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„Partypatriotismus ist Nationalismus“

Die Sozialpsychologin Dagmar Schediwy untersucht, warum Fußballfans während eines Turniers zu Patrioten werden. Mit Hannah Knuth spricht sie über dieses Phänomen, die Macht der Medien und Parallelen zum Nationalsozialismus.

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The European: Frau Schediwy, geht es beim Partypatriotismus überhaupt um Party?
Schediwy: Nein. Zwar hat der Partypatriotismus Züge einer Party, da man feiert, die Zwänge des Alltags abwirft und nach einer rauschhaften Entgrenzung strebt. Aber diese „Party“ geht nur so lange, wie die eigene Mannschaft gewinnt. Ginge es wirklich um ausgelassenes Feiern, würden die Fans bei der Siegesparty des Gegners weiterfeiern. Das tun sie aber nicht, im Gegenteil: Nach einer Niederlage erfolgt oft ein totaler Stimmungsumschwung. Die Fans sind emotional tief getroffen, auf den Fanmeilen herrscht Totenstille. Nicht selten schlägt Euphorie in Aggression um.

The European: Worum geht es dann?
Schediwy: Um nationale Identifikation. Fußballgruppen und Nationen funktionieren nach demselben sozialpsychologischen Mechanismus. Es gibt eine Eigengruppe, zu der man sich zugehörig fühlt und eine Fremdgruppe, gegen die man sich abgrenzt und definiert. Bei Länderspielen verstärken sich diese Mechanismen gegenseitig. Daher eignet sich der Fußball so gut, um die Idee der Nation zu materialisieren. Das führt zu einer intensiven emotionalen Bindung unter den Mitgliedern der Eigengruppe. Diese wird aufgewertet, während die Fremdgruppe abgewertet wird.

The European: Genau so wird der Nationalist definiert: Er wertet seine Nation auf und die anderen Nationen ab.
Schediwy: Der Partypatriotismus ist eine Form des Nationalismus. Das konnte man bei der diesjährigen Fußball-WM zum Beispiel gut am „Gaucho-Gate“ sehen. Bei früheren Fußballevents an Übergriffen gegen Einrichtungen der jeweiligen Nation, die Deutschland aus dem Turnier katapultierte. Das war kein heiterer, aufgeklärter Patriotismus. Spricht man diese Dinge an, werden sie mit Verweis auf Fußballbräuche relativiert. Das Wir-gegen-die anderen-Schema wird beim internationalen Fußballevent institutionalisiert.

„Der Partypatriotismus weckt Erinnerungen an die Vergangenheit“

The European: Wie funktioniert der Mechanismus der Auf- und Abwertung sozialpsychologisch?
Schediwy: Das eigene Selbstbild wird in diesen Situationen nicht mehr aus dem persönlichen Status abgeleitet, sondern aus der „Gruppenidentität Nation“. Der Selbstwert steigert sich, indem die eigene Gruppenidentität aufgewertet wird. Ein ähnlicher Mechanismus greift auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten: Man versichert sich seiner Zugehörigkeit, indem man sich auf die eigene Nationalität bezieht und gegenüber Ausländern und Migranten abgrenzt.

The European: Ist der Partypatriotismus also auch sozialpolitisch begründet?
Schediwy: Ja. In den Jahren 2005 bis 2011 empfanden die Deutschen eine starke Exklusionsbedrohung, wie die Studie „Deutsche Zustände“ zeigt. Das hing mit der Einführung von Hartz IV und der Wirtschaftskrise zusammen. Das deutsche Coming-out bei der WM 2006 hatte daher auch die Funktion einer Inklusionsstrategie: Status- und Abstiegsängste, die vor allem Folge der Sozialreform waren, konnten damit erfolgreich abgewehrt werden.

