Das Internet ist für uns alle Neuland. Angela Merkel

„Informationen demokratisieren sich“

Conrad Wolfram spricht im Interview mit The European über den Unterschied zwischen Wolfram Alpha und Google, die Zukunft der Suchmaschine und erklärt, wie Algorithmen zu nutzen sind.

The European: Wie werden sich Suchmaschinen Ihrer Meinung nach entwickeln?
Wolfram: Man sollte stets mehr auf die Antwort achten als auf die Suche. Die Suche ist ein Prozess, Antworten aber sind das, was die Menschen wollen. Ich denke, wir haben einen sehr neuen Prozess zur Gewinnung von Antworten erschaffen. Anstatt im ganzen Web auf der Suche nach Schlagwörtern zu sein, ziehen wir das Wissen ganz vorne heraus, bereiten es auf und berechnen dann Antworten direkt von der Frage ausgehend.

The European: Das wäre dann ebenso ein vom Nutzer generiertes Antworten?
Wolfram: Korrekt. Es ist in Echtzeit generiert auf eine andere Art und Weise. Die grundlegende Information mag nicht in Echtzeit sein, die Berechnung und Aufarbeitung hingegen bestimmt. Mit Wolfram Alpha kann man Fragen stellen, die man noch nie zuvor gestellt hat.

The European: Und wie garantieren Sie die Qualität der Antworten?
Wolfram: Wir glauben an menschliche Experten sowie pure computergestützte Automatisierung. Wir generieren das Wissen, das wir zur Verfügung stellen. Wir nutzen Experten, um dies zu tun, und zur selben Zeit geschieht eine Automatisierung. Wir als Anbieter, als Verkäufer versuchen so, die Qualität hochzuhalten.

The European: Google tut dies schon lange, indem man einen Link wählt, ein zusammengestelltes Wort nicht dringend bevorzugt wird. Was ist der Unterschied zu Ihrem Team und seinem Ansatz?
Wolfram: Wir haben einen sehr unterschiedlichen Prozess, weil wir all die Daten nehmen und all das Wissen geht durch ein sehr komplexes Prozessraster, um in eine elementare sinnbildlich-funktionale Form zu gelangen. Ich meine damit, Sie stellen eine Frage und das System versucht, den Inhalt der Frage eindeutig zu verstehen, und führt nicht nur eine Analyse der möglichen Übereinstimmung von Schlagwörtern durch. Es versucht, den Inhalt zu verstehen, überführt diesen in eine sinnbildlich-funktionale Form und stellt einen Sinnzusammenhang zwischen der Information und der gestellten Frage her, um anschließend eine lebendige Lösung zu kreieren. Es ist somit ein vollständig anderer Prozess, und die Information, die einfließt, besteht aus einer stratifizierten Menge an Information. Wir beschäftigen uns zurzeit nur mit systematischem Wissen, wir äußern keine Meinung oder Ähnliches. Das ist eine unterschiedliche Gruppe an Dingen, mit denen wir uns beschäftigen.

Mit Wolfram Alpha kann man Fragen stellen, die man sonst nie gestellt hätte

The European: Seit dem Auftreten von Suchmaschinen sprechen wir über Algorithmen. Algorithmen sind der Schlüssel, um die Welt zu interpretieren. Wir beziehen uns stets auf Algorithmen, was bedeutet das auf philosophischer Ebene?
Wolfram: Eine mögliche Betrachtungsweise von Algorithmen ist die Prozess- und Programmierungsseite. Das ist ein Weg, wie Menschen diese manchmal definieren. Wir bei Wolfram Alpha glauben an Automatisierung, nicht nur mithilfe von Algorithmen, sondern auch in der Auswahl anderer Methoden. Eine Sache, in der wir seit vielen Jahren spezialisiert sind, ist es, nicht nur die Methoden, sondern auch die Fähigkeit zur Automatisierung, welche Methode gewählt werden muss, zu besitzen. Und genau das ist Wolfram Alpha. Wir machen nun seit 23 Jahren Mathematica, was im Bereich der Mathematik genau dies tut. Hinsichtlich der Automatisierung, welche Art der Frage gestellt wird und was eine interessante Antwort wäre, baut Wofram Alpha darauf auf. Unsere Algorithmen, und wir haben eine große Menge an Algorithmen, die wir in den verschiedenen Bereichen implementieren, gleichen Verhaltensmuster auf lange Sicht ab, um zu versuchen, das Wissen und gestellte Fragen zu verstehen.

The European: Wie wir wissen, gehen alle Suchmaschinen-Provider in die Richtung zu sagen: Du warst hier, Du warst dort und wir wissen, was Du als Nächstes wählen wirst. Was ist Ihre Meinung über die Vorhersehbarkeit von Antworten?
Wolfram: Es ist klar, seit Wolfram Alpha online ist, haben wir eine fantastische Menge an Daten zur Verfügung, was uns sehr hilft. Ich meine damit Daten von all den verschiedenen Anfragen von Menschen. Wir haben von beiden Seiten ausgefüllt. Ausgehend von unserem Prozess, haben wir zum einen versucht, mehr Informationen zu sammeln, und auf der anderen Seite, ein besseres sprachliches Verständnis zu erlangen. Wir haben also von beiden Seiten aus gearbeitet, um anzugleichen, wie auch besser zu werden.

