Der Kommunismus findet Zulauf nur dort, wo er nicht herrscht. Henry Kissinger

Jenseits von Mehrheiten und Minderheiten

Ein freies und vielfältiges Europa braucht ein zivilisatorisches Minimum. Die Rede von „Nation“ und „Kultur“ schadet mehr, als sie nutzt.

Agitationen voller Hass, Attacken auf Einzelne, Anschläge auf Gotteshäuser: Aggression zerreißt das dünne Band der Zivilisation überall in Europa. Zu große Teile Europas sind in diesem nervösen Sommer 2014 No-Go-Areas geworden – zu viele öffentliche Plätze, Stadtviertel und Landstriche, in denen Juden und Muslime nicht mehr als Juden oder Muslime erkannt werden wollen, weil sie um Leib und Leben fürchten.

Hinter der akuten Bedrohung liegt die alltägliche Behinderung von Juden und Muslimen durch Vorurteile, die wie Barrikaden der Integration auf Spielplätzen und Fußballfeldern, auf dem Wohnungs-, Arbeits- und Heiratsmarkt, aber auch in Vereinen, Verbänden und Parteien wirken. Schon die morgendliche Zeitungslektüre vermag Juden und Muslime jeden Tag zu erinnern, dass sie als fremde Minderheiten gelten.

Die Traditionen und Motive des Antisemitismus und der Islamfeindlichkeit, aber auch der damit verwandten Fremdenfeindlichkeit unterscheiden sich, zumal in einzelnen Ländern. Sie verdienen differenzierte Betrachtung und Behandlung. Aber in einem gleichen sie sich: Sie bedrohen und behindern Menschen aufgrund ihrer religiösen oder kulturellen Prägungen.

Damit verletzen sie das zivilisatorische Minimum freier Gesellschaften. So wollen wir in Europa nicht zusammenleben.

Nationale Selbstgespräche

Wir werden für Europa aber positiv zu bestimmen haben, wie wir zusammenleben wollen – was also dieses zivilisatorische Minimum konkret bedeutet. Welchen Konsens braucht, wie viel Dissens verträgt ein vielfältiger Kontinent? Welche Rechte schützen, welche Pflichten stützen die Bürger Europas? Heißt Integration, dass sich die Neuen an die Alten, und die Kleinen an die Großen anpassen, oder entsteht dabei etwas Neues? Bedeutet Toleranz, dass Mehrheiten die Andersartigkeit von Minderheiten gönnerhaft dulden? Dass kulturelle Gemeinschaften sich grummelnd in Koexistenz fügen? Dass wir andere Weltanschauungen respektieren, oder dass wir sie sogar wertschätzen?

Ich glaube, die Debatte über diese Fragen ist kein kultureller Zuckerguss auf dem Kuchen, den wir dem europäischen Binnenmarkt verdanken. Sondern sie betrifft das Curriculum derer, die den Kuchen backen; das Rezept für den Kuchen; und den Schlüssel, nach dem wir den Kuchen verteilen. Sie bestimmt, wer wir als Europäer sein und in welcher Welt wir leben wollen. Sie ist eine Chance, das Projekt Europas positiv zu bestimmen – jenseits des „Nie wieder Totalitarismus, nie wieder Krieg in Europa!“.

Wir werden erst noch lernen müssen, gesamteuropäische Debatten zu führen. Bislang führen wir Selbstgespräche in nationalen Öffentlichkeiten und glauben, deren Ergebnisse gehörten dann in Brüssel verhandelt. Aber unsere Zukunftsvision von Europa können wir natürlich nicht als Flickenteppich nationaler Interessen oder kultureller Identitäten zusammensetzen: Deutsche Wirtschaftskraft plus skandinavischer Sozialstaat und französisches savoir vivre, gewürzt mit ungarischer Paprika, garniert mit holländischem Käse und serviert mit britischem Understatement. Dazu Klezmermusik, Bauchtanz und alle religiösen Feiertage.

Wo uns unterschiedliche Erfahrungen, Diskurse, Interessen und Öffentlichkeiten trennen, sollten wir vielmehr nach gemeinsamen Zwecken suchen – nach Effekten der europäischen Einigung, an denen wir alle ein Interesse haben. Das heißt: Weg vom national-kulturellen Dünkel, weg vom Geschacher nationaler Positionen! Und hin zu einer gemeinsamen Perspektive und einer Haltung, die uns jenseits aller Differenzen eint.

Das Minimum menschlicher Zivilisation

Mein Vorschlag ist ein alter kosmopolitischer: Der Zweck des europäischen Organisationsprozesses ist es, für jeden Menschen in Europa ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben zu gewährleisten. Klingt einfach, hat aber eine Menge Konsequenzen.

Erstens braucht diese Idee eine äußere, rechtliche Verfassung. Sie verpflichtet alle Europäer und ihre Institutionen – supranationale ebenso wie die Nationalstaaten – auf die Menschen- und Bürgerrechte. Indem diese Grundrechte dem selbstbestimmten Menschen dienen, sind sie zugleich der Grund wie auch die Grenze der moralischen, religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Vielfalt in Europa. Im Interesse der Menschenwürde begründen sie eine Vielfalt der Lebensentwürfe und begrenzen gleichzeitig die Macht etwa religiöser, wirtschaftlicher oder politischer Autoritäten.

Zweitens gehört dazu ein einheitlicher europäischer Pass für jeden Menschen, der in Europa geboren ist oder seit einiger Zeit hier lebt – sagen wir: sieben Jahre. Dieser europäische Pass berechtigt gleichzeitig zur Wahl des europäischen Parlaments.

