Hollywood ist ein Ort, wo sie dir 50000 Dollar für einen Kuß und 50 Cent für deine Seele zahlen. Marilyn Monroe

Frauenrechte sind Menschenrechte

Erst wenn kleine Mädchen wie die einjährige Jude Badawi einmal ein selbstbestimmtes Leben führen können, hat der Liberalismus sein weltbürgerliches Versprechen eingelöst.

Es gibt dieses Bild von Jude, einem kleinen Mädchen, sie ist ein Jahr alt. Jude strahlt pausbäckig in die Kamera, sie lacht mit offenem Mund, ihre Zunge kräuselt sich, und fast hört man sie kieksen auf dem Bild. Eine weiße Schleife ziert ihr schwarzes Haar, und sie trägt ein weißes T-Shirt, das gleiche wie ihre Mutter, die neben ihr sitzt, darauf das Bild eines Mannes, darüber ein Schriftzug: „Free Waleed Abu al-Khair“.

Kennt Jude, dieses unschuldige kleine Mädchen, diesen Waleed Abu al-Khair? Nicht wirklich. Sie hat ihn im Gerichtssaal von Ferne sehen können, aber wohl gar nicht wahrgenommen. Was ein Vater ist, wird sie auch intuitiv noch nicht gelernt haben, denn sie kennt nur eine Mutter – ihre Mutter, die neben ihr sitzt und müde aussieht. Und dennoch zu lächeln versucht wie eine traurige Mona Lisa, ihr Gesicht gerahmt von einem schwarzen Hidschāb, der die Haare und den Hals versteckt.

Müde und traurig – wie man so aussieht, wenn man viel durchmacht. Wenn zum Beispiel der eigene Mann, Judes Papa, die nächsten 15 Jahre im Gefängnis sitzt und dort körperlich und psychisch gefoltert wird. Und zwar nur, weil er als Rechtsanwalt seinen Beruf gut gemacht und den liberalen saudischen Blogger Raif Badawi verteidigt hat, der in Saudi-Arabien einen Dialog beginnen wollte über die Gleichwertigkeit aller Menschen, egal welchen Glaubens.

Samar Badawi bringt die Emanzipation nach Saudi-Arabien

Müde und traurig – wie man so aussehen darf, wenn jener Raif Badawi zugleich der eigene Bruder ist, Judes Onkel. Und wie man so aussieht, wenn man die erste öffentliche Auspeitschung, die ersten 50 von insgesamt 1000 geplanten Hieben, mit angesehen hat als Teil der Zuschauermenge, in der Hoffnung, dass ihr Bruder sie erkennen möge und Stärke daraus ziehen könnte.

Aber vielleicht ist sie auch müde und traurig, weil sie daran denkt, was sie selbst schon alles durchgestanden hat – sie, Samar Badawi, die so viel mehr ist als die Ehefrau des bekanntesten saudi-arabischen Menschenrechtsanwalts oder die Schwester des bekanntesten saudi-arabischen Gefangenen oder die Mutter eines süßen, völlig ahnungslosen kleinen Mädchens, für die sie jetzt kämpft.

Denn Samar Badawi ist selbst eine Frauenrechtsaktivistin, eine Vorkämpferin für die Emanzipation der Frauen in Saudi-Arabien, dem vielleicht größten Frauengefängnis der Welt. Frauen werden in Saudi-Arabien in allen Aspekten ihres Lebens von Männern bevormundet. Auch der Vater von Samar Badawi entschied über ihre Bildung, ihr Bankkonto, ihre Arbeit, ihre Reisen und ihre romantischen Interessen. 15 Jahre lang schlug, misshandelte und bestahl der drogensüchtige, laut unabhängigem Gutachten auch paranoide Vater die junge Frau.

Dann wurde Samar Badawi zur ersten Frau in Saudi-Arabien, die ihren Vater wegen Missbrauchs des Vormundschaftssystems verklagte. Ihr Vater antwortete mit einer Gegenklage wegen Ungehorsam, und so kam Samar Badawi erst einmal ins Gefängnis. Aber Badawi gewann die Klage gegen ihren Vater, konnte das Gefängnis verlassen, wurde unter die Vormundschaft eines Onkels gestellt – und heiratete ihren Rechtsanwalt, Waleed Abu al-Khair, der später, dann selbst als Gefangener, der Vater von Jude werden sollte.

Frauen gelten nur als Menschen zweiter Klasse

Im darauffolgenden Jahr, 2011, zog Badawi erneut vor Gericht. Diesmal klagte sie für das Frauenwahlrecht – wiederum die erste Frau Saudi-Arabiens, die für ihr Wahlrecht vor Gericht zog. Erfolglos: Die Klage sei zu frühreif, befanden die zuständigen Autoritäten. Badawis Hinweise auf Menschenrechte fruchteten nicht.

Zum selben Zeitpunkt schloss sie sich der Kampagne „Women2Drive“ an. Frauen haben in Saudi-Arabien kein Recht auf einen Führerschein, aber Badawi übte sich wie ein paar Dutzend andere Frauen in gewaltlosem Widerstand, setzte sich alle paar Tage ins Auto und fuhr durch Jeddah, ihre Heimatstadt. Die daraus folgende gerichtliche Auseinandersetzung wurde von den Autoritäten verschleppt. Badawis Hinweis auf die Menschenrechte wurde erneut ignoriert.

