Im Grunde bin ich für die Pressefreiheit, aber geschmackvoll sollte sie schon sein. Leo Fischer

„Ich hatte das Gefühl, etwas mit Sinn zu machen“

Der Zivildienst hilft jungen Männern beim Erwachsenwerden. Wenn die Wehrpflicht kippt, verliert die Gesellschaft mit dem Zivildienst eine wirksame Institution, Adoleszenten nahezubringen, wie wichtig und schön soziales Engagement ist. Das Gespräch führte Nina Anika Klotz.

The European: Herr Brühl, darf ich Sie aus aktuellem Anlass mal fragen, wie Sie über die mögliche Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland denken? Sie waren ja nicht bei der Bundeswehr, richtig?
Brühl: Nein, ich habe mich damals für den Zivildienst entschieden. Und ich denke, die Abschaffung des verpflichtenden Zivildienstes wäre vor allem für die jungen Männer ein großer Verlust, nicht nur für die alten oder behinderten Menschen, denen Zivildienstleistende helfen.

The European: Waren Sie denn so gerne Zivi?
Brühl: Wenn man einberufen wird, fühlt man sich erst einmal um ein Jahr betrogen. Es nervt einfach total, dass man jetzt ein ganzes Jahr etwas machen muss, für das man sich nicht freiwillig entschieden hat. Und das, obwohl man doch ganz andere Pläne hat! Das ist, denke ich, ein Gefühl, das sich bei nahezu jedem jungen Mann einstellt. Mir ging’s zumindest so. Mit 19 dachte ich: “Oh Gott, hoffentlich schaffe ich es, dem Arzt bei der Musterung mit meinem Schauspiel etwas vorzumachen” – was mir natürlich nicht gelungen ist. Erst im Nachhinein kann ich heute sagen, dass dieses eine Jahr Zivildienst eines der besten Jahre meines Lebens war. Während dieses Jahres habe ich unheimlich viel gelernt. Und da hatte ich wirklich auch mal das Gefühl, dreizehn Monate lang etwas mit einem direkten Sinn zu machen. Das habe ich so seitdem nie wieder erlebt.

“Ob ich es freiwillig gemacht hätte, weiß ich nicht”

The European: Sie empfanden es also als erfüllend, konkret und unmittelbar zu helfen.
Brühl: Ja, genau. Deshalb kann ich nur jedem empfehlen, auch wenn es irgendwann nicht mehr Pflicht sein sollte, einmal ein Jahr lang etwas Soziales zu machen. Man kann das ja auch als Findungsjahr für sich selbst nutzen, in dem man sich, wenn es sein muss, immer wieder fragt: “Was will ich eigentlich studieren, wo soll es hingehen?” Ich sage das natürlich jetzt sehr leicht daher, weil ich ja noch dazu gezwungen wurde. Ob ich es freiwillig gemacht hätte, weiß ich nicht.

The European: Sie wussten ja auch schon ziemlich genau, was Sie beruflich machen wollten.
Brühl: Ja, ich wusste schon vor dem Abitur, dass die Schauspielerei das ist, was ich machen möchte. Da gab es auch gar keine Zweifel, ich habe nie darüber nachgedacht, irgendetwas anderes zu studieren oder so. Ich hatte das mit 17 oder 18 bereits klar für mich entschieden.

The European: Und gab es im Nachhinein irgendwann Zweifel an dieser Entscheidung?
Brühl: Nein, eigentlich nicht. Die Tatsache, dass ich so früh Erfolg hatte mit der Schauspielerei, hat sicherlich dazu geführt, dass ich mir nie die Frage gestellt habe, ob das das Richtige ist und das, was ich wirklich machen möchte. Wenn ich bis Mitte zwanzig so rumgedümpelt wäre und nicht die Rollen bekommen hätte, die ich mir gewünscht habe, wenn keine Angebote gekommen wären und ich das Gefühl bekommen hätte, die Leute nehmen mich und das, was ich mache, gar nicht wahr, dann hätte ich vielleicht schon mal darüber nachgedacht, etwas anderes zu machen. Keine Ahnung, vielleicht wäre es dann mehr in Richtung Drehbuchautor gegangen, etwas, das mich im Übrigen immer noch brennend interessiert und was ich demnächst gern mal ausprobieren möchte.

