Meine Arbeit beschäftigt sich damit, zu verstehen, was Menschen motiviert, wie sie funktionieren und Entscheidungen treffen. Eines unserer größten Probleme ist die Selbstbeherrschung. Es gibt eine sehr interessante kürzlich durchgeführte Studie, die sich mit der Frage beschäftigt, wie viele Todesfälle durch eigene Fehler ausgelöst werden. Noch vor etwa hundert Jahren lag die Anzahl von Todesfällen dieser Art gerade mal bei zehn Prozent. Wie kam man vor hundert Jahren durch selbst verursachte Fehler ums Leben? Nun, vielleicht hatte man einen großen Stein ins Rollen gebracht, der einen dann selbst überrollte; oder man geriet in einen schlimmen Unfall.
Vor ein paar Jahren lag dieser Prozentsatz bei 45 Prozent. Warum das? Weil wir durch neu entwickelte Technologien auch neue Wege schufen, uns umzubringen. Denken Sie doch nur an Diabetes, an Übergewicht, denken Sie ans Rauchen und das SMS-Schreiben während des Autofahrens: Wir entwickeln technische Neuerungen, ohne uns im Klaren darüber zu sein, dass wir vielleicht nicht damit umgehen können. Moderne Technologien bringen uns oftmals in Situationen, in denen wir ein gewaltiges Aufnahmevermögen an den Tag legen müssen, um die richtige Entscheidung zu treffen. Gelingt uns dies nicht, kann das fatale Folgen für uns haben.
Es mangelt uns an Selbstbeherrschung
Nehmen wir als Beispiel das SMS-Schreiben während des Autofahrens. Stellen Sie sich vor, Sie seien zu Fuß unterwegs und schrieben auf Ihrem Handy eine SMS. Was könnte passieren? Vielleicht würden Sie während des Schreibens gegen einen Pfosten laufen – not a big deal. Wenn das allerdings mit 100 km/h passiert, können Sie sich und andere umbringen. Durch neue Technologien wird also unser geistiges Aufnahmevermögen vor neue und größere Herausforderungen gestellt. Und wenn wir uns dann bewusst machen, dass uns mitunter die Selbstbeherrschung fehlt, stellt sich ziemlich schnell die Frage nach der Natur des Menschen.
Ich persönlich glaube, dass jeder Mensch Momente der Klarheit hat, in denen wir wissen, dass wir weder übergewichtig sein wollen, noch an Diabetes sterben oder uns durch das Schreiben einer SMS in Gefahr bringen wollen. In diesen Momenten wird uns klar, was wir auf lange Sicht hin vom Leben und auch von uns selbst erwarten. Aber dann kommt uns unser spontanes Ich in die Quere und wir erliegen der Versuchung: Wir essen Kuchen und gehen ins Kino anstatt ins Fitnessstudio. Und wenn unser Handy vibriert, nehmen wir selbstverständlich ab, ganz gleich, ob wir gerade im Auto sitzen oder nicht. Das alles sind die Momente, in denen wir uns der Versuchung hingeben, anstatt rational abzuwägen.
Das ist genau der Grund, warum wir Regulierung und technologische Hilfen brauchen: Sie beschützen uns vor uns selbst. Gute Vorsätze hat jeder von uns – doch was oftmals fehlt, ist der Weg, um diese auch umzusetzen.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Womit wir schon tief in der Diskussion um das richtige Menschenbild wären. Wir Menschen haben quasi zwei Seiten: Die eine Seite unseres Ichs funktioniert eher rational und handelt verantwortlich, die andere spontane Seite ist emotional und handelt kurzsichtig und nach Gefühl. Diese zweite Seite sorgt dafür, dass wir uns falsch verhalten und uns und anderen Schaden zufügen. Die Frage um Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist nun, welche Seite unseres Ichs die richtige ist. Und ich persönlich bin der Meinung, dass unsere Langzeit-Seite zumeist die richtige ist, da sie längerfristig denkt und immer zwischen verschiedenen Optionen rational abwägt.
Wir sollten also darüber nachdenken, wie wir unsere spontanen Gelüste und Sehnsüchte besser in den Griff bekommen können. Mein Rezept für die Menschheit ist, herauszufinden, wann uns unsere spontanen Wünsche und Sehnsüchte vom Weg abbringen und Wege und Möglichkeiten zu ersinnen, diese zu überwinden. Wenn wir das schaffen, wird unsere Welt ein Stück weit besser.






















Lieber Herr Ariely,
vielen Dank für Ihren Artikel, den ich mit Interesse gelesen habe.
Ich persönlich bin der Ansicht, in der Frage nach einem rationalen Menschenbild, sind noch andere Aspekte relevant.
Das Model des “homo oeconomicus” scheitert hinsichtlich seiner Bestätigung weniger an einem Spannungsfeld zwischen Lust und nüchterner Abwägung, sondern vielmehr an seiner ojektiven Grundannahme. Das scheint weniger eine Frage nach dem Ideal, als eine Frage nach der konkreten Umsetzung zu sein. Und die konkrete Umsetzung zeigt, es herrsche so etwas wie eine Kapazitätsgrenze in der Informationsverarbeitung vor. Es ist im engeren ökonomischen Sinne gerade dem Individuum nicht möglich, den größtmöglichen Nutzen abzuwägen. Das zeigt schon das Umfeld kleinerer Haushalte, die ansich als überschauhbarer Rahmen eingeschätzt werden müssten. Sind sie aber nicht.
Ich entwickle auf der Grundlage dieser These verschiedene Schlussfolgerungen.
1) Der Mensch ist kein rationales Wesen. Objektivität liegt abseits den menschlich Möglichen. Das Individuum kennt nur den Zugang zu eigenen oder verinnerlichten Erfahrungen Anderer. Und Erfahrungen sind immer subjektiv.
2) Struktursetzungen sollten nicht ausschließlich dem Zweck Untertan gemacht werden, das ernüchtert in sein Gegenteil verkehrte Ideal des rational entscheidenden Individuum Leitplanken zu setzen, sondern das Ziel verfolgen, ein Erfahrumgsfeld zu generieren, welches möglichst nah an einen idealen, also objektiven, Zustand heranführt.
Ich halte das deshalb für sinnvoller, weil man von der Grundannahme der nicht denkbaren Objektivität viel eher zu einem Anspruch gelangt, sie dennoch als ambitioniertes Ziel anzustreben. Denn hier apelliert man an die Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaften, man fodert sie dazu auf, eine gemeinsame Entwicklungsleistung zu vollbringen.
Und die daraus letztlich resultieren Themen, haben einen im besten Sinne globalen Ansatz. Es geht um Vernetzung, um Verflachung von Hierarchien, um die Optimierung von Kommunikation in komplexen Zusammenhangen, auch um mehr Demokratie abseits von der ausschließlichen Hochlobung des Volksentscheides als Instrument. Es geht um die individuelle Entwicklung der Menschen als Entscheidungsträger und somit um die einzig denkbare Grundlage rationaler Entscheidungen.
besten Gruß
Hans Janosch