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„Schlager ist Aspirin in Musikform“

Er vertont Liebesbriefe, als Inspiration dienen Schweizer Berge und eine CD von den Scorpions. Dagobert macht Elektroschlager. Lars Mensel spricht mit dem selbsternannten Schnulzensänger.

The European: Dagobert, auf hippen Berliner Radiosendern läuft Ihre Single „Ich bin zu jung“ hoch und runter. Das ist eine reife Leistung für einen Newcomer, der sich selbst als „Schnulzensänger“ bezeichnet.
Dagobert: Das liegt sicherlich an meiner Plattenfirma, die normalerweise nicht gerade Schlager herausbringt. Ich weiß aber auch nicht genau, wie man meine Musik einordnen sollte. Schlager ist so ein Wort, das immer wieder fällt – vielleicht weil es am nächsten dran ist. Ich habe da aber auch kein Problem mit – ich stehe selbst auf die Flippers und so weiter.

The European: Ihre Musik wird als „Elektroschlager“ bezeichnet.
Dagobert: Klar, der Sound ist anders. Eigentlich geht es aber um Inhalte: Wenn die Flippers singen, dann geht es gar nicht um die Texte. Dort werden keine persönlichen Erlebnisse verarbeitet wie bei mir, sondern es geht um den Schlager an sich: Gefühle in Worten zu transportieren.

„Schlager ist eine Art Flucht für die Menschen“

The European: Wovon handeln Ihre Texte?
Dagobert: Bei mir sind alle Songs Liebesbriefe, die ich für echte Frauen geschrieben habe. Das kommt alles direkt aus dem Leben. Ehrlich gesagt habe auch keine Fantasie, mir würde nie irgendetwas anderes einfallen.

The European: Das heißt im Umkehrschluss: Wenn Ihr Vorrat an Liebesbriefen aufgebraucht ist, endet die Karriere von Dagobert.
Dagobert: So lange ich etwas fühle, kann ich auch schreiben. Ich hoffe, dass das nie endet – das wäre ja schlimm.

The European: Als Erfolgsrezept des Schlagers gilt die besungene „heile Welt“.
Dagobert: Schlager ist kein Abbild der Welt, sondern eher so eine Art Flucht für die Menschen. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen und keinen Bock mehr haben, können sie sich so ein bisschen Aspirin in Musikform geben. Die heile Welt ist nicht unbedingt echt – aber das ist auch nicht der Anspruch von Schlager.

The European: Erklärt das, warum die Musikrichtung so krisenfest ist?
Dagobert: Das mit diesen Krisen verstehe ich nicht so ganz: Es gibt ja immer Krise und nie gute Zeiten – zumindest kriege ich die nicht mit.

The European: Wer hört Schlager?
Dagobert: Leute, die sich Schlagermusik anhören und kaufen, sind in der Regel relativ einfache Menschen, die nicht auf der Suche nach neuen und progressiven Entdeckungen der Musik sind. Wenn Andrea Berg ein neues Album rausbringt, dann wissen sie, woran sie sind. Das wird einfach gekauft, denn man will gar nichts Neues oder Anderes, sondern immer das Gleiche. Und die Schlager klingen ja auch alle gleich.

The European: Der deutsche Künstler PeterLicht, der mit ähnlich ungewöhnlicher Musik wie Sie bekannt geworden ist, sagte einmal, seine Musik bediene sich an „utopischen Bildern“. Brauchen wir mehr Hoffnung in der Musik?
Dagobert: PeterLicht kenne ich ehrlich gesagt nicht. Aber ich glaube, dass es ein ständiges Bedürfnis der Menschen ist, aus dem manchmal tristen Alltag in eine andere Welt abzudriften. Für viele Menschen ist das halt der Schlager.

The European: Wie sind Sie überhaupt zu diesem Genre gekommen?
Dagobert: Die Texte habe ich geschrieben, weil ich in irgendwelche Frauen verliebt war. Und ich habe fünf Jahre lang in einem Bergdorf gewohnt und hatte nur einen Synthesizer mit. Der war noch nicht einmal cool oder so, deswegen klang meine Musik relativ einfach. Die Songstruktur ist vermutlich am ehesten von den Scorpions inspiriert.

