Fortschritt braucht den Schritt nach vorne, nicht zurück. Franz Müntefering

„Im Zweifel sind Computer besser als Menschen“

Nicht einmal Künstler, Ärzte und Schriftsteller werden von der Automatisierung verschont. Im Gespräch mit Martin Eiermann erklärt der Bestsellerautor Christopher Steiner („Automate This“), warum Algorithmen und Roboter uns alle herausfordern.

The European: Herr Steiner, wie wandelt sich die Arbeitswelt im Zuge der Automatisierug?
Steiner: Algorithmen verändern unser Leben radikal. Manche dieser Veränderungen sind gut, andere sind schlecht – vor allem, wenn Sie einen Job haben, der bald schon von Maschinen erledigt werden kann. Eventuell können Sie umschulen und andernorts Arbeit finden, aber Ihr derzeitiger Job wird damit de facto überflüssig.

The European: Ungelernte Arbeiter scheinen besonders gefährdet. Sie sagen aber: Algorithmen verdrängen vor allem Management- und Bürojobs.
Steiner: Wenn Sie seit fünfzehn Jahren im gleichen Berufsfeld arbeiten, haben Sie wahrscheinlich einiges an Expertise gesammelt, so dass Sie ganz viele Arbeitsabläufe und Fallbeispiele im Kopf haben. In Krankenhäusern sind erfahrene Ärzte deshalb so wertvoll, weil sie sich mit vielen Patienten und Krankheiten auskennen. Erfahrene Anwälte wissen genau, welche Informationen vor Gericht wichtig sind und wie man an diese Informationen kommen kann. Leider sind Algorithmen aber sehr gut geeignet, solche Prozesse zu übernehmen. Wenn Sie einen Algorithmus mit Patientendaten oder mit Informationen über einen Gerichtsprozess füttern, dann macht der Computer die Arbeit im Zweifelsfall besser als ein Mensch.

The European: Welche Arbeit kann nicht automatisiert werden?
Steiner: Instinktiv glauben wir, dass kreative Arbeit nicht automatisierbar ist. Das ist allerdings nur teilweise richtig. Denn auch Algorithmen können kreativ sein. Kreativität bedeutet unter anderem, vorhandene Innovationen schrittweise weiterzuentwickeln. Es gibt keinen Grund, diese Aufgabe nicht an Maschinen abzugeben.

The European: Es ist kaum vorstellbar, dass eine Maschine einen Literaturpreis gewinnt.
Steiner: Algorithmen sind noch nicht so weit, dass sie einen Roman schreiben können. Aber Computer sind heute schon in der Lage, Prosa oder datenbasierte Artikel zu verfassen: Nachrichtenmeldungen, Börsennachrichten, Analysen von Fußballspielen. In den nächsten Jahren werden Menschen aus diesen Jobs verdrängt oder nur noch für die menschliche Note benötigt. In der Medizin werden bestimmte Aufgaben auch weiterhin von Menschen erledigt werden, aber ein Großteil der Arbeit lässt sich automatisieren. Das bedeutet, dass Experten an der Spitze der wirtschaftlichen Nahrungskette weiter an Einfluss gewinnen werden. Ich mache mir Sorgen um all die Menschen, die durchschnittlich gut sind. Ihre Arbeitsplätze sind überall in Gefahr.

The European: Sie beschreiben eine gigantische Umwälzung des Arbeitsmarktes. Schon heute ist die Arbeitslosigkeit hoch, vor allem unter Jugendlichen, und wenn Sie Recht haben, dann wird der technologische Fortschritt immense soziale Konsequenzen haben.
Steiner: Ökonomen sind in dieser Frage gespalten. Manche gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit aufgrund der Automatisierung weiterhin auf hohem Niveau stagnieren wird; andere argumentieren, dass unsere Sorgen überzogen sind. Auch zur Zeit der industriellen Revolution haben sich die Menschen um die Auswirkungen der Dampfmaschine auf den Arbeitsmarkt gesorgt, aber letztendlich wurden weiterhin Arbeiter benötigt. Ein Problem ist sicherlich die soziale Schere: Menschen, die mit Algorithmen umgehen können, wird es sehr gut gehen. Menschen mit anderen Kompetenzen und mit weniger Expertise werden es immer schwerer haben.

The European: Macht Ihnen das Sorgen?
Steiner: Ich bin eher neugierig als besorgt. Die Gewinne der 500 führenden US-Firmen sind derzeit beinahe auf einem Rekordhoch. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit weiterhin hoch, denn viele Firmen haben in der Krise Arbeiter entlassen und dann nicht wieder eingestellt. Stattdessen wird die Produktivität durch Software und Maschinen nach oben getrieben. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern Realität.