The European: Aber das würde bedeuten, dass wir Menschen komplett vorhersehbar sind?
Wolfram: Nicht unbedingt, nein. Wir sehen das Ganze als einen Prozess. Wir kennen gewisse Arten von Verhaltensmustern, die übereinstimmen, wir haben einige clevere Wege, an diese zu gelangen, und es ist eigentlich nichts Geheimnisvolles mehr darin. Natürlich, es gibt gewisse Dinge, die wir nicht beantworten können, und anstatt zu versuchen etwas darzustellen, bekommt man von Wolfram Alpha eine ehrliche Antwort wie etwa: Ich weiß es nicht. Wir können nicht vollständig vorhersagen, was gefragt werden wird, aber wir können besser darin werden, im Verständnis der Sprachlichkeit und der Tatsache, was genau gefragt wird, und dann versuchen, das passende Wissen ins Spiel zu bringen.

Der nächste Schritt wird sein, die Fachkenntnis zu automatisieren, um das Wissen zu verarbeiten

The European: Wenn Sie die Zukunft von Information und der Speicherung von Information betrachten, was werden wir wissen? Was wird in unserem Gehirn gespeichert sein, was wird außerhalb, etwa im Netz, sein? Wie sieht die Zukunft von Information und der Verarbeitung dieser aus?
Wolfram: Ich denke, die Suchmaschine hat fantastische Arbeit geleistet als Aufspürer und Abrufer elementarer Informationen. Das Entscheidende ist jedoch, dass sich die elementare Information sagenhaft demokratisiert. Meiner Ansicht nach wird der nächste Schritt sein, die Fachkenntnis zu automatisieren, um das Wissen zu verarbeiten. Im Augenblick bekommt man meistens eine Liste an Links. In anderen Bereichen, sobald es technischer ist, verlässt man sich oft auf menschliche Experten, um herauszufinden, was zu tun ist. Wir bei Wolfram Alpha versuchen, die rechenbetonte Fachkenntnis zu demokratisieren, um zu sehen, wie das Ergebnis der elementaren Information herauszuarbeiten ist und eine Gewohnheit für den Nutzer errechnet werden kann, die die wahren Dinge, die gewünscht sind, beschreibt.

The European: Das wäre eine Wikipedia für andere Wissenszweige?
Wolfram: Was wir versuchen zu tun ist Folgendes: Während Wikipedia mehr elementare, geschriebene Information generiert, wollen wir nicht nur diese Information codieren und aufarbeiten, sondern auch eine Berechnung damit durchführen, um neue Antworten zu produzieren. Und zwar ohne dass die Person, die diese Antwort bewirkt, notwendigerweise alle Schritte, die man durchschreiten muss, um zu dieser Antwort zu gelangen, wissen muss. Einige unter uns denken über Informationen als elementare Fakten, Methoden und Interpretationen. Wir versuchen, den Computer dazu zu bringen, uns mit der Methode zu helfen und zu einem gewissen Grad mit der Interpretation und dem elementaren Fakt.

The European: Hinsichtlich Ihres Geschäftsmodells, wie werden Sie gegen Google antreten?
Wolfram: Wir sehen uns nicht im Wettbewerb mit Google. Wir sehen uns als komplementäre Dienstleistung. Wir führen einen anderen Prozess aus, der großartige Dinge erreicht, welche bestimmt nicht auf Dinge stoßen, die Google versucht zu tun. Wir haben verschiedene Geschäftsmodelle. Eines der größten basiert auf der Tatsache, dass Menschen ihre eigenen privaten Informationen haben wollen, aufgearbeitet und berechenbar gemacht in einer Weise, wie wir es für öffentliche Informationen auf www.wolframalpha.com gemacht haben. Das ist ein großes Geschäftsmodell, das weitergehen wird und in das wir sehr vertrauen. Wissen Sie, für uns ist es sehr spannend. Aus Handelsgründen bauen wir Rechensystem. Und jetzt sehen wir tatsächlich den Fokus, quasi das Flutlicht, auf diese Technologie gerichtet. Die Berechnung von Inhalten ist wirklich erwachsen geworden und sie ist eine universelle Sache, die Menschen benötigen, zum einen auf betrieblicher Ebene wie auch auf privater.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Vinton Cerf: „In 100 Jahren ist das Internet ein alter Hut“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Google, Wolfram-alpha, Suchmaschine

Debatte

Zur Notwendigkeit einer neuen Bildungsexpansion

Medium_de4100797a

Wissen ist Freiheit

Deutschland tut seit Jahren zu wenig für das eigene Bildungssystem. Wenn das so bleibt, bedroht es nicht nur den eigenen Wohlstand, sondern die Freiheit jedes Einzelnen. weiterlesen

Medium_4018cb1f61
von Nils Heisterhagen
25.04.2015

Gespräch

Medium_4c2437cc3e

Kolumne

Medium_625704e22f
von Jörg Friedrich
19.05.2013
meistgelesen / meistkommentiert