The European: Welche anderen Gründe gab es für dieses deutsche „Coming-out“, also den lockereren Umgang mit der eigenen Nation?
Schediwy: Es gab schon länger Bestrebungen, das nationale Narrativ von einer Holocaust-geprägten Identität wegzubewegen. Aber erst der Mediendiskurs vor und während der WM schaffte es, über den scheinbar harmlosen Fußball wieder einen positiven Bezug zur Nation herzustellen. Der Diskurs hatte den Charakter einer nationalen Selbstaffirmation. Die Botschaft lautete: Befreie dich von allen Selbstzweifeln, Deutschsein ist gut und muss nicht hinterfragt werden! Gleichzeitig wurde das Zurschaustellen von Nationalsymbolen während des Fußballevents als eine Normalisierung des Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Nation erklärt.

The European: Ihr sozialpolitischer Erklärungsansatz stößt natürlich einen Gedanken an: Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 hatte die NSDAP ihren Erdrutschsieg.
Schediwy: Das stimmt, und ohne Vergleiche mit dem Nationalsozialismus bemühen zu wollen, gibt es auch emotionale Parallelen: Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die viele Deutschlandfans motiviert, spielte bei der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft eine sehr wichtige Rolle. Auch die Aggressionen gegenüber denjenigen, die heutzutage nur leiseste Kritik am Partypatriotismus ausüben, wecken Erinnerungen an diese Zeit: Wer während der WM einen kritischen Kommentar zum Thema Partypatriotismus verfasste, konnte mit hasserfüllten Leserbriefen rechnen.

„Langsam bricht das Tabu“

The European: Wie weit könnte das maximal missbraucht werden?
Schediwy: Da der Partypatriotismus starke Emotionen als Hintergrund hat, wird es immer die Gefahr geben, dass diese Emotionen schlagartig ins Gegenteil verkehren. Es gibt in Deutschland größtenteils noch immer das Tabu, außerhalb des Fußballevents Nationalgefühl zu zeigen. Das bestätigten viele der Interviewpartner während meiner Recherche. Einzelne Ereignisse zeigen aber, dass dieses Tabu langsam bricht: Nach dem Erfolg der DFB-Elf in Brasilien hängen noch immer einige Fahnen aus Fenstern und Autos.

The European: Wann wird es gefährlich?
Schediwy: Immer dann, wenn der Sieg der Nationalmannschaft mit der politischen Situation in Deutschland gleichgesetzt wird. Das ist in den deutschen Medien nach dem WM-Sieg kolossal passiert, nach dem Motto: „So toll, wie diese Mannschaft ist, so toll ist auch unser Land.“ Es wurde von einem „weltoffenen, reichen, toleranten Deutschland“ geschwärmt. Das widerspricht nicht nur der Realität – es nährt einen illusionären Nationalstolz, der rechten Strömungen Vorschub leistet. Die rechtspopulistische AfD fuhr mit der simplen Parole „Mut zu Deutschland“ gerade erst auf Anhieb fast 10 Prozent der Stimmen bei der Sachsen-Wahl ein.

The European: Ist Deutschland für einen Missbrauch anfälliger als andere Länder?
Schediwy: Nein, Deutschland hat in dieser Hinsicht den Vorteil seiner Geschichte. Es gibt heute ein waches Bewusstsein dafür, was in der deutschen Vergangenheit passiert ist. Ich denke, dadurch ist die Hemmschwelle für die Wahl rechtsextremer Parteien hierzulande höher als in vielen anderen Ländern.

The European: Gab es die Parallelisierung von sportlichem und gesellschaftspolitischem Erfolg schon immer?
Schediwy: Sie hat eine lange Tradition, besonders bei der WM 2006 gab es ähnliche Narrative. Dieses Jahr war es allerdings erschreckend, wie schnell die Medien ihre Meinungen änderten und diese Parallelisierung bestärkten. Während der WM gab es im Vergleich zu den Vorjahren eine sensible Berichterstattung zu nationalistischen Erscheinungen, und auch Kritik am Partypatriotismus! Spätestens nach dem Sieg über Brasilien, als es so aussah, als würde Deutschland Weltmeister werden, war das schlagartig vergessen.

Dagmar Schediwy
Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold? Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive

LIT Verlag
ISBN: 978-3-643-11635-2
Preis: € 34,90

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