Demokratie ist nicht angeboren. Michael Hardt

Totgesagte leben länger

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft bietet viele Chancen für das Feuilleton. Dieses muss sich nun zu einem Ort entwickeln, an dem soziales Verhalten ausgehandelt wird – so kann es uns die Angst vor einer immer komplexeren Welt nehmen.

Solange das Feuilleton über sein Totsein tönt, kann es gar nicht tot sein. Diese Lebendigkeit ist sogar messbar: Ob sich Äußerungen aufeinander beziehen, ist Relevanzkriterium jeder Suchmaschine. Die Abrufzahlen des Online-Feuilletons (z.B. Perlentaucher) deuten jedenfalls nicht auf Akzeptanzprobleme hin. Ein wirklich vitales Feuilleton versucht jedoch, sich der Algorithmen zu bemächtigen, statt sie abzuwehren. Liegen nicht auch Erkenntnischancen in einem empirischen Kultur-Labor, dem Data Feuilleton, das mit Pattern Recognition, Aggregation und Sentimentanalysen den Kulturraum Internet abtastet? Ein Methodenstreit wird kommen.

Wie Georg Seeßlen das Feuilleton über die Geschmacksbildung eines „Bürgertums“ und einen Stil zu definieren, um es dann mit diesem „Bürgertum“ für tot zu erklären und den Stil in anderen Ressorts zu verorten, ist ein Taschenspielertrick. Sicherlich: Die Zwiebel wird immer einen dicken Bauch haben. Aber wer glaubt denn noch an ein „Bürgertum“ mit einheitlichen Werten und Lebensstilen? Die Milieu-Definitionen heutiger Sozialforschung erfassen kaum die Artenvielfalt in literal kompetenten Online-Biotopen: IT-Consultants vs. Hacker, bürgerliche Edelblogger vs. Stillleben-Instagrammer haben keine gleichen Erwartungen an ein Feuilleton.

Erlaubt ist, was Resonanz findet

Kultur als Gegenstand geht jeden an und ihre Reflexion ist nicht auf Medientypen angewiesen. Die Summe sinnhafter Handlungen und Zeichen macht den Menschen aus. Solche „Kulturinhalte“ müssen sein, weil wir sind, indem wir leben. Wir denken, handeln, kommunizieren und dies braucht einen Beobachter, der uns spiegelt, anregt und so unseren blinden Fleck kompensiert. Die Notwendigkeit von solchem „Feuilleton“ ist unabhängig von -tum und -tariat.

Das Feuilleton hat ein Privileg: Es muss seine Beobachtungen nicht wie seine Schwester-Ressorts an den Zielen Macht und Geld messen (und ihren heutigen Vorbedingungen Meinung und Leistungsaustausch). Kultur hat kein eindeutiges Referenzsystem zum Maß der Antworten, sie hält sich an sich selbst. Die Chance: Vielfalt der Positionen, Blickwinkel und Perspektiven. Erlaubt ist, was Resonanz findet. Glänzend auch die Zufallsfunde, die man wie Kastanien horten und nach Hause tragen kann.

Gute Fragen sterben nicht aus. Wie wollen wir leben? Wo finden wir Sinn? Was sich hingegen ändern kann, ist der Antwort-Modus: Statt in Weihrauch herabgelassene Dekaloge und kraftstrotzende Paukenschläge, befördert der Frage-und-Tast-Modus einen Anschluss-Prozess, für den das Internet als Prozessmaschine die neuen Formen gerade gebiert. Vielleicht macht ja nicht die Publikation allein, sondern der Prozess (aus Publikationen) unseren Fortschritt. Das Feuilleton kann auch mit der Form spielen, intervenierend, flüssig bis zur Trollerei. Der fließende Prozess der vielen Formen als Gegenstück zum Buch als leuchtender Diskurs-Solitär.

