lupenreine Demokratien gibt es so wenig wie lupenreine Demokraten. Fehler und Korruption gelangen in der Regel an das Tageslicht einer demokratischen Gesellschaft. Und wenn nicht? Dann hat es entweder niemanden interessiert oder es wurde schlecht ermittelt. Die Unschuldsvermutung gilt in einer Demokratie auch für die Regierenden.

Kein Geringerer als der amtierende Präsident des Europäischen Parlaments und Spitzenkandidat der Sozialdemokraten Martin Schulz hat die Tage vor einem „technologischen Totalitarismus“ gewarnt. Dieser neue Totalitarismus gehe von den globalen Internetkonzernen und Geheimdiensten aus und sieht im gläsernen (Konsum)bürger das neue Leitbild. „Big Data“ und „big government“, warnt Schulz, gehen eine unheilvolle Allianz ein.

Die Gefahr liegt in einer Digitalisierung aller Lebensbereiche, einer Verbindung von neoliberaler und autoritärer Ideologie. Das Pendel schlägt um: Aus dem Versprechen der totalen Freiheit und Selbstorganisation des Internets wird die Gefahr eines technologischen Totalitarismus. Schulz ist Sozialdemokrat und kein Kulturpessimist. Sein Ziel ist die Befreiung von der „Abhängigkeit und Kontrolle der heutigen digitalen Großmächte“ durch „kluge Wirtschaftspolitik“. Die deutsche Telekom wird es freuen. Statt Google und Microsoft überwachen uns demnächst nationale Wirtschaftsunternehmen in Staatseigentum.

Was wohl die Piraten dazu sagen, liebe Anke? Wir werden Euch vermissen.

Anke Domscheit-Berg: Mauern einreißen! Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können. 376 Seiten. 19,99 €. Heyne 2014.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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