The European: Das bedeutet im Umkehrschluss, dass menschliche Arbeitskraft nicht mehr zwangsläufig die treibende Kraft hinter dem Wirtschaftswachstum ist. Glauben Sie, dass wir unsere Haltung zu Arbeit und Lohn grundsätzlich überdenken müssen – zum Beispiel, indem die Gewinne durch eine Automatisierungsdividende gesellschaftlich umverteilt werden?
Steiner: Momentan bin ich skeptisch. Es ist schwer, für Maßnahmen zu argumentieren, die technologische Innovation erschweren. Der Westen hat in vielerlei Hinsicht gegenüber anderen Ländern an Boden verloren, aber wir sind immer noch Spitzenreiter im Technologiesektor. Viele der wichtigsten börsennotierten Unternehmen sind vergleichsweise jung.

The European: Trotzdem bleibt das Problem bestehen: Wie organisieren wir den Arbeitsmarkt, wenn menschliche Lohnarbeit immer unwichtiger wird?
Steiner: Ich bin ein Freund progressiver und einfacher Steuersysteme. Es ist mir egal, ob jemand seine Milliarden mit Öl oder mit Software verdient, er sollte in jedem Fall entsprechend besteuert werden. Ich will Automatisierung nicht bestrafen, denn durch Automatisierung wächst die Wirtschaft.

The European: Die Wirtschaft wächst, aber die Anzahl der dafür notwendigen Arbeitsstunden sinkt.
Steiner: Die Frage ist, ob die Anzahl der Jobs abnimmt oder ob Menschen künftig andere Arbeit verrichten werden. Der Arbeitsmarkt für Programmierer ist momentan sehr gut, weil es in den meisten Städten mehr Angebote gibt als qualifizierte Bewerber. Software trägt sicherlich zur sozialen Ungleichheit bei, aber ich denke nicht, dass künftig 50 Prozent der Menschen zu Hause rumsitzen werden. Ein Narrativ, das wir sicherlich überdenken müssen, ist, dass manche Menschen besser mit Zahlen umgehen können als andere. Vor allem Frauen haben mit diesem Vorurteil zu kämpfen.

The European: Manche Jobs lassen sich nur schwer automatisieren, beispielsweise in der Altenpflege. Gefragt ist dort vor allem der Kontakt von Mensch zu Mensch.
Steiner: Ein Grund, warum Roboter den Menschen nicht vollständig verdrängen werden, sind die Kosten. Menschliche Arbeitskraft ist oft billiger als ein Roboter. Es ist wirtschaftlich effizienter, 30.000 Euro pro Jahr für eine ungelernte Pflegekraft auszugeben als einen entsprechenden Roboter zu entwickeln. Deshalb sage ich: Die am meisten gefährdeten Arbeitsplätze liegen in der Mitte des Einkommensspektrums.

The European: Viele Produkte lassen sich billiger durch Roboter herstellen: Autos und Kleidung zum Beispiel. Manche Ökonomen reden daher schon von einer Wiedergeburt der Industrie im Westen: Wenn eine Fabrik voll automatisiert ist, macht es keinen großen Unterschied mehr, ob sie in Indien steht oder in Indiana.
Steiner: Dieser Trend ist bereits im Gange; Firmen verlagern ihre Produktion zurück in die USA. Ein Faktor sind Transportkosten: Es war in der Vergangenheit sehr günstig, einen Container von China in die USA zu verschiffen, aber die Energiepreise sind in den vergangenen dreißig Jahren deutlich gestiegen. Warum sollte man eine globale Infrastruktur finanzieren, wenn man ohne bedeutende Mehrkosten vor Ort produzieren kann?

The European: Die Zeit globaler Lieferketten ist vorbei?
Steiner: Je mehr Wert ein Produkt durch einen bestimmten Produktionsprozess gewinnt, desto mehr lohnt sich der Versand. Globale Produktion ist auch aus einem anderen Grund wichtig: In den USA fehlt uns beispielsweise das Knowhow, um ein iPhone zu produzieren. Wir entwickeln es, aber gebaut wird es in China. Es gibt wahrscheinlich zehn chinesische Firmen, die innerhalb von zwei Wochen eine Produktionsstraße für ein neues Smartphone aufbauen könnten. Keine einzige amerikanische Firma würde das schaffen!

