In 25 Jahren würde ich gern einen Text wie diesen hier schreiben können:
Es ist heute schwer vorstellbar, wie zu Beginn den 21. Jahrhunderts Politik gemacht wurde. Lassen Sie uns die Mottenkiste aufmachen und noch einmal nachschauen, wie es damals war – vor der Zeit der experimentellen Politik, bevor wir uns durch Versuch und Verfeinerung an die besten politischen Lösungen herangearbeitet haben. Die Welt sah damals sehr anders aus.
Sie werden sich vielleicht erinnern, dass die globale Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 durch fehlende Transparenz, Interessenkonflikte, schlechte Kreditvergaberichtlinien der Banken, zu komplexe Derivate und eine fehlende effektive Regulierung der Märkte verursacht wurde. Ein fast religiöser Glaube an die Rationalität von Märkten und Menschen trug viel zur Katastrophe bei und erklärt teilweise die fünf Jahre wirtschaftlicher Instabilität, die auf die Krise folgten.
Rationalität als falscher Leitstern
Heute klingt das lächerlich, aber vor dem Beginn der Finanzkrise 2008 war die klassische Ökonomie der Leitstern, an dem sich Politiker in Fragen des Steuerrechts und der Finanzregulierung orientierten. Heute beschäftigen sich höchstens noch einige Professoren und ihre Studenten mit der Idee des vollkommen rationalen Menschen. Als die Krise 2008 eintrat, wurde zweifelsfrei deutlich, dass ein solch einseitiger Fokus gefährlich ist. Die Konsequenz war eine Wiederentdeckung der Verhaltensökonomie.
Nach der anfänglichen Schockstarre hatten Unternehmen und Politiker drei zentrale Lektionen aus der Krise gelernt: 1) Menschen verhalten sich oftmals irrational, sie sind fehlbar und unvorhersagbar in ihrem Verhalten. 2) Oftmals verstehen wir unser eigenes irrationales Verhalten nicht. 3) Effektive Politik kann sich nicht an Intuitionen oder an der Vorstellung orientieren, wir seien rationale Wesen. Politik muss sich daran orientieren, wie wir uns wirklich verhalten.
Aufgrund dieser drei Punkte setzten sich in den 25 Jahren seit der Krise weitreichende Reformen durch. Wie zu erwarten war, übernahmen Unternehmen dabei die Führungsrolle und begannen, die Beziehungen zwischen Löhnen und Produktivität zu hinterfragen, analysierten den Wert ihrer endlosen Meetings und beschäftigten sich mit dem Problem der Interessenkonflikte. Nachdem die Produktivität dieser Unternehmen über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg gewachsen war, wurde auch die Politik aufmerksam. Regierungsstellen bekannten sich zur Idee der experimentellen Politik und verabschiedeten eine neue Bildungsinitiative. Sie fanden heraus, dass es nur kurzzeitige Vorteile versprach, die Besoldung von Lehrern an die Leistungen der Schüler zu knüpfen. Langfristig gesehen wurde dadurch die Motivation von Schülern und Lehrern gleichermaßen geschwächt. Es wurde deutlich, dass ein Bildungsinteresse als Indikator wichtiger ist als gute Noten und dass sich die Schüler weniger mit abstrakter Mathematik und mehr mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigen mussten.
Zwischen 2019 und 2025 lag der Fokus der Experimentalpolitik – inzwischen als eigenes Forschungsfeld anerkannt – vor allem auf der Vereinfachung des Steuersystems. Die Einkommensteuer wurde vereinfacht, die Sozialsysteme gleichzeitig ausgeweitet. Die Gesundheitspolitik beschäftigte sich damit, wie Menschen durch einfache Anreize bewogen werden konnten, regelmäßig zum Arzt zu gehen. Die langfristigen Kosteneinsparungen dieser Maßnahme sind inzwischen eindeutig nachgewiesen.
Parallelstrukturen schaffen
Momentan dreht sich der politische Diskurs um die Vor- und Nachteile eines staatlichen Gesundheitssystems. Vor 25 Jahren war das bereits einmal ein kritisches Thema in der US-Politik – doch damals wurde es als ideologische Frage aufgefasst, als Entscheidung zwischen Patriotismus und Sozialismus, zwischen Richtig und Falsch. Inzwischen haben wir verstanden, dass wir unser eigenes Verhalten eigentlich kaum verstehen (und schon gar nicht die Institutionen, die wir zu schaffen versuchen).
Gemeinsam mit einer Wertschätzung von experimentellen und empirischen Untersuchungen hat das dazu geführt, dass es heute mehrere parallel existierende Versuchsprogramme gibt. In manchen Programmen ist die Selbstbeteiligung niedrig, in anderen ist sie hoch. In manchen Programmen liegt der Fokus auf Expertenvorsorge, in anderen auf der Grundversorgung durch den Dorfdoktor. Manche Programme bezahlen vor allem die Behandlung, andere vor allem die Vorsorgeuntersuchungen. Der kleine Bundesstaat Rhode Island ist Vorreiter dieses Ansatzes. In ein paar Jahren werden wir die mittel- und langfristigen Konsequenzen der verschiedenen Ansätze deutlich besser einschätzen können. Ein Ansatz wird sich dann durchsetzen – er wird auf empirischen Daten basieren, nicht auf Einschätzungen und fehlgeleiteter Theorie.
Im Angesicht der Entwicklungen der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte war die Finanzkrise letztendlich ein wohltuender Impuls. Sie verlangte von uns, die eigenen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen, und half uns, die Idee der perfekten Rationalität zu den Akten legen zu können. Die Alternative seitdem: empirisch gewonnene Informationen als Motor politischer Entscheidungen.

















