Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte. Karl Marx

Merci, Charlie Hebdo

Karikaturisten sind nicht Trittbrettfahrer, sondern Bannerträger freier Gesellschaften. Sie stärken, worauf es entscheidend ankommt: Dialogfähigkeit.

„Mohammed-Witze: Trittbrettfahrer der Meinungsfreiheit“ titelte Stefan Kuzmany bei „Spiegel Online“ schon 2012. Zwar seien „Hebdo“-Karikaturisten und deren Kollegen bei der „Titanic“ abgedeckt durch die Meinungsfreiheit. Doch das nervt offensichtlich: „Man muss sie aber ertragen, die Scherzbolde. Man muss sie ertragen wie die zornigen Muslime und die schwadronierenden konservativen Religionsschützer, all diese Trittbrettfahrer der Meinungsfreiheit.“

Auch der Zentralrat der Muslime erklärt die Meinungsfreiheit zur Anstrengung. Zwar beginnen seine einschlägigen Ausführungen zu Artikel 5 des Grundgesetzes mit der Einsicht: „Die Religionsfreiheit (Artikel 4) und die Meinungsfreiheit (Artikel 5) schützen nicht nur die Freiheit, die eigenen Überzeugungen und Ansichten kundzugeben, sondern tragen auch die Demokratie.“ Doch dann heißt es: „Dies führt zu der für Muslime wichtigen Frage, ob Karikaturen, die den Propheten Muhammad verächtlich machen, oder gar eine Verbrennung des Qur’an noch unter Meinungsfreiheit fallen. Bedauerlicherweise muss davon ausgegangen werden, dass dem so ist.“

Ja, ist so, sagt auch Heribert Prantl, inoffizieller Papst des linksliberalen Kommentariats: „In einer Demokratie müssen Gläubige Spott über ihre Religion aushalten“, schrieb er zum „Spott über Gott“ von Dieter Nuhr. Im Klartext: Angeblich muss man in einer freien Gesellschaft Karikaturisten, Kabarettisten und Satiriker als spielerische, verantwortungslose Schmuddelkinder der Meinungsfreiheit erdulden, verschmerzen oder überstehen.

Spott entkleidet den Kaiser

Ich sage: Nein, die Spötter sind nicht Trittbrettfahrer der Meinungsfreiheit, sondern sogar Bannerträger der Freiheit schlechthin. Denn sie sind die Pfadfinder und Kundschafter des demokratischen Dialogs. Sie tragen den Geist der kritischen Auseinandersetzung auch in die dunkelsten Ecken der Gesellschaft. Ihr Licht ist respektlos, ihr Wort polemisch, ihr Bild bisweilen beschämend. Aber ihre Übertreibungen sind die Geburtshelfer zivilen Widerspruchs.

Ja, die Kritik von Karikaturisten, Kabarettisten und sonstigen Komikern, Ironikern oder Hofnarren ist selten konstruktiv im Sinne von: Da wird was aufgebaut. Nein, Spott baut ab – Hemmungen, Furcht und falschen Respekt. Vor allem eines: Komplexität.

Wir leben in einer bunten Wirklichkeit, deren Verworrenheit und Dynamik häufig verwirrend scheint. Aber öffentliche Meinungsbildner vermögen es, in Leitartikeln, Talkshows oder Reden aus der bunten Wirklichkeit ein lesbares Bild zu machen. Spötter radikalisieren diese Übung. Sie brechen die Wirklichkeit herunter auf die emotionale, intuitive Erfahrung des Witzes, auch des erschrockenen, des ertappten Lachens. Das Unverständliche wird erkannt und verliert seinen Schrecken. Das macht den Karneval oder den politischen Aschermittwoch zu so befreienden und demokratischen Veranstaltungen. Wer lacht, gehört dazu – und wer zivil widerspricht, möglicherweise mit Witz, auch.

Der Spott ist das Geschäft der Karikaturisten. Die karikierende Feder entlarvt, was zuvor undurchschaubar und unantastbar versponnen schien, und macht es durchsichtig und begreifbar. Sie spitzt zu, hebt bestimmte Aspekte der Wirklichkeit besonders heraus. Sie reduziert gewaltige Autoritäten zu lächerlichen Strichmännchen, profanisiert das Heilige, demokratisiert das Aristokratische, entwaffnet das Mächtige, entkleidet den Kaiser und entrüstet die Autoritäten. Die spitze Feder relativiert die eine Wahrheit der wenigen Eingeweihten, indem sie die Öffentlichkeit in alternative Wahrheiten einweist.

Karikaturisten sind natürliche Gegenspieler religiöser Terroristen

Erst mit diesen Vereinfachungen wird der offene Dialog möglich – die von Widersprüchen getriebene Suche nach einer gemeinsamen Wahrheit. Die respektlosen, hemmungslos subjektiven, bisweilen kindlich albernen Übertreibungen der Karikaturisten spiegeln einen zweiten, alternativen Blick auf den vermeintlichen Ernst der Lage, bringen ihn auf eine Lesart, auf einen Punkt. Damit vereinfachen sie den Widerspruch, mit dem jeder Dialog beginnt – gegen den karikierten Missstand genauso wie gegen die Interpretation der Karikaturisten. Offener Spott befreit zum offenen Widerspruch.

Unsere offene Gesellschaft ist eine vielfältige. Sie kennt viele verschiedene Wahrheiten und muss doch die gemeinsame Wahrheit ihres freiheitlichen Zusammenlebens immer neu bestimmen. Sie ist dringend auf Karikaturisten angewiesen, die auf eine zivile Art und Weise, nämlich mit Feder und Papier, Wahrheiten abrüsten, Widersprüche ermöglichen und den Dialog über eine gemeinsame Wahrheit befördern.