“Niemand steuert die Entwicklung bewusst”

The European: Ein Unterschied zu früheren Innovationszyklen ist die Geschwindigkeit: Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich die Dampfmaschine oder der Verbrennungsmotor durchgesetzt haben. Algorithmen haben innerhalb eines Jahrzehnts die Wirtschaft verändert – und zwar so schnell, dass die Politik kaum Schritt halten kann.
Steiner: Die Politik hinkt fast immer hinterher. Unsere Software-Gesetzgebung hat versagt. Ein Grund ist die fehlende Kompetenz der Politik, aber andererseits ist es auch enorm schwer, die richtigen Gesetze zu verabschieden. Die Geschwindigkeit der aktuellen Veränderungen macht das nicht unbedingt einfacher. Keine Firma schafft es heute noch, wie Rockefeller für fünfzig Jahre an der Spitze der Pyramide zu stehen. Das Microsoft-Imperium ist innerhalb von zehn Jahren eingestürzt. Der limitierende Faktor wird in Zukunft nicht die Innovationsgeschwindigkeit von Unternehmen sein, sondern die Fähigkeit der Kundschaft, sich an neue Technologien zu gewöhnen.

The European: Geschwindigkeit kann Angst machen, vor allem, wenn niemand die Kontrolle zu haben scheint. Haben wir die Entwicklung unter Kontrolle?
Steiner: Niemand steuert die Entwicklung bewusst. Tausende von Firmen versuchen, Wachstum und Profit durch Software zu erreichen. Das kann zu Problemen führen: Die Wall Street ist durch ein solches Denken zum Wilden Westen verkommen; die Interessen von Investoren wurden nicht immer respektiert. Irgendwann wussten selbst die Leute an der Wall Street nicht mehr genau, was eigentlich los war – vor allem, seitdem der Handel zunehmend computergestützt abläuft. Geiz wurde so zu einer akuten Bedrohung. Aber ich glaube, dass die Situation vor zwanzig Jahren schlimmer war als heute.

The European: Schlimmer, weil Algorithmen heute zumindest die Fehlerquelle Mensch eliminieren?
Steiner: Ja. Algorithmen sind eigentlich sehr gut für die Risikokontrolle geeignet. Das Problem ist, dass jeder Algorithmus nur so gut ist wie der Programmierer, der ihn geschaffen hat. Ein Algorithmus entscheidet aufgrund vorbestimmter Regeln und aufgrund von Erfahrungswerten. Es macht mir durchaus Angst, dass Milliardenwerte innerhalb von Sekunden vernichtet werden können, wenn ein Computer eine Fehlentscheidung trifft. Aber Algorithmen müssen nicht schlecht sein: Es wird bald möglich sein, Autos von Computern steuern zu lassen. Viele Menschen werden das instinktiv ablehnen, dabei macht ein Computer im Straßenverkehr im Zweifelsfall weniger Fehler als ein Mensch.

The European: Welchen Mehrwert schafft die Automatisierung?
Steiner: Ich hoffe beispielsweise, dass Länder wie Indien davon profitieren werden. Früher haben indische Programmierer vor allem Auftragsarbeiten aus dem Ausland erledigt, heute bauen sie ihre eigenen Apps. Wir erleben die Demokratisierung des digitalen Wissens.

The European: Die Hoffnung von Ländern wie Indien ist, dass sie mehrere Jahrzehnte der Produktionswirtschaft überspringen können und direkt in der Datenwirtschaft landen.
Steiner: Warum auch nicht? Die große Gefahr ist, dass die Ungleichheit dadurch zunimmt. Menschen, die mit Software umgehen können, werden an Einfluss gewinnen. Der Rest der Bevölkerung wird zunehmend auf den Sozialstaat angewiesen sein. In den USA lässt sich diese Entwicklung bereits beobachten. Automatisierung ist zumindest teilweise dafür verantwortlich.

The European: Wie wichtig ist eine Reform des Bildungssystems?
Steiner: Am wichtigsten ist, dass jedes Kind eine Chance bekommt. Technologie sollte deutlich früher im Lehrplan stehen, Programmieren sollte genauso früh unterrichtet werden wie Mathematik, denn beides sind heutzutage Kernkompetenzen. Das bedeutet nicht, dass jedes Kind einmal ein Programmierer werden muss – aber wir erwarten ja auch nicht von jedem Drittklässler, dass er einmal Mathematiker wird. Warum sind die Sozialwissenschaften wichtiger als Technologie? Ich bin kein Feind der Kultur, aber wenn Schüler nicht rechtzeitig mit neuen Technologien konfrontiert werden, dann haben sie in einer globalen Wirtschaft einen Nachteil. Das ist ein Fehler des Systems.

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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