Mit unseren europäischen politischen Eliten ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Thomas Deichmann

„Seien Sie nicht prüde“

Als Internetaktivistin kämpft Cindy Gallop für bessere Kommunikation in der digitalen Gesellschaft. Mit Inanna Fronius und Alexandra Schade sprach sie über ihre neuste Initiative, die Auswirkungen der Pornografie auf die Gesellschaft und die Notwendigkeit eines ernsthaften Dialoges.

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The European: Sie betreiben die Website makelovenotporn.com. Was ist Ihre Idee hinter diesem Projekt? Was sind Ihre Absichten?
Gallop: Meine Website habe ich komplett nach direkten, eigenen Erfahrungen erstellt. Sie behandelt ein Problem, dessen Existenz mir nie in den Sinn gekommen wäre, würde ich nicht mit jüngeren Männern ausgehen. Dabei wurde mir sehr unmittelbar bewusst, was die wahren Auswirkungen sind, wenn Pornografie zur Sexualerziehung wird, weil es allen zu peinlich ist, über Sex zu sprechen. Deswegen habe ich eine Website erstellt, die die Mythen von Hardcore-Pornografie der Realität gegenüberstellt. Der Aufbau ist simpel: Pornowelt gegen echte Welt – das hier passiert in der Pornowelt und das in der echten Welt. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

The European: Brauchen wir Pornografie? Ist sie ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft?
Gallop: Es ist sehr wichtig zu sagen, dass ich für Pornografie bin. MLNP ist auch nicht dagegen. Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte. Wir sind alle sexuelle Wesen – Sex ist daher ein genauso großer Teil von dem, was wir sind, wie jede andere unserer Charaktereigenschaften. Und wer sieht nicht gerne Leuten beim Sex zu? Also eigentlich bin ich total dafür, doch Pornos alleine, ohne das Verständnis darüber, was Sex in der echten Welt beinhaltet, ist keine gute Sache.
Das, wogegen ich mich einsetze, ist nicht Pornografie, sondern die totale Abwesenheit eines offenen, gesunden Dialoges über Sex und Pornografie in unserer Gesellschaft, der es Menschen möglich macht, eine realistische Vorstellung zu erhalten.

„Junge Männer werden direkt von Pornos beeinflusst“

The European: Glauben Sie, dass die Kluft zwischen dem, wie Sex in der realen Welt praktiziert wird und dem, wie es in den Medien, im Internet dargestellt wird, größer wird?
Gallop: Ich kann über dieses Thema in enormem Detail sprechen. Ich weiß allerdings, dass Sie das nicht gebrauchen können. Wenn Sie interessiert sind, lesen Sie mein Buch „Make Love Not Porn“. Aber behalten Sie im Auge, dass ich es lebe: Ich habe Sex mit jungen Männern in ihren Zwanzigern, und ich kann Ihnen absolut versichern, dass die Art, wie sie im Bett handeln, direkt von dem beeinflusst ist, was sie in Pornos sehen. Es ist sehr wichtig zu erwähnen, dass der Einfluss der Pornografie auf das sexuelle Verhalten meist vom Besten aller Motive getrieben ist: Wir sind alle sehr verwundbar, wenn wir nackt sind. Sexuelle Egos sind sehr fragil. Menschen finden es bizarrerweise sehr schwierig, während sie mit einer Person schlafen, mit ebendieser Person über Sex zu sprechen. Allerdings sind wir sehr darauf bedacht, unseren Partner zufriedenzustellen, deswegen suchen wir überall nach Rat. Wenn die einzigen Ratschläge aus der Pornografie kommen, sind das die, die wir annehmen und in die Tat umsetzen. Wenn Sie also meine gesamte Botschaft von MLNP auf eine Sache herunterschmelzen, wäre das ganz einfach „Redet darüber!“ Das ist alles.