Es ist naheliegend, dass religiöse Terroristen vor allem Karikaturisten bekämpfen. Denn die entzaubern ihre Wahrheit und machen sie lächerlich. Fanatische Islamisten bekämpfen im Namen wahrer islamischer Auslegung – und getrieben von ihrem eitlen, schwachen Stolz – alle Menschen, die diese Wahrheit nicht teilen. Zu den ersten Opfern gehören stets andere Muslime selbst.

Nicht nur deshalb führt es in die Sackgasse, von der „Mehrheit der Muslime“ als Kollektiv zu erwarten, sich von religiösen Terroristen zu distanzieren. Die entscheidende Konfliktlinie des jungen 21. Jahrhunderts ist eine andere. Sie verläuft nicht zwischen kulturellen oder religiösen (oder nationalen) Kollektiven, sondern zwischen all denen, die Worte verwenden, um für die Wahrheit zu werben, und denen, die Waffen verwenden, um ihre Wahrheit durchzusetzen. Es ist ein Kampf zwischen denen, die den Dialog bejahen, und denen, die den Dialog verneinen. Muslime sollten sich, wie alle anderen Demokraten, in erster Linie zur Wertegemeinschaft freier Demokraten bekennen „und sich bedingungslos für die Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen“, wie Cigdem Toprak schreibt.

Die Gretchenfrage gilt der Dialogfähigkeit

Fähig zum Dialog oder nicht, das ist in meinen Augen die moderne Gretchenfrage freier Gesellschaften: Bejahen wir die kreative Kraft des Dialogs – oder halten wir den Dialog für Schwäche? Gehen wir davon aus, dass sich Wahrheiten an der Wirklichkeit immer neu bewähren müssen – oder setzen wir eine absolute Wahrheit in der Welt durch? Vertrauen wir auf die Produktivität und Widerstandsfähigkeit vielfältiger, dezentraler, lernender, von Freiheit geprägter Systeme – oder sind wir uns gewiss, dass eine monistische, exklusive und autoritäre Tradition auch mit Gewalt durchgesetzt werden muss?

Offene Gesellschaften bleiben frei, wenn sie dialogfähig sind – weil sie so mit ihren Differenzen respektvoll und förderlich umgehen können. Dialog lebt von Selbstreflexion, Offenheit, Respekt und Partnerschaft. Freie und ungleiche, aber gleichberechtigte Menschen streben gemeinsam danach, ihr Zusammenleben in einer gemeinsamen Welt förderlich für alle zu organisieren. Im fairen Dialog stärken sie ihre Urteils- und Gestaltungskraft. Deshalb ist der Dialog die Praxis des Freisinns und der Quellcode einer freiheitlichen Respektgesellschaft.

Autoritäre Gesellschaften dagegen bekämpfen den Dialog und alles, was ihn möglich macht: Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit, Kabarett und Karikaturen. Sie fürchten den Dialog freier und gleichberechtigter Bürger, weil deren gemeinsame Wahrheiten nicht der einen, eigenen Wahrheit entsprechen. Das macht sie zu unfreien Gesellschaften.

Dialogfähigkeit ist deshalb sowohl der Stein des Anstoßes als auch der Prüfstein für Putin und Erdogan, für Pegida und Pegida-Kritiker, für überzeugte Säkularisten genauso wie für tief Gläubige, für Linke wie für Rechte – und natürlich für die traditionellen Dialogiker, die Liberalen. Wer eine menschliche, freiheitliche, respektvolle Gesellschaft will, muss Dialogfähigkeit nicht nur dulden oder schützen, sondern fördern.

Zeit für Religions- und Selbstkritik

In der Konsequenz heißt das erstens: Eine überfällige, aufgeklärte Religionskritik am Islam sollte bei der Überprüfung der Dialogfähigkeit beginnen. Welche islamischen Strömungen fördern Dialogfähigkeit, welche verhindern sie? Stehen Welt, Wort und Wahrheit in einer festgelegten oder einer dialogisch bewegten Beziehung? Wie kann der in sich zerstrittene Islam mit seiner eigenen Vielfalt förderlicher umgehen? Welche Ressourcen haben islamische Traditionen, die autoritären und patriarchalischen Strukturen von Stammgesellschaften zu kritisieren?

Zweitens: Wir sollten die Dialogfähigkeit von Jugendlichen stärken. Der Islamismus scheint auch eine religiöse Terrorbewegung zu sein, deren Radikalität, Widerstand und Sinnversprechen Jugendliche anspricht. Was macht Freisinn krass kultig: Individualität und Verantwortung, Gewaltlosigkeit und Fairness, Widerspruch und Klugheit?

Und drittens: Selbstprüfung. Leben wir Dialogfähigkeit vor? Wie schützen wir die Freiheit des Einzelnen nicht nur, sondern wie fördern wir den Freisinn und die Chancen des Einzelnen? Respektieren wir andere Menschen, auch wenn wir ihre Meinungen nicht teilen? Aus welchen geistigen Traditionen wächst das Zusammenleben freier Demokraten in Europa?

Ich glaube, das offene Europa ist noch Neuland für uns alle. Aber ich bin überzeugt: Der Motor Europas ist der Dialog – und eines seiner Schmiermittel die Fähigkeit, über die Wahrheit Anderer zu lachen. Merci, Charlie Hebdo.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christopher Gohl: In die Offensive, Republikaner!

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von Alissia Passia
08.01.2015
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