The European: Die Scorpions als Inspiration?
Dagobert: Als ich acht war, hat mir mein Bruder eine Scorpions-CD geschenkt. Vorher habe ich nie wirklich Musik gehört – zumindest niemals konzentriert. Auf dem Land gab es keinen Fernseher, wir haben nie Radio gehört oder so. Diese Scorpions-CD fand ich geil und die habe ich mir dann immer reingezogen. Mit 16 oder 17 habe ich dann noch andere Musik entdeckt und gut gefunden. Viel ist wieder vorbeigegangen, aber die Scorpions höre ich immer noch. Allerdings auch Sachen wie The Cramps oder Hank Williams – also nicht nur diese ganz stumpfe Musik.

The European: Wie entstand der Wunsch, Sänger zu werden?
Dagobert: Es gab drei Phasen der Musik. Mit acht wollte ich so eine Band gründen wie die Scorpions – das ging schnell schief. Mit 14 habe ich die Midi-Technik am Computer entdeckt und wollte so Elektro-Zeug machen. Das hat aber auch nicht hingehauen. Und mit 19 hatte ich nichts mehr zu tun und habe zwei Jahre im Keller eines Freundes und seiner Rockband gewohnt. Da musste ich irgendwie meine Zeit totschlagen und habe da Musik gemacht. Ohne Gesang war das aber relativ langweilig, fand ich. Dann habe ich Texte geschrieben, um irgendwas zu singen zu haben – das ging auch überhaupt nicht. Nur wenn ich Liebesbriefe vertone, dann habe ich etwas zu sagen und die Musik ergibt irgendwie Sinn.

The European: Mit Ihren ersten fünf Liedern haben Sie gleich einen Schweizer Kulturpreis gewonnen. Wie geht es nach so einem steilen Karrierestart weiter?
Dagobert: Das ist überhaupt kein steiler Start. In der Schweiz sind unfassbar große Mengen Kulturgelder im Umlauf. Auf der Preisverleihung standen die seltsamsten Typen herum. Jeder, der Geld möchte, kann dort irgendetwas einsenden und bekommt problemlos Geld. Das war keine große Leistung. Meine erste Platte wird nicht durch die Decke gehen, aber ich gehe bald auf Tour und irgendwann lege ich die nächste nach. Ich habe noch sehr viel Material auf Lager und werde das jetzt in regelmäßigen Abständen veröffentlichen.

„Es stört mich nicht, als Kunstfigur wahrgenommen zu werden“

The European: Ihre Wahlheimat ist Berlin – wie kam es dazu?
Dagobert: Mit dem Schweizer Kulturpreis war der Aufenthalt in einer Stadt verbunden: London, Paris oder Berlin. Also bin ich für eine Weile nach Berlin gegangen. Als ich mich nach meiner Zeit auf dem Berg entschloss, doch wieder in die Gesellschaft zu gehen, um meine Musik an den Mann zu bringen, bin ich zurückgekommen. Es ist die größte deutschsprachige Stadt, ich mache deutsche Musik – dort sollte es mir am leichtesten fallen, reich und berühmt zu werden.

The European: Nun ist Berlin auch als Hipster-Hauptstadt bekannt – bevölkert von Menschen, die zur Selbstdarstellung auch mal „ironisch“ Musik hören. Haben Sie Angst, mit Ihrer Musik nicht ernst genommen zu werden?
Dagobert: Sehr viele Leute nehmen mir überhaupt nicht ab, was ich mache, und halten es schon jetzt für Ironie. Dass ich manchmal als Kunstfigur wahrgenommen werde, stört mich aber nicht so sehr. Mit der Zeit wird sich zeigen, dass ich es ernst meine. Und nach ein paar Alben sollten keine Fragen offen bleiben.

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