The European: Wie hat Technologie Sex noch verändert?
Gallop: Aufgrund des Internets sind Pornos nun freier und zahlreicher verfügbar als jemals zuvor und gleichzeitig greifen auch immer jüngere Kinder darauf zu. Das Durchschnittsalter, in dem ein Kind sich heutzutage zum ersten Mal einen Porno im Internet ansieht, ist 11. Voriges Jahr hat eine Studie einer Internet-Sicherheitsfirma gezeigt, dass der viertmeistgesuchte Begriff von Siebenjährigen „porn“ ist, nach Facebook, YouTube und Google. Es spielt keine Rolle, was für Kindersicherungen Sie zu Hause an Ihrem Computer installieren, Ihre Kinder werden sehen, was sie an anderen Orten zu Gesicht bekommen oder was ihnen ihre Freunde zeigen. Deswegen ist es sehr wichtig, dem entgegenzuhalten und so früh wie möglich, in angebrachter Art und Weise, einen gesunden Dialog mit Kindern über Sex zu führen. Reden Sie einfach darüber, denn, ja, Pornos sind überall und Ihre Kinder werden sie zu Gesicht bekommen.

„Reden Sie miteinander“

The European: Beginnt Sexualerziehung also zu spät, wenn man bereits mit sieben Jahren im Internet mit Pornografie konfrontiert wird? Oder übernimmt heute das Internet die sexuelle Aufklärung?
Gallop: Wir alle lesen und sprechen darüber, wie schnell Kinder heutzutage mit Technologie klarkommen. All dieses Wissen bedeutet, dass sie ins Internet gehen und Pornos aufrufen, vielleicht auch durch Zufall. Vielleicht geben sie kichernd unanständige Wörter in die Suchmaschine ein und ihnen begegnet etwas, worüber sie total entsetzt sind und Sie es lieber hätten, dass sie es nicht sehen. Von dem Moment an, wenn ein Kind beginnt, sich selbst zu berühren, und natürliche, schöne Dinge zu machen, gehen Sie einfach locker damit um, verlieren Sie nicht die Fassung, seien Sie nicht prüde, führen Sie einfach einen offenen, gesunden Dialog.

The European: Wie können wir Pornografie sozialisieren, sodass es nichts Schmutziges mehr ist?
Gallop: Das ist exakt das, was ich als nächsten Schritt für MLNP plane, worüber ich Ihnen allerdings im Moment noch nichts sagen kann. Damit möchte ich MLNP nach vorne bringen, um es effektiver zu machen.

The European: Können Sie uns Ratschläge geben, wie junge Leute ihre Sexualität heutzutage ergründen sollen?
Gallop: Zu allererst, seien Sie sich bewusst, dass sie ihre Sexualität absolut ergründen sollten – denn wir sind alle sexuelle Wesen. Wie ich bereits vorhin gesagt habe, ist Sex auch Persönlichkeit, es ist ein Teil von dem, was wir sind. Aber seien Sie sich wirklich bewusst, dass das, was Sie in Pornos sehen, künstliche Unterhaltung ist. Auch wenn es noch so real aussieht – es wurde für die Kamera nach ganz bestimmten Mustern produziert. Ich würde sagen, reden Sie über Sex, reden Sie mit Ihren Freunden darüber, was Sie machen werden, reden Sie mit Ihren Partnern darüber, was Sie mögen und was Sie nicht mögen. Der bestmögliche Weg, ein großartiges Sexualleben zu starten, ist gegenseitiger Austausch, herauszufinden, was jemand mag, zu lernen, was Sie mögen, sehr offen darüber zu sein und Leute zu fragen, ob Sie das mit Ihnen zusammen machen möchten. Reden Sie einfach darüber und haben Sie Spaß!

Das Video-Interview wurde im Rahmen von Burdas Branchen-Highlight DLD-Women aufgezeichnet, auf dem The European als Medienpartner vertreten war.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Clay Shirky: „Die siebzig fetten Jahre sind vorbei“

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