The European: Haben Sie manchmal Angst, dass der Punkt noch kommt, an dem Sie sich denken: Mist, irgendwie ist es das nicht, vielleicht bin ich falsch abgebogen?
Brühl: Ich glaube, es gibt immer wieder Momente im Leben, in denen man einfach alles infrage stellt. Momente, in denen man darüber nachdenkt, ob das, was man so die ganzen Jahre über gemacht hat, das Richtige ist. Wo man sich fragt: Macht das alles überhaupt einen Sinn? Diese Momente kenne ich natürlich auch. Aber es sind eben nur Momente. Denn ich erkenne dann auch sehr schnell immer wieder: Es war das Richtige, diesen Beruf zu ergreifen. Ganz ohne Zweifel. Und er wird mir noch sehr lange viel Freude bereiten.

The European: Und Sie denken nicht manchmal: Mensch, eigentlich könnte ich mir einen “ganz normalen” Job auch gut vorstellen mit 31 Urlaubstagen im Jahr, Feierabend um 17 Uhr und jedes Wochenende frei?
Brühl: Nein, ehrlich gesagt habe ich das noch nie gedacht. Mir würde auch gar kein Beruf für mich einfallen, der mich so ausfüllen oder so glücklich machen kann wie die Schauspielerei. Ich bin ja auch noch nicht so alt, aber Sie haben schon recht: Ich mache diesen Job jetzt seit mehr als 15 Jahren. Das ist lang genug, um unter Umständen einen Koller zu kriegen. Natürlich gehen mir ein paar Sachen manchmal auf die Nerven. Zum Beispiel die Tatsache, dass ich nichts so richtig fest planen kann. Das hat Auswirkungen aufs Privatleben, auf die Beziehung natürlich, aber auch auf das Verhältnis zu Freunden und zur Familie. Es nervt, dass man nie mit einem größeren Vorlauf fest für einen Termin zusagen kann. Es kann ja immer etwas dazwischen kommen.

“Beim Drehen rotiere ich schnell mal, aber im Urlaub kann ich abschalten”

The European: Also doch ein bisschen Sehnsucht nach geregeltem Leben?
Brühl: Ich bin kein besonders geregelter Mensch. Insofern passt es ganz gut zu mir, dass Sachen ad hoc und spontan ganz anders laufen können als geplant. Dieser Teil des Berufes macht mich also nicht total fertig.

The European: Derzeit haben Sie acht Filme in Arbeit. Ist das nicht eine ganze Menge?
Brühl: Ja, schon. Eigentlich passe ich auf, nicht zu viel zu machen. Man muss ja auch immer frisch sein für neue Projekte. Aber durch einige Verschiebungen ist es dieses Jahr leider so gekommen, dass da nun ein paar Filme sehr dicht aufeinander folgen. Ich wollte aber keinen davon sausen lassen, denn alle sind irgendwie Herzensprojekte. Also habe ich mir gesagt: “Gut, dann wird das halt ein arbeitsreiches Jahr.” Aber wenn das vorbei ist, fahre ich irgendwohin und mache gar nichts.

The European: Können Sie das denn? Gar nichts machen?
Brühl: Doch, das kann ich eigentlich ganz gut. Da fahre ich dann auf eine der spanischen Inseln und dort klappt das wunderbar. Beim Drehen rotiere ich schnell mal, habe immer irgendwas im Kopf, aber im Urlaub kann ich abschalten.

The European: Und zu Hause in Berlin? Da kann man sich doch auch sehr leicht und frei fühlen. Dieses Berlingefühl, wenn man irgendwie denkt, in der Stadt geht alles – kennen Sie das?
Brühl: Ja, das kenne ich. Aber da ist es bei mir dann auch schnell wieder sehr wichtig, dass ich irgendwann wieder etwas zu tun habe, dass ich vor Augen habe, wann das nächste Projekt beginnt. Sonst fange ich ganz schnell an, nur noch so rumzuhängen. Das geht ja in Berlin auch ziemlich gut – den ganzen Tag im Café verbringen und abends weggehen. Das fühlt sich schon sehr gut an. Und ich brauche eigentlich auch so eine große Stadt um mich herum, wo immer viel los ist. Wo ich an einem Montagabend ausgehen könnte oder sonntags – wenn ich Lust dazu habe.

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