Was Deutschland blüht

von Daniel Dettling28.04.2015Innenpolitik, Wirtschaft

Der Standort Deutschland gefangen zwischen Arbeitskosten und Unbeweglichkeit: Prognosen für die Arbeitswelt von morgen von Deutschlands bekanntestem Personalvorstand im „Unruhestand“.

Er ist Deutschlands bekanntester Personalvorstand, ohne heute noch einer zu sein. Thomas Sattelberger hat das Personalmanagement nachhaltig verändert und geprägt. Angefangen bei Daimler, weitere Stationen bei Lufthansa, Conti und zuletzt Telekom hat Sattelberger Unternehmen und Arbeitswelt erneuert. Jetzt legt er seine Autobiografie vor. Der Titel ist Programm und eine Ansage, dass mit ihm auch im „Unruhestand“ noch zu rechnen ist: „Ich halte nicht die Klappe“. So direkt, ohne Scheu und offensiv sprechen nur wenige Topmanager in Deutschland.

Gute Führung statt Effizienz

Solche Karrieren kennen wir bislang nur von 68ern und Grünen: Maoist, schwäbischer Rebell, keinen Hochschulabschluss. Eine ähnliche Biografie wie Joschka Fischer, den Sattelberger früh kennen- und schätzen lernte. Als Rebell hat sich Sattelberger mit den Vorständen der Unternehmen, für die er arbeitete, oft angelegt und obsiegt. Berühmt geworden ist er mit dem frühen Eintreten für die Frauenquote bei der Telekom, die alles andere als ein Selbstläufer war und ist. Die börsennotierten Konzerne und ihre Verbände ducken sich am liebsten weg, wenn es um personalpolitische Innovationen geht. Gute Führung wird hierzulande, so Sattelberger, mit effizientem technischem Management („mehr, schneller, höher, weiter“) verwechselt. Dabei tragen die meisten Führungskräfte längst andere Modelle der Menschen- und Unternehmensführung mental mit sich herum.

Die Arbeitswelt 4.0 braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag

Die Zukunft der Arbeitswelt sieht Sattelberger optimistisch. Die Arbeitswelt 4.0 wird gesund, divers, demokratisch und digital sein. Sie kann zu einer modernen Unternehmenswelt führen; sie kann aber auch menschliche Arbeit einem „neuen, digitalen Taylorismus“ unterwerfen. Viel hänge davon ab, welchen Weg Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wählen.

Sattelberger fordert daher einen neuen „Social Contract“: Transparenz, eine aktive Zivilgesellschaft, Bürgerbeteiligung und Dialog, Kollaboration und Diversity-Management. Unternehmen müssten sich zu „kreativen Ökosystemen“ auf Augenhöhe mit Mitarbeitern und Gesellschaft wandeln, Arbeitnehmer als „Unternehmensbürger“ verstehen. Selbstmanagement sei im Trend: Jeder Mitarbeiter handelt eigenverantwortlich, im Umgang mit Kunden und Kollegen.

Deutschland muss sich warm anziehen

Sattelberger warnt vor Schlechtwetterzeiten, die Deutschland – aktuell erfolgsverwöhnt – erleben wird. Der Arbeit der Großen Koalition steht er skeptisch gegenüber. Das „Atmungspotenzial“ der Unternehmen werde systematisch durch Regulierungen wie Rente mit 63, Mindestlohn und Leih- und Zeitarbeit eingeschnürt. Ideologisch abgesichert werden diese Regulierungen durch den Begriff des „Normalarbeitsverhältnisses“, den Sattelberger für eine Schimäre und einen Flexibilitätskiller hält. Den Standort Deutschland sieht Sattelberger in eine Sandwichposition geraten zwischen hohen Arbeitskosten und Unbeweglichkeit. Die deutsche Politik hält Sattelberger für sklerotisch und opportunistisch.

Für Deutschland wünscht sich Sattelberger einen „Aufbruch aus selbstgefälliger Zufriedenheit und Scheingemütlichkeit“. Und einen „Ausbruch aus herrschenden Theoriekonzepten und Mustern, dominanten Ideen und ideologischen Zwangsjacken“. Dafür brauche es, so Sattelberger, eine „neue APO“ als Alternative zum Verwaltungsmanagement des Status quo. Auf Köpfe wie Thomas Sattelberger wird die neue APO nicht verzichten können.

_Thomas Sattelberger: Ich halte nicht die Klappe. Mein Leben als Überzeugungstäter in der Chefetage. 288 Seiten. 22 Euro. Murmann 2015._

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