Egal, ob anlässlich des Kinofilms, der Einführung einer neuen Ortungsfunktion oder dem Streich, bei dem sich ein Blogger auf Facebook als Google-Chef Eric Schmidt ausgab – immer wenn das größte soziale Netzwerk der Welt in den Schlagzeilen ist, geht augenblicklich das Gezeter los: Niemand auf der Welt könne Hunderte von Freunden haben, wo käme man denn da hin! “Das Facebook” sei eine durchweg oberflächliche Veranstaltung, die mit ihrem Tempo unsere Gehirne zu Grütze und unsere guten Ohrensesselgespräche zu leerem Blabla mache. Und die ahnungslosen jungen Leute erst, die ihre Partyfotos online stellen – nicht ahnend, dass eines Tages die Personalchefs dieser Welt sie deswegen nicht einstellen.
Ängstlicher, uninformierter Unsinn
So lauten die häufigsten und immer gleichen Klagen – und leider sind sie alle großer, ängstlicher, uninformierter Unsinn. Nicht, dass es an Facebook nichts zu kritisieren gäbe (Stichworte: AGB, Privatsphäre, Farmville-Terror) – aber wer allen Ernstes behauptet, Facebook zerstöre die echte Freundschaft, fördere ungesunden Exhibitionismus oder könne dies und jenes “niemals ersetzen”, hat nicht verstanden, dass es darum gar nicht geht. Es geht um eine lose, unverbindliche Art, miteinander in Kontakt zu bleiben, sogenannte weak ties, schwache Bindungen. Damon Darlin beschrieb diese Bindungen gerade in der New York Times sehr treffend mit dem Ritual der Weihnachtskarten: Man verschickt sie auch an Menschen, die man nicht regelmäßig sieht, mit denen man aber dennoch in loser Verbindung bleiben will. Denen man signalisieren möchte: Mir liegt etwas an dir – aber wir haben beide trotzdem nicht die Zeit, jedes Wochenende stundenlang Kaffee zu trinken. Diese losen Bindungen gab es schon immer, über sie – nicht über unsere allerbesten Freunde – finden wir Wohnungen und neue Jobs. Durch das Internet und Facebook ist es einfach nur leichter geworden, diese Bindungen zu pflegen, und zwar auf einem deutlich weniger oberflächlichen Niveau als den Texten auf den meisten Weihnachtskarten.
Was die angeblich exhibitionistisch veranlagten Jugendlichen betrifft, die im Internet so gar keine Hemmungen kennen sollen: “Generationen unterscheiden sich”, schreibt Clay Shirky in seinem sehr lesenswerten Buch “Cognitive Surplus”, “aber weniger, weil die Menschen unterschiedlich sind, sondern weil die Möglichkeiten es sind.” Mit anderen Worten: Wer heute erwachsen ist, hat nur deshalb keine albernen Partyfotos auf Facebook veröffentlicht, weil es in seiner Jugend technisch noch nicht möglich war. Und diesen mysteriösen Personalchef, der dem ansonsten perfekten Kandidaten nur wegen eines bierseligen Fotos die Tür weist, muss bitte auch erst mal jemand finden – statt ihn immer nur vage an die Wand zu malen.
Technikfeindlichkeit gab es schon immer
“Die Vertrautheit der Nachbarschaft ist zerschlagen worden durch das Wachstum eines komplizierten Netzes von weit entfernten Kontakten.” So klagt der US-Soziologe Charles Horton Cooley. Spricht er von Facebook? Nein, denn der Satz stammt aus dem Jahr 1912: Es ist das gute alte Telefon, das dem Mann solche Angst macht.
Heute können wir über seinen Horror vor dem Hörer lachen – über das Facebook-Gejammer werden wir es in ein paar Jahren auch können. Auch wenn es denkbar ist, dass bis dahin schon ein neues, nutzerfreundlicheres Online-Netzwerk seinen Platz eingenommen hat. Verschwinden wird diese Art zu kommunizieren, Bekanntschaften zu pflegen und das soziale Kapital zu organisieren jedenfalls nie mehr. Zum Glück.























Moment mal – schon Zehnjährige “korrigieren” massenhaft ihr wahres Alter nach oben, um sich bei Facebook anmelden zu können. Da geht es zunächst mal darum, so schnell und so viele wie möglich “Freundschaften” zu schließen und damit auf dem Schulhof prahlen zu können. Wer da nicht wenigstens auf eine dreistellige Zahl kommt, läuft Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Das sind meine authentischen Beobachtungen als Aushilfskraft in einer Berliner Anstalt für höhere Bildung.
