Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

Sag mal AAA

Die großen Rating-Agenturen sind zu mächtig, ihr Einfluss aber kaum zu unterschätzen. Das verlockend simple Label aus Großbuchstaben suggeriert eine simple Welt, die es schlicht nicht gibt.

Die Rolle der drei großen Rating-Agenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch wurde in der Euro-Krise heftig kritisiert. Einige Kommentatoren gingen sogar so weit, sie alleine für die gesamte Krise verantwortlich zu machen. Doch mittlerweile scheint die Kritik abgeebbt zu sein. In der Tat waren die Berichte über die jüngsten Herabstufungen nicht von einer ähnlich großen Empörung begleitet wie die meisten der vorangegangenen.

Die Agenturen sind zu mächtig

Was hat sich geändert? Aus meiner Sicht war die Vehemenz der Kritik an den früheren Herabstufungen vielmehr Ausdruck der Frustration über den eigentlichen Zustand, der die Agenturen zu den Herabstufungen veranlasste. Anschuldigungen, wonach die Bewertungen von einer antieuropäischen Geisteshaltung gespeist und lediglich Ergebnis von Unvermögen seien, schienen sich nicht nur gegenseitig zu widersprechen, sondern waren vor allem nebensächlich. Dementsprechend richtet sich mittlerweile die Aufmerksamkeit auf andere Erklärungen.

Obwohl die Rating-Agenturen keineswegs die Krise verursachten, legte jedoch die große Aufmerksamkeit, die ihnen und ihrer Rolle auf den Finanzmärkten zukam, ein wesentliches Problem offen: Die Agenturen haben mit ihren Ratings schlichtweg zu viel Einfluss. Denn selbst wenn die Ratings von höchstmöglicher Qualität sind, sollte ihre Wirkung von schwächerer Brennkraft sein. Sie sollten nicht mehr als ein Teil des Informationsgemisches sein, dass das Verhalten der Märkte und seiner Teilnehmer bestimmt.

AAA: Einfacher geht es nicht

Aber wie lässt sich diese Brennkraft schwächen? Wie kann man den Einfluss der Ratings reduzieren? Es gibt einige Hindernisse, die nur schwer überwindbar sind. Am entscheidendsten ist vermutlich die tiefe Verwurzelung ihres Einflusses, dem kaum mit einfacher Regulierung Herr zu werden ist. Denn bevor sich die Regeln des Marktes nicht entscheidend ändern, werden selbst die Menschen, die – weswegen auch immer – an der Qualität der Ratings zweifeln, auf sie zurückgreifen, um sich über den Zustand der anderen Marktteilnehmer zu informieren. Selbst in einem besser regulierten System, in dem sich weniger Entscheidungen auf sie beziehen, werden Ratings von beachtlichem Einfluss bleiben. Schließlich erscheint ein Rating in der Form, in der es nun mal erscheint: eine einfache Buchstabenkombination, die unmittelbar zur Vergleichbarkeit taugt und die in bestimmten Formen (AAA) bereits im allgemeinen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat, was ihre Attraktivität naturgemäß befördert.

Dieses Problem ist nicht einfach zu lösen und wird zusätzlich verschärft, indem sich die Märkte launisch verhalten: Der übermäßige Einfluss der Ratings wird noch schädlicher und verstärkt die bereits ausufernden Schwankungen. Idealerweise sollten Ratings mit Ausgewogenheit und Sachkunde geschaffen werden, von entsprechend hoher Qualität sein und vor allem viel weniger Einfluss haben. Die Krise in der Euro-Zone bietet eine gute Möglichkeit, mit der Reform der Rating-Agenturen voranzuschreiten. Doch vermag diese Reform – so gut sie auch sein mag – alleine nur wenig, um die Krise zur mindern.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roland Benedikter, Oliver Everling, Volker Wissing.

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Mehr zum Thema: Euro, Rating-agentur, Schuldenkrise

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