Ich spare durch Wachstum. Norbert Röttgen

Vati ist überfordert

Kinder, Liebe und Karriere? Geht alles gar nicht, behaupten zwei „Zeit“-Autoren in ihrem aktuellen Buch. Aber sind Väter tatsächlich die kulturellen Modernisierungsverlierer?

Ein aktiver Vater, ein toller Ehemann und erfolgreich im Job – davon träumen Millionen von Männern auch in Deutschland. „Geht alles gar nicht“ lautet das Resümee der beiden „Zeit“-Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing. Sie hätten ihr Buch auch „Die Vereinbarkeitslüge“ nennen können, aber den Titel und einen Blog dazu gibt es bereits auf dem Markt. Jetzt dürfen endlich auch mal die Männer jammern: über Kapitalismus, Politik und das stressige Leben. „Wir wurden geliebt und geheiratet, weil wir tolle Kerle sind und nicht, weil wir uns um Kinder kümmern sollen.“

„Samstag gehört Vati mir“

„Re-Emanzipation“ heißt der nicht ganz neue Trend in einem kleinen Teil des bürgerlichen Lagers. Mann weiß zwar, dass es kein Zurück in die „gute alte Zeit“ geben kann, als die Frau noch Alleinhausfrau und der Mann noch Alleinverdiener war – aber wenn Mann es ändern könnte, dann … Die beiden Autoren plagt das schlechte Gewissen, das auch berufstätige Mütter ständig mit sich herumschleppen. Nur schreiben Frauen andere Bücher: über das Scheitern der Emanzipation, den Ausstieg aus dem Arbeitsalltag und das neue Mutterglück. So gestrig wollen die beiden „Zeit“-Autoren nicht sein. Irgendwie und irgendwann wollen auch sie Papa sein dürfen.

„Samstag gehört Vati mir“, mit diesem Slogan warben einst die Gewerkschaften für die Fünf-Tage-Woche. Das ist lange her. Warum nur Samstag und nicht auch unter der Woche? Bei „Hart aber fair“, in der Sendung von Frank Plasberg (der die Sendung so moderierte, als hätte er noch nie eine Windel gewechselt), berichtete der eine vom anderen Autor, dass dieser mitten in der Woche urplötzlich den Sohn in die Schule bringen wollte und dieser dem überraschten Vater eine Abfuhr erteilte mit der Begründung, das mache er doch auch sonst nie. Wo der Sohn recht hatte, war der Vater tief getroffen.

Ein Volk von Vereinbarkeitslügnern

Nein, Brost und Wefing sind nicht frustriert. Die beiden Väter sind verärgert. Über die, die so tun, alles ließe es sich mit allem vereinbaren (wer tut das bitte schön?); über die Politik, die so tut, als würde sie Deutschland in ein „Familienparadies“ verwandeln, und natürlich über die Wirtschaft, die uns als „flexible Arbeitnehmer“ ausbeuten will. Es gebe ein „enormes volkswirtschaftliches Interesse daran, dass Frauen arbeiten“. Dass Frauen und insbesondere Mütter von Kindern tatsächlich gerne mehr und länger arbeiten wollen, wird verschwiegen.

Väter werden von den Autoren als Opfer von Veränderungen, als kulturelle Modernisierungsverlierer beschrieben. So fallen sie in das große Klagen und Jammern ein: Wir sind die Ersten, die von der Folgen der Digitalisierung getroffen werden („die totale Vernetzung“, der „Terror der ewigen Erreichbarkeit“). Das haben wir schon Dutzende Mal gehört und gelesen. Eine „neue Arbeitsteilung“ bleiben die Autoren am Ende schuldig. Und auch wie sie selbst ihren Alltag zwischen Familie, Ehe und Beruf managen, verraten sie nicht. Warum? Weil sie das Mainstream-Modell 100/50 leben – Mann arbeitet Vollzeit, Frau halbtags. Mann macht Karriere, Frau macht die Kinder?

80/80 statt 100/50

Dass Zeitsouveränität der Schlüsselbegriff für eine moderne Vereinbarkeitspolitik ist, belegt seit Jahren der inzwischen emeritierte Familiensoziologe Hans Bertram. Bertram, der früher auch die Familienministerinnen Renate Schmidt und Ursula von der Leyen beraten hat, fordert eine Zeitpolitik, die sich an den Lebensphasen von Eltern orientiert und eine Neuverteilung der Arbeitszeit im Lebensverlauf unternimmt. Die durch die längere Lebenserwartung gewonnenen Jahre lassen eine solche Entzerrung der „Rushhour“ durchaus zu.

Das heutige Modell, wonach der Mann bzw. Vater Vollzeit und die Frau bzw. Mutter halbtags oder Teilzeit arbeitet, ist längst auf dem Sprung in die 80/80-Welt. Die Männer wollen weniger, die Frauen mehr arbeiten und beide wollen sich mehr kümmern: um Kinder, Angehörige, Freunde, sich selbst. Die neue Welt ist anstrengender, sie ist auch riskanter – aber sie ist mit mehr Chancen und Freiheiten verbunden. Und das ist das, was am Ende zählt und sich durchsetzt.

Marc Brost, Heinrich Wefing: Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können. Rowohlt. 240 Seiten. 16,95 €. 2015.

Hans Bertram, Carolin Deuflhard: Die überforderte Generation. Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft. Barbara Budrich. 253 Seiten. 28 €. 2015.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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