Aber das Ausland wurde aufmerksam auf Abu al-Khair und Badawi. 2012 verlieh ihr Hillary Clinton den „International Women of Courage Award“ des amerikanischen Außenministeriums, 2013 nahm sie für ihren Mann in Schweden den Olof-Palme-Preis für den selbstlosen Kampf für Menschen- und Bürgerrechte entgegen. Er war mit einem Reiseverbot belegt worden, der auch Samar Badawi 2014 ereilte.

Jude, das kleine Töchterchen dieser freiheitsliebenden Eltern, weiß von dieser Vorgeschichte noch nichts. Sie wird früh genug lernen müssen, dass Frauen in Saudi-Arabien nur Menschen zweiter Klasse sind – Menschen für die Rückbank, nicht fürs Steuer. Menschen, die ein fremdes Leben leben müssen – eines, das ihnen Männer vorschreiben, angefangen bei der Kleiderordnung und der Bildung.

Jeden Tag werden Frauen entwürdigt, nur weil sie Frauen sind

Verglichen mit anderen einjährigen Mädchen auf der Welt, hat Jude sogar Glück. Denn anders als in anderen islamischen Ländern von Ägypten bis Indonesien werden kleinen Mädchen in Saudi-Arabien nicht die Klitoris und die Schamlippen mit einer Rasierklinge, einer Schere oder einer Glasscherbe abgeschnitten und verstümmelt – ein Verstoß gegen die Menschenrechte auf physische und geistige Unversehrtheit, den Schutz vor Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und gegen das Recht auf reproduktive Gesundheit. UNICEF zählt weltweit 140 Millionen Frauen, deren Sexualität so kontrolliert werden sollte. Jeden Tag kommen über 6.000 Mädchen dazu. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes geht von einer doppelt so hohen Zahl aus.

Jude hat auch Glück, dass sie vermutlich niemals gehandelt und versklavt werden wird. Dieses Schicksal trifft eher Mädchen und Frauen aus Burma, China, Kambodscha, Laos, Nepal, Taiwan, Thailand, Vietnam, aus dem Baltikum und der Ukraine sowie aus Brasilien. Fast 2.000 Frauen und Mädchen werden jeden Tag zur Handelsware, 700.000 weltweit pro Jahr, Tendenz steigend. Ihre Menschenrechte auf persönliche Freiheit, körperliche Unversehrtheit und Diskriminierung? Systematisch verletzt und missachtet, besonders hier in Europa, einem der größten Marktplätze für Zwangsprostitution und Zwangsverheiratung.

Apropos Heirat: die liberale Vorstellung eines freiwilligen Bundes zweier selbstbestimmter Menschen, gar die romantische Vorstellung einer Liebesheirat hat nichts mit der Wirklichkeit von Milliarden von Frauen zu tun. Fast jede zweite Ehe in Südasien und Afrika ist eine arrangierte Ehe und geht auf eine Kinderheirat oder Zwangsheirat zurück. Jeden Tag werden fast 40.000 Mädchen minderjährig verheiratet, über 1.000 junge Frauen sollen jedes Jahr auch in Deutschland betroffen sein – dies alles ein eklatanter Verstoß gegen das schon in der Erklärung der Menschenrechte 1948 festgehaltene Recht der Frau, aus Gründen ihrer Menschenwürde und Gleichheit ihren Partner selbst auszusuchen. Ein Recht übrigens, das auch Millionen von Lesben dort nicht kennen, wo heterosexuelle Frauen als einigermaßen emanzipiert gelten dürfen.

Kämpfen wir für kleine Mädchen!

Als seien forcierte Eheschließungen nicht genug Unglück, gebären sie weitere Formen der Gewalt – beispielsweise „Ehrenmorde“, Mitgiftmorde oder die häusliche Gewalt in Form von Drohungen, Nötigungen, Schlägen, Vergewaltigungen und Morden. Die UNO schätzt, dass jede dritte Frau sexuelle Gewalt oder Misshandlungen erlebt. Kein gutes Klima für selbstbestimmte Sexualität, Schwangerschaften, Schwangerschaftsabbrüche oder Zugang zu adäquater Gesundheitsvorsorge und Aufklärung. Auch hier werden Menschenrechte mit den Füßen getreten.

Das also ist die Welt, in die Jude hineingeboren wurde, ebenso wie meine beiden eigenen Töchter. In der Lotterie der Geburt haben diese drei Mädchen das Geschlecht gezogen, das viel anfälliger ist für die Verletzung von Menschenrechten als das andere, männliche. Viel zu oft und an viel zu vielen Orten sind Menschenrechte, wenn sie überhaupt geachtet werden, nur Männerrechte. Gerecht ist das nicht.

Menschenrechte sind universale Freiheitsrechte. Sie gelten auch für Frauen. Und was historisch „Frauenrechte“ genannt wird, sind eigentlich Menschenrechte. Erst wenn jedes kleine Mädchen auf der ganzen Welt einmal ihr Leben nach eigenen Vorstellungen wird führen können, hat der Liberalismus sein weltbürgerliches Versprechen wirklich eingelöst. Für diesen Traum sollten wir kämpfen – so wie Samar Badawi, ihr Mann Waleed Abu al-Khair und ihr Bruder Raif Badawi für die Zukunft eines kleinen Mädchens namens Jude kämpfen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christopher Gohl: Zwölf Thesen zur Freiheitspolitik

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Gleichstellung, Frauenrechte, Frauenbewegung

Kolumne

Medium_dba9904677
von Sebastian Pfeffer
29.07.2015

Kolumne

Medium_897b247acc
von David Berger
08.07.2015

Kolumne

Medium_f7f0488095
von Birgit Kelle
20.05.2015
meistgelesen / meistkommentiert