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„Ein Gentleman ist man, oder man wird es nie“

Wer in Berlin die Kreuzung aus englischer Landmode und Poppercoolness sucht, pilgert zu einer der beiden Boutiquen des anglophilen Mode-Start-ups “Chelsea Farmer’s Club”. Inhaber Christoph Tophinke plaudert im Tweed über die Wurzeln der britischen Eleganz, deutsche Modekomplexe, den jungen Adel und die Spießigkeit der Hauptstadt.

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The European: Herr Tophinke, was genau hat Großbritannien eigentlich richtig gemacht, um bis heute als Mutterschoß der eleganten Mode für den Gentleman zu gelten?
Tophinke: Ganz einfach: Die Briten haben sich nie viele Gedanken darüber gemacht, sie haben das denkbar lässigste und entspannteste Verhältnis zu dem Thema. Wenn man sich die englische Landbevölkerung anschaut, sind das ja alles ganz einfach gekleidete Leute, der einzig wirkliche Unterschied ist der Schnitt. Von dieser eleganten Basis aus leisten die sich dann Lustigkeiten wie pinkfarbene Kniestrümpfe zum Nadelstreifen.

The European: Angeblich ist die Freizeitmode der Briten ja auch deshalb so bunt, weil die Herren, die die ganze Woche über im grauen Anzug in der City sitzen, dass am Wochenende modisch kompensieren müssen.
Tophinke: Das kommt dazu. Außerdem ist das Wetter in England einfach so scheiße, dass der Gentleman sich einen psychologischen Ausgleich schaffen muss.

Meilensteine der britischen Mode

The European: Wenn wir von englischer Mode sprechen, haben wir einen Stil im Kopf, der zwar einerseits ein Anachronismus ist, andererseits heute selbst in Eton oder Oxford kaum noch getragen wird. Ist die englische Mode des 21. Jahrhunderts überhaupt noch gentlemantauglich?
Tophinke: Absolut, total. Die bewegt sich halt in kaum wahrnehmbaren Miniaturschritten voran. Aber ein wirklicher Meilenstein war das, was Jeremy Hackett Anfang der 90er gemacht hat. Der hat mit einem Secondhand-Laden angefangen, in dem er Cuts, Fracks und Smokings verkauft hat. Dann hat er das Ganze bunt geschneidert und hatte damit etwas komplett Neues. Aber das fällt dort nicht so auf wie in Berlin, wo es jetzt plötzlich diesen Brutalo-Hype auf solche Mode gibt.

The European: Ausgerechnet in Berlin, der Stadt, in der es als modebewusst gilt, mit Flohmarkt-Sonnenbrille und durchgepupster Röhrenjeans über die Kastanienallee zu lustwandeln. Wie sind sie eigentlich auf die Idee gekommen, ausgerechnet hier ihre beiden Läden aufzumachen?
Tophinke: Ich fand es gerade hier spannend, weil Berlin eigentlich die unmodischste und spießigste Stadt ist, die es überhaupt gibt, auch weil jedes Viertel in seinem eigenen Topf herumrührt. Und gerade Mitte, wo sie cool mit Plastiksonnenbrillen herumlaufen, ist das konservativste Viertel der Stadt. Ich werde nie vergessen, wie die uns angeguckt haben, als wir auf der Veteranenstraße unseren ersten Laden aufgemacht haben. Wir waren die Einzigen weit und breit, die morgens um zehn schon ihren Laden aufhatten. Und dann steht da jemand wie ich, mit Anzug und Krawatte: Die dachten, ich wäre ein Außerirdischer.

Der verlorene Krieg hat die Deutschen formlos gemacht

The European: In England findet man auch noch im Discounter Kleidung mit Stil. In Deutschland muss man noch immer Geld in die Hand nehmen, um sich geschmackssicher auszustatten, im Provinzeinkaufszentrum findet man nur beigefarbene Seniorenjacken und Kunstlederschuhe mit praktischem Klettverschluss. Woran liegt das?
Tophinke: Ich glaube, dadurch, dass die Deutschen den Krieg verloren haben, sind sie völlig formlos geworden, was ihre Kleidung anbelangt. Nichts darf nach Uniform und körpernahen Schnitten riechen oder zackig aussehen. Dadurch gibt es hier kaum Mode, der eine echte Idee zugrunde liegt oder die sich auf irgendetwas rückbesinnt.

The European: Das hieße im Umkehrschluss, die Eleganz der englischen Mode hat etwas mit dem bisher ungebrochenen Verhältnis der Briten zu ihrer Geschichte zu tun?
Tophinke: Absolut, mit der Geschichte, der Kultur, der Gesellschaftsform und letztlich auch mit der Militärtradition. Was müssen wir uns dagegen anhören, wenn die Leute hier in den Laden kommen und zum Beispiel die Cut-Montur dort oben sehen. Die sind fassungslos, wenn ich denen erzähle, dass wir die knapp 30 Mal im Jahr verkaufen.

Der Adel ist modisch eine Subkultur wie die Punks

The European: Vermutlich gehen die Cuts vor allem an den jungen Adel, der regelmäßig in ihre Läden pilgert. Die tragen heute zwar nicht mehr alle Barbourjacken und den Timberland-Segelschuh, sehen aber irgendwie trotzdem alle gleich aus. Warum eigentlich?
Tophinke: Das stimmt leider wirklich, die Barbourjacke ist halt jetzt von der farbigen Baumwollhose abgelöst worden. Das ist halt eine Subkultur, genauso wie es immer noch Punks gibt oder New Waver, zum Glück. Man könnte jetzt sagen: Oh Gott sind die alle bewegungslos, aber die Jungs sind mir immer noch lieber als andere, weil man die modisch noch ein bisschen trimmen und ihnen zum Beispiel andere Farbwelten eröffnen kann. Bei denen, die mit Flip-Flops in Mitte herumlaufen, ist alles verloren.

The European: Offensichtlich ganz im Sinne des englischen Staatsphilosophen Edmund Burke, der einmal sagte, der König könne einen Mann zwar adeln, aber ihn nicht zum Gentleman machen. Wer oder was kann das dann?
Tophinke: Niemand, ein Gentleman ist man oder wird es nie. Ich erlebe ganz oft, dass erwachsene Männer hier völlig überfordert hereinkommen und sagen: Hilf mir, wie ich mich anziehen soll. Dann durchschaudert es mich, weil ich nicht weiß, wie ich damit umzugehen habe. Dahinter steht die hochphilosophische Frage, wie man sich anzieht, wie man sich positioniert und was man damit eigentlich ausdrücken will. Man kann Menschen ja nicht verkleiden. Wenn das jemand will, ziehen wir die Reißleine und sagen: Danke, das geht einfach nicht. Der Umsatz ist mir dann egal, dafür haben wir die Bude nicht aufgemacht.

Das Interview führte Constantin Magnis

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