Drittens bedarf ein solches Europa aber vor allem einer inneren, gelebten Verfassung – nämlich der alltäglichen Gewohnheiten und Techniken des Umgangs miteinander. In Deutschland nennt man das „Kultur“ und meint vor allem: deutsche Leitkultur, gerne auch einmal mit Mut zur Verlogenheit „christlich-jüdische Tradition“. In Europa sollten wir das anders nennen: Zivilisation.

Zivilisation, so hat es Norbert Elias beschrieben, ist der krumme und von Rückschlägen geprägte Prozess der Zivilisierung der Menschen. Wir lernen dabei, dass unser Handeln Konsequenzen für andere hat, entwickeln Formen der Rücksicht und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass jeder Mensch Verantwortung für sein eigenes Handeln tragen kann. Kurz gesagt, entwickeln wir Gewohnheiten, Techniken und Tugenden verantworteter Freiheit.

Auch diese müssen wir nicht neu erfinden. Wir können sie entdecken im „Projekt Weltethos“ von Hans Küng. Er hat in den großen religiösen Traditionen der Welt gemeinsame und verbindende Werte und Prinzipien menschlichen Umgangs entdeckt: das Gebot, Menschen menschlich zu behandeln, also ihre eigenen Zwecksetzungen zu respektieren; die Goldene Regel der Gegenseitigkeit; die Verpflichtung auf Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und die Partnerschaft von Mann und Frau. Wer diese Normen beherzigt, begibt sich in den Dialog mit anderen.

Damit ist schon viel gesagt über ein Minimum menschlicher Zivilisation, und alles gesagt gegen den akademisch gepflegten kulturellen Relativismus, der Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen für denkunmöglich hält. Aber nichts ist vorweggenommen in Bezug auf den moralischen, kulturellen, religiösen, ökonomischen oder politischen Gehalt einzelner Lebensentwürfe. Deren Vielfalt wird durch das zivilisatorische Minimum begründet wie auch begrenzt. Wer die Gegenseitigkeit des zivilisatorischen Minimums verletzt, muss dafür büßen.

Europa auf ein würdevolles, in Freiheit und Verantwortung selbstbestimmtes Leben zu verpflichten heißt viertens, „Nationalstaaten“ und „Kulturen“ als Konzepte und Ideen des Diskurses in den Hintergrund zu stellen. Nicht etwa, weil sie unwichtig seien – im Gegenteil, sie bleiben wichtig. Aber sie sind im Hintergrund hilfreicher als im Vordergrund: Kulturen als Quellen der Inspiration, Nationalstaaten als Mittel rechtlicher und politischer Organisation.

Multikulturalismus gehört ins Museum

In den Vordergrund wechseln sollten die fundamentalen Kategorien, die größer sind als „Nation“ und „Kultur“ – nämlich „Mensch“ und „Zivilisation“. „Nation“ und „Kultur“ sind kollektivistisch überfrachtete Begriffe. Wer sie zu entscheidenden Kategorien politischer und zivilisatorischer Organisation macht, vergisst zu häufig, dass sie für sich genommen keinen eigenen Wert haben, sondern lediglich Mittel zum Zweck sind; dass Menschen durch Nation und Kultur niemals determiniert, sondern lediglich geprägt werden; und dass unsere gegenseitigen Abhängigkeiten und Herausforderungen heute größer als jeder nationale oder kulturelle Container sind.

Nicht nur in den Hintergrund, sondern ins Museum gehören Kategorien und Konzepte wie „Mehrheit“, „Minderheiten“ und „Multikulturalismus“. Sie verdichten die Fehler des irrelevanten Kollektivismus der Rede von „Nation“ und Kultur“. Die Rede von der Mehrheit und Minderheiten setzt (angebliche!) Quantitäten in ein hierarchisches Verhältnis; entweder die Mehrheit ins Recht gegenüber der großzügig tolerierten Minderheit; oder die arme unterdrückte Minderheit ins Recht gegenüber der dumpfen Mehrheit. Klar gibt es weniger Juden als Christen, Atheisten oder Agnostiker in Deutschland. Aber wer hat denn jetzt die „Mehrheit“: die Christen oder die Atheisten oder die Agnostiker? Und: die katholischen, die protestantischen oder die freikirchlichen Christen? Und vor allem: Was soll denn aus dem Argument der Quantität qualitativ folgen, was wir nicht mit den Geboten des zivilisatorischen Minimums oder der Menschen- und Bürgerrechte begründen könnten?

Zwar versucht die Rede vom Multikulturalismus, die Hierarchien von Mehrheit und Minderheiten aufzuheben. Die bedingungslose Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt ist löblich – aber der Preis der Ignoranz des eigenständigen Einzelnen, der Hang zum Relativismus zwischen den Kulturen und die Vorstellung von kulturellen Containern innerhalb nationaler Gesellschaften sind zu hoch. Und wo der Multikulturalismus menschenrechtlich aufgeklärt werden soll wie bei Heiner Bielefeldt, da begrüßt ihn schon der Kosmopolitismus.

Die Debatte über das Verhältnis von europäischer Einheit und menschlicher Vielfalt ist eine Debatte über das Fundament der Werte Europas. Hier ringen Europäer um die Idee Europas. Ich glaube, Europa ist ein zivilisatorisches Projekt. Und nur als solches kann es wohl auch gelingen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christopher Gohl: Zwölf Thesen zur Freiheitspolitik

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