Ideen brauchen keine Waffen, wenn sie die großen Massen überzeugen können. Fidel Castro

Gegen die Verstummung

Nur etwa 50.000 Menschen sprechen heute noch Rätoromanisch. Doch die Sprache ist mehr als ein museales Relikt: Als Ausdruck lokaler Kultur und Motor der schweizerischen Literatur ist Rätoromanisch auch heute noch hochaktuell. Vor allem im Zeitalter der Globalisierung wird sie zum wichtigen Anker der Region Graubünden.

Seit 1938 ist Rätoromanisch als schweizerische Landessprache anerkannt, seine Förderung wird vom Staat gegenwärtig mit drei Millionen Franken pro Jahr unterstützt. Die Subventionen ermöglichten den Ausbau einer sprachlichen Infrastruktur, unter anderem auch die Schaffung einer neuen Schriftkoine. Auch die schweizerische Rundfunkgesellschaft SRG idée suisse bemüht sich um die Präsenz aller vier Landessprachen in ihren Medien.

Dies reicht den Kritikern einer “Luxusminderheit” zum Beweis ihrer These, da werde eine obsolete Sprache zum Alibi einer als “Berufsromanen” diffamierten Gruppe von Profiteuren, die sich nur ihre Subventionspfründe bewahrten. Qualifizierter ist der Hinweis darauf, dass Sprachpflege eher das Anliegen einer bildungsbürgerlichen Elite ist, während die Pflege einer begrenzt brauchbaren Kleinsprache für das “Fußvolk” (Peter Egloff) eher eine Zumutung sei. Solche Zweifel haben gegen das allgemeine Lob der Mehrsprachigkeit keine Chance. “Tgi che sa rumantsch sa dapli” (Wer Romanisch kann, kann mehr), so der Slogan der romanischen Medien.

Eigene Sprache, eigene Kultur

Sprachen sind nicht unterschiedliche Nomenklaturen für Identisches, sondern spezifisch konfigurierte Sinnwelten; mit einer Sprache verschwindet ein einmaliges historisch-kulturelles Universum. Semiotisch ist das richtig, aber wen kümmert das? Der reale historisch-kulturelle Kontext des Romanischen war eine inneralpine Agrarwelt, die zwar auch nicht hermetisch verschlossen war, aber Eigenheiten in der Sachkultur und der Lebenswelt kannte, die ihre sprachlichen Eigenheiten deckten. Was die Moderne initiierte, hat die Postmoderne vollendet, die Lebenswelt der bündnerromanischen Täler ist von der “kalifornischen Spätantike” (Sloterdijk) bestimmt, die historisch-kulturelle Spezifität ist der folklorisierenden Vereinnahmung durch die Werbung der Tourismusindustrie ausgesetzt. Damit steht eine Sprachbewegung, die im Zeichen des Erhaltens und Bewahrens angetreten war, unter Argumentationszwang.

Modernisierung und Binnenexotik

Die Angst vor “Musealisierung” erfasste die romanische Bewegung schon in der Nachkriegszeit, Vordenker wie Andri Peer (1921–1985) forderten eindringlich dazu auf, die Zone des literarischen Heimatschutzes zu verlassen und sich mit aktuellen europäischen Tendenzen auseinanderzusetzen. In neuerer Zeit ist der Ruf nach Öffnung und Urbanität der romanischen Literatur auch in Zusammenhang mit der neu geschaffenen Schriftkoine Rumantsch Grischun laut geworden, die sich als Standard den Anforderungen einer modernen Kommunikationsgesellschaft stellen will. Das Problem ist hier die Zweisprachigkeit: Der ideologische Standard Rumantsch Grischun wird vom tatsächlich verwendeten, dem Deutschen, konkurrenziert. Die Literatur bleibt auffällig eng den Idiomen verhaftet, sie scheint den Echoraum des Mündlichen und die alten verschriftlichten Inventare zu brauchen. Als naiv erkannt ist die Hoffnung, literarische Texte durch thematische Aktualisierung auf die Höhe ihrer Zeit zu bringen, der Irrglaube, die Verlegung eines Plots in angesagte städtische Szenarien garantiere die Brisanz des Textes.

Was sich abzeichnet, ist ein gegenläufiger Trend: Im Augenblick sind gerade solche romanischen Texte besonders erfolgreich, die ein archaisches, wildes Graubünden thematisieren und in antiidyllischer Manier von Alpen, Hirten und Jägern reden. Die Erklärung “Binnenexotik” greift zu kurz; Leo Tuor, Arno Camenisch und andere erbringen den Beweis, dass die enge Anlehnung an sprachliche Traditionen und die in ihnen eingearbeiteten Lebenserfahrungen eine gute Voraussetzung für literarische Innovationen bilden.

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