Plumper Ego-Trip

von Christoph Schmidt15.04.2013Wirtschaft

Für Frank Schirrmacher sind wir Ökonomen die Wurzel aller Gier. Doch sein Buch beruht auf einem großen Missverständnis. Eine Kritik.

Die deutsche Debatte über Ursachen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise hat mit der Veröffentlichung von Frank Schirrmachers „Ego“ einen ungeahnten Tiefpunkt erreicht. Allen Ernstes soll es die von böswilligen Wissenschaftlern, vor allem Ökonomen, betriebene „Spieltheorie“ gewesen sein, die eine Welt voller Gier und Eigennutz geschaffen und damit die Wurzeln der Krise begründet hat. Dass diese These aus vielerlei Gründen grober Unfug ist, haben kompetente Rezensenten zum Glück schnell erkannt. Zu nennen sind der Magdeburger Ökonom Karl-Heinz Paqué (“„Aufgeregt, aber nicht aufregend“, „Die Welt“, 16. Februar 2013”:http://www.welt.de/print/die_welt/wirtschaft/article113678504/Aufgeregt-aber-nicht-aufregend.html) sowie die Wirtschaftsjournalisten Dieter Schnaas und Nikolaus Piper von „Wirtschaftswoche“ („Achtung, Rationalitätsroboter“, 25. Februar) beziehungsweise „Süddeutscher Zeitung“ (“„Monster-Unsinn“, 2. März”:http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bestseller-ego-das-spiel-des-lebens-monster-unsinn-1.1613964).

Grundlegendes Missverständnis

In ihrer selbst bei fahlstem Licht erkennbaren Plumpheit enthält Schirrmachers These jedoch ein grundlegendes Missverständnis, mit dem Ökonomen im öffentlichen Diskurs immer wieder konfrontiert werden, auch jenseits der Analysen zu Entstehung und Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise. Dabei handelt es sich um die leichtfertige, mitunter auch böswillige Verwechslung von positiver und normativer Analyse in den Sozialwissenschaften. Einmal auf diesem Irrweg, folgt oft als zweiter Schritt, dass der Ökonomik als Disziplin jeder Wille zu Erkenntnis und Fortschritt apodiktisch abgesprochen wird.

Man kann es zwar niemandem übel nehmen, der sich für die Diskussion gesellschaftlicher Probleme begeistert, wenn er oder sie dafür nicht in die Gedankenwelt der neoklassischen Ökonomik eintauchen will. Die Sozialwissenschaften bieten ja eine Reihe verschiedener Zugänge zu gesellschaftlichen Phänomenen an, die einander wechselseitig ergänzen. Der spezifische Zugang der Ökonomik erinnert uns daran, dass Menschen dem eigenen Vorteil oder dem Nutzen ihnen nahestehender Personen oft eine höhere Priorität einräumen als dem Vorteil anderer oder dem Gemeinwohl. Daher fragen Ökonomen in ihrer Analyse menschlichen Verhaltens – was man für penetrant, auf jeden Fall für ziemlich unromantisch halten mag – ständig, wem ein bestimmtes Argument oder Arrangement eigentlich am meisten nützt. In diesem Sinne sind Ökonomen häufig nolens volens die Boten schlechter Nachrichten – nämlich des Umstands, dass Eigennutz eine wichtige Triebfeder des menschlichen Handelns darstellt.

Es bleibt der Mehrheit der Gesellschaft natürlich unbenommen, nicht permanent selbst diese Gedankengänge durchzuspielen und die resultierenden Schlussfolgerungen ziehen zu wollen. Schließlich gibt es auch andere wichtige Triebfedern menschlichen Verhaltens, insbesondere die aus der Einbettung in die soziale Gemeinschaft resultierenden Normen, Vertrauensverhältnisse et cetera. Zudem ist die Vermutung sicher richtig, dass unter Ökonomen die gleiche professionelle Deformation und Fixation auf den Sprachcode und die Argumente der eigenen Disziplin herrscht, wie sie auch bei anderen Professionen beobachtet werden kann. Ökonomen haben daher keineswegs einen Anspruch darauf, dass ihre Stimme immer vordringlich zu hören sei. Doch würde es, anders herum, der Gesellschaft gut tun, wenn es die ökonomische Analyse und ihre nüchterne Perspektive auf die Motivation menschlicher Handlungen nicht gäbe? Wohl kaum. Auf die Einsichten der Ökonomik zu verzichten, hieße, all denjenigen blind auf den Leim zu gehen, die ihre Eigeninteressen geschickt hinter Wortgirlanden des Allgemeinwohls verbergen. Gerade spieltheoretische Modelle aus der Ökonomik zeigen, wie sich in langfristigen Beziehungen selbst dann Vertrauen herausbilden kann, wenn Eigennutz die wichtigste Triebfeder der beteiligten Akteure darstellt.

Bitte keine Verschwörungstheorien

Haben, um zur Finanz- und Wirtschaftskrise als Gegenstand von Schirrmachers Thesenkonstrukt zu kommen, viele Ökonomen vor deren Ausbruch große Versäumnisse und Fehler begangen? Sicherlich. Haben alle Ökonomen versäumt, auf das Krisenpotenzial hinzuweisen? Mitnichten. Wie jede sozialwissenschaftliche Disziplin zeichnet sich auch die Ökonomik durch Vielfalt aus, eine Pauschalaussage über eine ganze Disziplin kann daher niemals zielführend sein. In dem Ausmaß, in dem manche Wirtschaftswissenschaftler vor der Finanzkrise mit ihrem selbstbewussten Auftreten suggeriert haben, die Ökonomik sei die allein selig machende Sozialwissenschaft, hat die Profession die ihr entgegenschlagende Kritik wohl verdient. Aber dann doch bitte für tatsächliche Versäumnisse, nicht aber als unsinnige Vorwürfe auf Basis absurder Verschwörungstheorien!

Bei Licht besehen ist die von Schirrmacher vertretene Vorstellung, wirtschaftswissenschaftliche Modelle und Analysen hätten das Böse erst in die Welt getragen, mehr als albern. Nimmt man den Unsinn einfach mal für einen Augenblick ernst, dann drängt sich doch sofort die Frage auf: Wenn Ökonomen wirklich die von Schirrmacher behauptete Allmacht besäßen, mithilfe ihres mathematisch geprägten Instrumentariums der „Spieltheorie“ das menschliche Verhalten zu steuern – ja sogar aus an sich sozialen Wesen dem bloßen Eigeninteresse verpflichtete Monster zu machen – wieso hätten sie dann überhaupt zugelassen, dass eine derart tiefgreifende Krise entsteht? Es hätte ihnen doch klar sein müssen, dass dann Verschwörungstheoretiker über die herrschende Wirtschaftsordnung herfallen werden. Die Antwort ist ganz einfach: Ökonomen mögen viele Fehler gemacht haben, aber Egoismus, Kurzsichtigkeit und Gier mussten sie nun wirklich nicht erfinden.

_Mitarbeit: Nils aus dem Moore_

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