“Wer gegen die Vereinnahmung des Christentums durch die Rechten jetzt als Erstes aufstehen muss, ist die Christenheit.” So fordert es Alexander Görlach. Recht hat er. Aber ein Aufschrei der etatmäßigen Repräsentanten des Religiösen bleibt aus. Warum schweigen die Kirchen, die sich doch als die Titularmächte des Christlichen verstehen, wenn von der christlichen Tiefengrammatik der Kultur die Rede ist?
Blick nach innen
Antworten findet man im Blick nach innen, auf die Seelenlandschaft der kirchlichen Institution. Ziemlich zerklüftet sieht es da aus: Wenn die Politik nach der christlichen Leitkultur ruft, ist der erste Reflex des Kirchenführers ein nostalgischer. Aus der pastoralen Alltagspraxis weiß er von den Schwierigkeiten, seine noch verbliebene Kerngemeinde bei der Stange zu halten. Die wenigen Treuen zu mobilisieren bindet bereits alle Kräfte, personell und ideologisch. Davon zu hören, dass ja eigentlich alle im Land vom christlichen Programm betroffen sind, kann schon mal in den Ohren klingen. Es ist eine Melodie, die in schwachen Momenten verzaubert. Fürs wöchentliche Bühnenprogramm taugt sie nicht. Da ist Realismus gefragt, und der stellt einen vor andere Aufgaben.
Das spüren die einen. Bei den anderen, die in Amt und Würden sind, erhöht sich der Herzschlag merklich – eine leise, uneingestandene Hoffnung macht sich breit. Denn da gibt es doch Mitnahmeeffekte, man wird zum Krisengewinner. Was man im säkularen Mainstream nicht aussprechen darf, tun die Aktivisten aus dem politischen Vorfeld – famos! In den Hintergrund tritt, dass die Leitbilder eigentlich ganz andere sind: "Missionarisch Kirche sein“ lautet die Maßgabe der Bischofskonferenz seit einigen Jahren, gedacht als demütiges "Anbieten“ des Glaubens inmitten einer Welt, der das Christliche fremd geworden ist. Die Betonung liegt auf dem "Anbieten“, nicht dem Einreden oder Überstülpen. Tja, aber wenn man denn mit der Leitkultur auch auf kurzem Weg ans Ziel kommen kann …?!
Die Debatte zeigt den innerkirchlich kleinsten gemeinsamen Nenner: Den anderen verbindlich etwas vorschlagen, das wollen sie alle in den Kirchen – die Linken von Publik-Forum, den Eine-Welt-Gruppen oder dem "Kirchenvolksbegehren“, die ihre Visionen von weltweiter Verantwortung und gerechter Teilhabe verallgemeinern wollen. Aber auch die traditionellen Amtswalter, denen ein homogener Kulturbegriff und das korrekte historische Gedächtnis Europas am Herzen liegen. Alle treten sie missionarisch auf. Statt von der Leitkultur reden sie gern von der Universalisierung, und sie meinen, die eigenen Positionen gehen, bei Licht betrachtet, im Gemeinwohl für die ganze Gesellschaft auf.
Christentum als Teil des Ganzen
Für die christlichen Kirchen im Land hat die Debatte etwas Schmerzvolles. Es ist die Erinnerung an die eigene Zukunft. Die Jahrzehnte nach 1945 im westlichen Deutschland – da waren die Kirchen als Stichwortgeber der öffentlichen Debatte gefragt. In kirchlichen Akademien wurde die Sozialethik des westdeutschen Wohlfahrtsstaats festgezurrt. Das ist alles längst vorbei. Aber der Anspruch bleibt: christliche Vitaminspritzen für die Gestaltung des Sozialen.
Was das Christentum in Deutschland gar nicht kann: sich als partikular zu verstehen, als Teil eines größeren Ganzen, der Gesellschaft. In der man kooperieren muss, Allianzen auf Augenhöhe eingehen können sollte, nicht immer mit dem betulich-anmaßenden Gestus dessen auftreten, der ja schon da ist und eigentlich besser als andere weiß, wie es zu laufen hat politisch-ethisch. Könnte der Ort, den das deutsche Recht den Kirchen einräumt, das entscheidende Hindernis auf diesem Weg sein, Anspruch und Wirklichkeit des Christentums in Deutschland stimmig zu machen? Fragen wird man noch dürfen, auch als Theologe.





















Eine Kirche, die ihre Haltung als von Gott gegeben ansieht, kann nicht “auf Augenhöhe” mit Parteien, Gewerkschaften und Gedöns sprechen, weil sie nicht auf Augenhöhe ist.
Schade, dass auch dieser Beitrag nicht zwischen “rechten” und “rechtsextremen” Positionen unterscheidet. Im ersten Fall bewegen sich Christen innerhalb eines legitimen demokratischen Pluralismus; im zweiten Fall ist entsprechender Widerspruch oder Widerstand aus christlicher Verantwortung geboten. Im ersten Fall ist zu fragen, wie die Kirche sich parteipolitisch verhalten soll – und hier ist dann sicherlich noch einmal zwischen verschiedenen innerkirchlichen Akteuren zu differenzieren. Im zweiten Fall ist zu fragen, welche politische Verantwortung die Kirche solchen Entwicklungen entgegen zu setzen kann.
Der Beitrag von Herrn Bogner ist aus mehreren Gründen enttäuschend:
- Undifferenziert wird von ,den’ Rechten geredet. Wer ist gemeint? Neoliberale? Konservative? Freiheitliche? Rechtspopulisten? Nationalsozialisten? Aber sind z.B. letztgenante ,rechts’? Es ist sonderbar, hier einen Wissenschaftler von Andersdenkenden wie von der bösen Bande aus dem Nachbardorf reden zu hören.
- Und Leitkultur scheint, ohne daß man das begründen muß, etwas fürchterlich Böses zu sein. Und dabei haben wir längst eine, nämlich eine Leitkultur, die den Begriff Leitkultur perhorresziert. Wer sich dagegen versündigt wie etwa Thilo Sarrazin, bekommt Berufsverbot.
- Die Empfehlung, die Kirche solle sich als Teil eines Ganzen verstehen, erscheint wenig durchdacht. Zunächst einmal: Warum ,die Kirche’? Ich bin Protestant. Seltsam, daß gerade auf ,Offenheit’ bedachte Katholiken so sehr zu Binnendiskursen neigen. Und dann: Das hatten wir schon. Ich erinnere nur an Barmen, wo man gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung mit dem Satz reagierte: Christus ist das eine Wort Gottes. Ich bin zuallererst Christ; das ist das große Ganze, dem ich verpflichtet bin. Danach bin ich Mensch, Deutscher, Mann, Konservativer (Rechter) und alles mögliche andere.
Eine deutsche Kirche, eine Kirche im Sozialismus, eine Kirche im Multikulturalismus, eine Kirche in der Demokratie – alles das ist zutiefst problematisch. Kirche, egal welcher Konfession, soll Kirche sein, nicht irgendwas Handzahmes, das in ein wie auch immer bestimmtes großes Ganzes hineinpaßt. Eine Gesellschaft, die damit nicht zurecht kommt, muß sich den Totalitarismusvorwurf gefallen lassen.