Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen, nicht die Gerichte. Ernst Ulrich von Weizsäcker

Gestatten: Gauland, Genosse

Gestern hat unser Kolumnist Alexander Gaulands vormalige Islamfreundlichkeit zum Thema gemacht. Noch interessanter sind aber seine Aussagen zu Rechtspopulismus und Sozialismus.

Alexander Gauland gilt als einer der härtesten Gegenspieler von Bernd Lucke in der AfD. Dass ich von dem auch nicht allzu viel halte, ist bekannt. Selten dürfte Lucke sich aber über einen Text aus meiner Feder so gefreut haben wie gestern und heute, gerade auch vor dem Hintergrund des anstehenden Parteitags. Ein genauer Blick in Gaulands Buch „Anleitung zum Konservativsein“ entzaubert diesen nämlich als vermeintlichen Intellektuellen – und schwächt ihn innerparteilich enorm.

So entblödet sich Gauland nicht, im selben Buch eine Position und das genaue Gegenteil davon zu beziehen. Zunächst warnt er vor dem Rechtspopulismus – was schon witzig genug wäre und so klingt, wie wenn Facebook vor Datenkraken warnen würde:

„Der um sich greifende Rechtspopulismus ist ein erstes Warnzeichen für gesellschaftliche Verwerfungen. Haider, LePen und Fortuyn haben dieselben Wurzeln – eine zu schnelle, ungesteuerte Modernisierung.“

Die Ablehnung allen liberalen Denkens

Dass Gauland auch hier wieder die liberale Gesellschaft und nicht etwa das Hass-Gen der Rechtspopulisten für diese Entwicklung verantwortlich macht, überrascht schon nicht mehr. Seine Einlassung an einer späteren Stelle allerdings schon:

„Die CDU sollte deshalb mehr Mut zu einem konservativen moralischen Profil und weniger Furcht vor den Hütern der ,political correctness‘ haben. Dass eine solche Politik noch immer Stimmungen in Stimmen verwandeln kann, zeigt der Erfolg des Pim Fortuyn.“

Was soll man dazu nun sagen? Rechtspopulisten sind gefährlich, aber wenn wir selbst Rechtspopulisten sind, ist das die bessere Lösung? Wenn das gemeint ist, macht auch Gaulands offensiv vertretener Sozialismus irgendwie Sinn. Wäre er Grieche, er würde es vermutlich schaffen, die linkspopulistische Syriza und die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen in einer Partei zu sein. Das schafft sonst nicht einmal Chuck Norris. Ein immer wiederkehrendes Motiv bei Gauland ist dabei die Ablehnung allen liberalen Denkens:

„Wir werden es künftig mit zwei kulturellen Milieus zu tun haben, einem liberal individualistischen, das sich für Zuwanderung, die Anerkennung von homosexuellen Lebensgemeinschaften und jede Art von Selbstverwirklichung stark macht, und einem wertkonservativen, das auf einer verbindlichen Identität aus moralischen Prinzipien und abendländischen Traditionen besteht und wirtschaftlichen Notwendigkeiten wie wissenschaftlichen Erfolgen eher skeptisch gegenübersteht, also nicht mehr das bürgerliche Lager gegen die Sozialdemokratie, sondern Konservative versus Liberale in allen Parteien. Dabei kann es zu Bündnissen zwischen linken Antikapitalisten und rechten europäischen Fundamentalisten kommen, denn Globalisierung und Turbokapitalismus sind beiden suspekt und das alte Rechts-Links-Schema nicht länger die Wasserscheide zwischen den Lagern.“

Querfront-Denken bei einem selbsternannten Konservativen? Entlarvend – aber man muss ihm lassen, da war er seiner Zeit voraus. Dass er das Buch sogar offensiv mit der Aussage bewarb, dass die globalisierungskritische Attac-Bewegung ein natürlicher Verbündeter aller Konservativen sein müsse, dürfte bei wahren Konservativen dafür sorgen, dass sich ihre Fußnägel kräuseln. In einer gewissen Art und Weise ist da aber endlich einmal eine gewisse Kontinuität zwischen dem Gauland von 2002 und dem von heute zu beobachten: Seine Anbiederungsversuche an die brandenburgischen Wähler der Linkspartei hatten ja auch schon für große Verwunderung gesorgt.