Ich würde mich hier nicht zu Wort melden, wenn Facebook und all die anderen sogenannten sozialen Netzwerke für das, was unter “Freund” bzw. “Freundschaft” verstanden werden soll, einen neuen – meinethalben recht trendigen – Terminus erfunden hätten. Dann bräuchten wir nicht darüber zu diskutieren, ob die ursprünglichen Wortbedeutungen verwässert, entwertet oder gar missbraucht werden.
Ich stimme mit Christoph Koch überein, dass man das Treiben auf Facebook mit dem Versenden klassischer Weihnachtspost vergleichen kann. Überlegen ist es allenfalls in der Quantität, jedoch zum größten Teil nicht in der inhaltlichen Qualität der Beiträge.
Ich habe meinen eigenen Facebook-Account nur deshalb eingerichtet, weil ich mit einigen Leuten in Verbindung treten bzw. bleiben wollte, die sich hierfür nichts anderes als Facebook vorstellen konnten, obwohl diese Kommunikation genau so gut oder besser mit normaler e-Mail zu erledigen ist. Politisch würde ich mich eher als liberal einstufen, bei technischen Fortschritten als opportunistisch, im kulturellen Bereich bisweilen aber auch mal als konservativ.
Falk Fallenstein
Hallo, Herr Christoph Koch, Herr Falk Fallenstein, leider weiß ich auch nicht so genau, ob solche “sozialen Netzwerke” ein Segen für die, wohl überwiegend jüngere, Menschheit darstellen oder nur ein relativ neues Medienmittel ist, welches der Verblödung und Vereinsamung Vorschub leistet. So hörte ich von einer Frau, Mutter eines zwanzigjährigen Sohnes: “Mein Kristoff prahlt: Ich
habe Kontakt mit 51 Frauen! Meine Frage zu ihm: Und wie viel von denen hast du schon persönlich getroffen? Als Antwort kam kleinlaut: Gar Keine.”
Solche Anekdoten lassen sich massenhaft erzählen, wenn man/frau danach sucht.
Ich stimme mit Falk Fallenstein überein, dass der Begriff “Freund” in den “sozialen Netzwerken” reichlich bombastisch klingt.
(Leider hat sich dies in den Videoportalen wie Youtube und Myvideo ebenfalls eingeschlichen oder war schon
immer da. Ich habe auch begonnen seit 3 Monaten kurze Videos in die genannten Portale zu stellen, aber lediglich zum einzigen Zwecke, meine Natur-Homepage lebendiger zu gestalten, nicht, um irgendwelche kurzen, blöden Sprüche oder höchst oberflächliche Bewertungen abzugeben oder zu erhalten.)
Den Vergleich das Treiben bei facebook mit dem Ver-
senden klassischer Weihnachtspostkarten, empfinde ich als sehr gelungen. Allerdings stört mich das nicht, es gibt Schlimmeres.
Schorschi Schnabbelschnut sagte mal:
Noach oastrengend Arweit kenne mä nix mä schaffe
sunnern nur noch stumpsinni(s)ch fernsehgaffe.
(Nach anstrengender Arbeit können wir nicht mehr schaffen/sondern nur noch stumpfsinnig fernsehgaffen)
Er hatte die Zeitgenossen ab etwa 35 im Visier. Für die Jugendlichen, Auszubildenden und Studenten würde Schorschi Schnabbelschnut das wohl so umändern:
Noach oastrengend Lerne duhn mä nix mä schaffe
nur noch tratsche, bleedeln, uf de Monnidor gaffe.
(Nach anstrengender Arbeit tun wir nicht mehr schaffen/ nur noch tratschen, blödeln, auf den Monitor gaffen)
Das mag man bedauern oder nicht. Mit den anderen Medien war und ist das im Prinzip nicht anders. Die auflagenstärkste Tageszeitung in Deutschland, die Bildzeitung, ist auch für weniger Anspruchsvolle nur die Blödzeitung und die meisten Fernsehprogramme sind auch nicht Veranstaltungsorgien der Hochkultur.
Es mag sein, dass vereinzelt facebook-Mitglieder ihre relativ geistigen Ergüsse anderen mitteilen und diese dann dadurch erleuchtet werden, vermute aber: Das ist eher die Ausnahme.
In einem Punkt bin ich mir aber sicher: Facebook hat manche Zeitgenossen finanziell reich gemacht, und das ganz kräftig.
Viele Grüße an alle Leser
Dietrich Daub