Der Mensch kann nicht in einem einzelnen Lebensbereich recht tun, während er in irgend einem anderen unrecht tut. Mahatma Gandhi

Diamanten entstehen unter Druck

Der Abgesang auf die Printmedien gehört mittlerweile zum guten Ton. Von wegen! Die Strahlkraft des Produkts ist ungebrochen. Die Geschichte eines möglichen Comebacks.

Ich erinnere mich noch gut an ein Treffen mit dem Wiener Industriellen und Senf-Fabrikanten Georg von Mauthner-Markhof vor einigen Jahren, der in seinem charmanten Raubtierkapitalismus in einer Runde, die die Zukunft der EU besprach, mit einer unfassbar kalten These finalisierte. Die große Angst der Landwirte, dass sie bald nicht mehr existieren würden, beantwortete er mit folgendem Satz: “Die Stuckateure sind ausgestorben, die Schuster sind ausgestorben, die Tapetenmacher sind es auch – ich sehe keinen Grund, dass wir die Bauern künstlich am Leben erhalten sollten.”

Ich gebe nun seit vergangenem Mai ein Magazin heraus, das Quality heißt, und es ist mir eine Freude, dass unsere Autoren darin über den Erfolg von etwa den Stuckateuren, die die Stadtschlösser in Berlin und Potsdam und private Salons ausstatten, berichten, über die wunderbaren Schuhmacher, die es gibt, über Tapetendrucker – und auch über Bauern wie die wundervolle Brandenburger Familie Henrion, die mit Attest der Kollegen aus der Campania den herrlichsten Büffelmozzarella außerhalb Italiens herstellt.

Die These des alten Barons, der 2008 von uns gegangen ist, erinnert mich an die heutigen Apokalyptiker des Printjournalismus, die für den schriftlich formulierten Gedanken ausschließlich die digitale Form als möglich ansehen – und den gedruckten Titel auf Papier als Auslaufmodell. Tatsächlich deuten alle Zeichen, vor allem in Form der Auflagezahlen, auf ein nahendes Ende des Printmagazins. In manchen US-Metropolen erscheinen Tageszeitungen nur noch online. Ich selbst muss gestehen, dass ich als überzeugter Herausgeber von Printtiteln wie meiner ersten Magazingründung Qvest oder nun eben Quality einen Teil des Tages im Netz verbringe. Ich unterhalte ein Profil bei Facebook, ich aktualisiere mein Newswissen stündlich bei Spiegel Online & Co., ich habe in meinem Büro kein Faxgerät, sondern kommuniziere am liebsten per Mail. Aber ist das wirklich ein Gegensatz?

Die Aura von Produkten gerät wieder zum Wert

Die Idee zu Quality kam mit der Erkenntnis, dass der unbedingte Fortschritt, die Gläubigkeit gegenüber jeglicher technischer Neuerscheinung, in keinem Gegensatz zum Traditionellen stehen muss. Luxus und Qualität von Produkten definieren sich nicht mehr an möglichst hip, möglichst neu, möglichst erschwinglich, sondern auch – darüber erzählt unsere zweite Ausgabe – über den moralischen Wert. Wer hat es gemacht? Zu welchen Bedingungen? Mit welcher Nachhaltigkeit? Die Aura an Produkten, die entsteht, wenn kreative oder handwerklich versierte Menschen daran gearbeitet haben, gerät wieder zum Wert. Die aktuelle Diskussion, ob das Internet vielleicht Werke von Künstlern, Literaten, Autoren einfach frei anbieten sollte, ist signifikant. Sie erweckt den Eindruck von Freiheit, ist aber der Eintritt zu etwas sehr Diktatorischem. Einer Entmündigung von produktiven, freien Geistern. Sie sollten in der neuen digitalen Ordnung und auch in der alten keine Chance haben. Auch ein – sagen wir – Online-Bäcker wird keine guten Brötchen anbieten, wenn er sie nicht vergütet bekommt.

Die vielen Meinungen der Netz-User in den Hundertschaften an Foren, die vielen Sätze und Beiträge von den Teilnehmern des großen virtuellen Stammtisches sind auf ihre Art eine Bereicherung – auch wenn sie manchmal einfach oder geradezu dumm sind –, oft wenn sie in der Anonymität des Netzes vorgetragen werden. Aber nur dann, wenn es die Prämisse gibt, die Vorgabe. Ich liebe die Professionalität, die Beiträge des Experten. Das große Gemurmel des Netzes darf die konkrete und präzise Analyse eines Thomas Schmids oder Heribert Prantls nicht übertönen. Sonst geben wir schlichtweg unsere Ordnung auf. Der Druck, der durch die Blogger entsteht, sollte Profis anspornen, besser, genauer, geistreicher zu werden. Und auch die Leser, auf Inhalte und Qualität besser zu achten.

Das charmante Angebot eines Flohmarktes ist immer ein Maß für den Antiquitätenmarkt gewesen. Wir brauchen den Dilettantismus, die große Kraft der Meinungsfreiheit. Ich glaube, dass diese Vielfalt uns allen hilft. Sie hilft uns, die Qualität zu messen. Dass alle sagen, machen und sich äußern dürfen im Netz, das ist gut, und es ist auch unsere Chance im Gedruckten. Denn wie in der Unterscheidung zwischen dem materiell Gefertigten und dem handwerklich aufwendig Gemachten werden nur noch die Allerbesten in Zukunft den Weg aufs Papier finden.

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