Kultur als zweite Dimension

Ist Denglisch auf Facebook okayer als sonst? Was bedeutet queer? Wo Institutionen ihre Leitwirkung verlieren – von Brockhaus, Knigge, Kirche bis Schule – muss das Feuilleton ins Leben herabsteigen. Wir brauchen die Verhandlung der richtigen sozialen Praxis, weil es knirscht und kracht, wenn sich Menschen in beschleunigten Zeiten orientierungslos auf die Füße treten. Das Feuilleton ist dann der Ort, an dem Menschen das Verhandeln lernen und so ihre Positionen finden können. Dies kann nur im Netz erfolgen, wo Redaktionen auch den Pluralismus moderieren können.

Große Narrative sind nicht täglich erzählbar, obwohl wir sie mehr denn je brauchen, weil die Welt klar sein muss, damit wir keine Angst mehr haben. Das Feuilleton muss Information viel stärker als bisher ordnen und Ankerpunkte bieten, weil die alte Ordnung von Hierarchien in Bibliotheken, Büchern und Alphabet durch mehrdimensionale digitale Zugangswege abgelöst werden. Es muss Muster sozialer Interaktion dort aufdecken, wo viele Akteure in unübersichtlichen Formationen wirken. Es muss diesen folgen, sie kommentiert retweeten und sie entfolgen.

Ressorts verlieren nach außen an Bedeutung, denn die Zukunft ist entbündelter. Hier gewinnt das Feuilleton, wenn es Kultur als zweite Dimension aller anderen Ressort-Gegenstände definiert. Denn was treibt uns denn zu Wirtschaft und Politik? Wir, die dicke Zwiebelmitte, haben ja genug zu essen, Politik bleibt für uns symbolisch: Politikresultate sind also längst reine Kulturartefakte, die uns die Beherrschbarkeit der Welt versichern und kulturellen Kitt darstellen, mit dem wir unsere Öffentlichkeiten bauen.

Die Bedeutung der Inhalte für persönliche Lebensführung, die alle Ressorts historisch wohl einmal hatten, ist uns durch die Komplexität der Gesellschaft abhandengekommen. Feuilleton ist zweite Dimension, weil Kultur überall ist: Die Ikea-Kultur ist Kern des Unternehmens, die Kommunikationskultur Kern der Piratenpartei. Diese Kultur der Politik und der Wirtschaft zu beobachten, wird umso wichtiger, wie Politiker und Unternehmen selbst zum Massenmedium werden und der Journalismus allerorten an der Tickernadel hängt. Politik-Kritik wird Medienkritik. Die Medienkritik des Feuilletons schlägt wie ein Spürhund an, wenn Agitatoren und Lobbyisten die Informationskanäle verstopfen und mit unlauteren Methoden unser Gehirn neu formatieren wollen.

Förderung lebenslangen geistigen Wohlstands

Dass uns das Feuilleton fast immer entweder zu leise und zu spießig oder zu laut und zu avantgardistisch ist, zu miefig und zu oberlehrerhaft, weist aus ihm hinaus: Das Feuilleton versucht, die Defizite der anderen Ressorts zu kompensieren, die Politik und Wirtschaft immer mehr als kulturellen Hohlraum erscheinen lassen. Wo andere Ressorts dazu nicht fähig sind, eine distanzierte Außensicht nicht einnehmen können, was bleibt dann anderes, als dass das Feuilleton sich dessen annimmt? Schweigen wäre eine feige Wahl.

Hinzu kommt, dass jeder Mensch zwar Teilnehmer vieler Systeme ist, aber doch nur eine Identität hat, die schlüssig handeln will. Dass im Bildungssystem das humanistische studium generale immer mehr von Funktionswissen verdrängt wird, ist wohl der Preis für mehr Komplexität und materiellen Wohlstand. Umso zeitgemäßer wäre es, im Computerzeitalter lebenslang geistigen Wohlstand zu fördern und hierzu Kultur-Bausteine in die Informationsströme einzuspeisen, die sich an Teilwissen, Funktionswissen und Nano-Nachrichten trojanisch andocken. Das wäre Arbeit, die sich lohnt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Reus, Andreas Weiland, Tim Klimeš.

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