Genosse Gauland, das Volk fordert eine Stellungnahme!

Die hatte er übrigens auch mit seinem Pro-Putin-Kurs zu locken versucht, auch wenn er das als Rückkehr zur Bismarck’schen Außenpolitik umschrieb. Mit diesem Gedanken konnte er 2002 allerdings noch nicht viel anfangen, was gleich an mehreren Stellen deutlich wird:

„[…] eine Wiederanknüpfung an das Bismarck-Deutschland ist weder gesellschaftlich noch territorial möglich.“

„Auch nach dem Ende des Kommunismus in Osteuropa ist der Atlantik das Mittelmeer des 20. Jahrhunderts und seine Anlieger Teil einer Wertegemeinschaft, die nicht automatisch den Osten Europas umfasst.“

„Was sich zu Beginn des Jahrhunderts in der Abwehr der Idee von 1789 zum ersten Mal gezeigt hatte, wird jetzt zur herrschenden Ideologie. Die Vorstellung von einem ,Inneren Reich‘ und, damit verbunden, die Neigung zu Träumerei und verschwommenen Gefühlslagen begünstigten die Abwendung vom Westen und den fatalen Glauben an eine deutsche kulturelle Mission, an die Brückenfunktion zwischen Ost und West. Der deutsche Kulturpessimismus betritt die Bühne und wendet das Gesicht des neuen Deutschlands nach Osten.“

Da stellt sich natürlich die Frage, was mit Gauland seitdem passiert ist, dass er nun selbst auf die Seite des von ihm beschriebenen Kulturpessimismus gewechselt ist. Ob man bei einem damals über 60-Jährigen eigentlich noch von Jugendsünden sprechen kann? Vermutlich eher nicht. Und in dem Kontext muss man auch seine sich im Buch mehrfach wiederholenden Ausführungen zu Fremdenhass lesen:

In Deutschland hat sich (im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern) „eine nationale, sprachliche und kulturelle Identität herausgebildet, die der Aufnahme von Fremdem wie Fremden abwehrend gegenübersteht.“ […] „Für die Zu-kurz-Gekommenen sind dann oft die Fremden schuld. Man mag diese Haltung verdammen, bekämpfen, immer von Neuem Erziehung und Aufklärung bemühen, wir müssen sie berücksichtigen, wenn wir über Zuwanderung entscheiden.“ […] „Wer Zuwanderung nicht auch der kulturellen Verdauungsfähigkeit einer Gesellschaft anpasst, darf sich nicht wundern, wenn in Krisenzeiten der Rechtsradikalismus sein Haupt erhebt. Auch wenn es der christlichen Botschaft widerspricht, die Abgrenzung von Fremden ist unauflösbar mit der Nationenwerdung in Europa verbunden […].“

Gauland glaubt also entweder, dass die Deutschen so etwas wie ein Rassismus-Gen besitzen. Dann versteht man auch, warum er die Pegida-Demonstranten als „ganz normale Menschen“ bezeichnet. Oder er verlängert einfach seinen eigenen Fremdenhass auf den Rest der Gesellschaft – er lässt gewissermaßen die „Zu-kurz-Gekommenen“ wie Fingerpuppen für sein eigenes Bauchgefühl sprechen. Beides wäre ziemlich unappetitlich und übergriffig. Und für den Parteivorsitzenden einer Partei, die vorgibt, für „das Volk“ zu sprechen, eine ziemlich heftige Wählerbeschimpfung. Genosse Gauland, das Volk fordert eine Stellungnahme!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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