Andere Staaten haben die Chance, das amerikanische Schicksal zu vermeiden. Robert Reich

Billiger Sündenbock

Die Energiewende wird zu Unrecht verteufelt, denn günstiger Strom ist auch mit Erneuerbaren möglich. Bisherige Privilegien müssen jetzt auf den Prüfstand.

Die Energiewende hat derzeit ein massives Image-Problem: Sie sei zu teuer, zu ineffizient, führe zu Blackouts, hoch subventionierter Strom werde angeblich ins Ausland verschenkt und die Strompreise würden unbezahlbar. Die Industrie und Verbraucher müssen angeblich vor der Energiewende gerettet werden. Was ist passiert?

Die Herausforderungen der Energiewende sind in der Tat gewaltig. Dennoch ist auffällig, dass nur noch die negativen Aspekte der Energiewende kommuniziert werden. Vorteile, wie neu geschaffene Arbeitsplätze, gesunkene Börsenpreise und mehr Innovationen werden verschwiegen.

Deutschland hat zum Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien von heute 25 Prozent bis zum Jahre 2050 auf 80 Prozent zu erhöhen. Bis zum Jahre 2022 werden die restlichen sieben Atomkraftwerke, die vor allem im Süden Deutschlands im Einsatz sind, abgeschaltet. Außerdem geht es darum, die Energieeffizienz im Gebäudeenergiebereich zu verbessern und die Mobilität auf Nachhaltigkeit umzustellen. Die Energiewende soll somit zu einer dauerhaft nachhaltigen Energieversorgung führen.

Die Mär vom verschenkten Strom

Die Strukturen zur Stromerzeugung werden sich stark verändern. Es geht hin zur dezentraleren Energieversorgung, in der erneuerbare Energien, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und intelligente Verteilnetze sowie Speicherlösungen ineinander verzahnt werden. Dazu bedarf es auch eines effektiven Lastmanagements, welches Angebot und Nachfrage gut aufeinander abstimmt. All diese Entwicklungen werden enorme Innovationen hervorbringen, durch Investitionen werden Zukunftsmärkte erschlossen.

Derzeit gibt es allerdings massive Überkapazitäten im Stromangebot durch alte Kohle- und Atomkraftwerke sowie – phasenweise – erneuerbare Energien. Durch diese Überkapazitäten sinkt der Strompreis an der Börse und Strom wird verstärkt exportiert. Nur ein sehr geringer Teil des Strom wird tatsächlich zu negativen Preisen „verschenkt“, im Jahre 2012 waren es gerade einmal 0,03 Prozent des gesamten Angebots.

Dennoch haben das Überangebot und der niedrige Börsenpreis Folgen: Die Wirtschaftlichkeit konventioneller Kraftwerke wird geschmälert. Darum und aufgrund der Tatsache, dass die CO2-Preise sich auf einem historisch niedrigen Niveau befinden, sind Braunkohlekraftwerke derzeit sehr wirtschaftlich. Deshalb steigt deren Einsatz an und mit ihm die Treibhausgasemissionen. Aus diesem Grund ist es dringend notwendig, dass der Emissionsrechtehandel in Europa repariert wird und die überschüssigen Emissionszertifikate von über zwei Milliarden Tonnen CO2 dauerhaft aus dem Markt entfernt werden.

Wenn der Emissionsrechtehandel nicht dauerhaft repariert werden kann, wäre es wünschenswert, über weitere Lösungen nachzudenken, die den deutschen Ausstieg aus der Kohle in den kommenden Jahrzehnten ermöglichen. Denkbar sind ähnliche Vereinbarungen, wie man sie beim Atomausstieg getroffen hat, oder aber die Einführung von CO2-Grenzwerten.

Die Wende bietet mehr Chancen als Risiken

Eine zusätzliche Herausforderung ist die Entwicklung des Strompreises für Endkunden. Die EEG-Umlage ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, ein Großteil der Steigerung ist aber nicht in erster Linie auf den Zubau der erneuerbaren Energien zurückzuführen, sondern auf zwei Sonderfaktoren: den niedrigen Börsenpreis und die zunehmenden Ausnahmen für Industriekunden. Die EEG-Umlage errechnet sich aus der Differenz zum Börsenpreis: Je niedriger der Börsenpreis, desto höher ist die Umlage. Zudem wurden zahlreiche Unternehmen von der Zahlung der EEG-Umlage befreit. Die Zahl derer, die die Umlage überhaupt noch zahlen, sinkt.

Sicherlich ist es sinnvoll, dass energieintensive Unternehmen, die wirklich im internationalen Wettbewerb stehen, von der Zahlung ausgenommen werden. Die EU Kommission erlaubt dies explizit, da auch beim Handel mit Emissionszertifikaten rund 900 Unternehmen ausgenommen sind. Wenn man die Zahl der Unternehmen, die eine niedrigere oder keine EEG-Umlage zahlen, auf dieses Ausmaß vermindern und zudem mit Gegenauflagen wie der Verbesserung der Energieeffizienz koppeln würde, könnten auch die Kosten der Unternehmen verringert werden.

Öko-Energie wird somit zu Unrecht als alleiniger Preistreiberin stigmatisiert. Schon heute könnte der Strompreis sinken, wenn auch die niedrigen Strombörsenpreise an die Verbraucher weiter gegeben werden würden. Es gibt ja auch zahlreiche Anbieter, die die Strompreise senken. Statt einseitig die Öko-Energien als Sündenbock für unverhältnismäßige Strompreissteigerungen zu stigmatisieren und Vergütungssätze für Öko-Energien zu vermindern und den Ausbau zu drosseln, wäre ein Gesamtpaket notwendig, welches wirklich geeignet wäre, den Strompreis dauerhaft zu senken: Die Industrieausnahmen müssen vermindert, der Strompreis an der Börse stabilisiert werden. Alte, überflüssige Kohlekraftwerke können in den Regionen, wo der Überschuss besonders hoch ist, dauerhaft abgeschaltet werden – und die richtigen Investitionsanreize für Gas- und Speichertechnologien geschaffen werden.

Die Energiewende ist sehr viel besser als ihr Ruf. Sie hat vor allem ein Management- und Image-Problem. Es sind in der Tat beträchtliche Investitionen notwendig, die jedoch wiederum Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen werden. Schon heute sind über 370.000 Menschen im Bereich der erneuerbaren Energien tätig, über 240.000 im Bereich der Energieeffizienz. Diese Zahl kann durch eine kluge Energiewende weiter steigen.

Wir müssen uns darauf besinnen, welche eigentlichen Ziele durch die Energiewende erreicht werden sollen. Vor allem der Klimaschutz gerät immer mehr aus dem Blickwinkel. Die Energiewende bietet definitiv mehr wirtschaftliche Chancen als Risiken. Sie müssen nur genutzt werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Felix Ekardt, Thilo Spahl, Thilo Spahl.

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