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Gestatten: Gauland, Islamfreund

Alexander Gauland gilt als großer konservativer Intellektueller der AfD. Nach einem Blick in seine Werke fragt man sich allerdings, warum eigentlich. Die Wendehalsigkeit Gaulands ist auf jeden Fall erstaunlich.

Es dürfte ja inzwischen bekannt sein: Ich lese mit Vorliebe die Bücher von genau den Leuten, deren Positionen ich eher nicht teile. Bei „Focus“-Chefautor und Rechtsaußen Michael Klonovsky lohnte sich das ebenso wie im Fall des libertären Ideologen Frank Schäffler. Irgendwie. Nun also Alexander Gauland, Chef-Putinist der AfD; und ich verspreche, es hat sich wieder einmal gelohnt. Irgendwie.

So viel Ewigkeitscharakter wie das Tausendjährige Reich

Aber von vorne. Im Jahr 2002 erschien bei DVA – dem Verlag von Thilo Sarrazin – das kleine Büchlein „Anleitung zum Konservativsein“ von Alexander Gauland. Der war damals noch CDU-Mitglied, ist heute allerdings Fraktionsvorsitzender der 12-Prozent-minus-ein-Mandat-wegen-Antisemitismus-Fraktion der AfD im brandenburgischen Landtag und Co-Sprecher der Bundespartei. In seinem Buch formuliert er als Leitsatz: „Das Konservative ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.“

Man müsste also davon ausgehen, dass seine Überzeugungen von damals sich einigermaßen mit dem decken, was er heute von sich gibt. Aber weit gefehlt. Das Ewiggültige des Alexander Gauland hat nach zwölf Jahren noch ungefähr so viel Ewigkeitscharakter wie das Tausendjährige Reich. Um das zu belegen, bietet sich das Thema Islam und Islamismus an. Gerade vorige Woche wurde offenbar, dass die AfD dazu in Zukunft deutlich radikaler auftreten will. Widerspruch von Gauland? Keiner. Das verwundert allerdings, formulierte derselbe doch im Jahr 2002 noch:

„Mit dem Islam steht uns nach der Säkularisierung des Westens und dem Untergang des Kommunismus die letzte große geschlossene Kraft gegenüber, die wir in ihrem Eigenwert respektieren und der wir ein Recht auf autonome Gestaltung ihres Andersseins zugestehen müssen.“

Und auch in der Wiedergabe eines Gedankens von Botho Strauß schwingt Bewunderung mit:

„Dass jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten, wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.“

Oha, das hört sich ja fast an, als sei Alexander Gauland ein Terroristenversteher. Genau der Alexander Gauland, der in seinen immer etwas gestrig wirkenden Karo-Sakkos in Talkshows sitzt und die „Blutopfer“ islamistischer Attentäter beim Anschlag auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Frankreich nutzt, um der islamfeindlichen Pegida-Bewegung Legitimität zuzusprechen. Oder vielleicht auch nicht mehr inzwischen, das weiß man bei der AfD ja nie so genau. Das kann doch eigentlich gar nicht sein, muss man denken. Die Textstelle lässt sich doch auch ganz anders interpretieren. Man muss in Gaulands Buch allerdings nicht lange suchen, um genau diese Sicht bestätigt zu bekommen. Die Terroristen von Paris müssten nach seiner Diktion von 2002 nicht zuerst als Täter, sondern vielmehr als Opfer gesehen werden – und zwar als Opfer der westlichen Moderne:

„Wenn die westliche Welt einen so unvorstellbaren Hass auslöst, muss sie sich fragen, ob wirtschaftliche Modernisierung immer auch ein Stück kulturelle Überwältigung sein muss oder ob es sanftere Methoden der Anpassung gibt, die das Selbstbewusstsein der davon Betroffenen schonen.“

Was interessiert das Geschwätz von gestern?

Man muss sich das noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein vermeintlich konservativer Politiker stellt eine direkte Verbindung zwischen der Globalisierung und islamistischem Terror her. Gaulands Feind ist dabei nicht der vermeintliche militärische „Imperialismus“, sondern alleine der wirtschaftliche. Nun möchte man wiederum glauben, dass man Gauland vielleicht einfach nur falsch verstanden hat – solche Erklärungsansätze hörte man ansonsten doch eher von radikalen Linken, und nicht aus der konservativen Ecke. Aber auch was das angeht, muss man nicht weit blättern, um eines Besseren belehrt zu werden.

„[…] indem wir Markt und Menschenrechte in unserem Sinne zu den unveräußerlichen Werten der einen Welt erklären, haben wir den Islam in die Rolle des Altmodischen, Abgestorbenen, Überlebten gedrängt. Nicht die kulturelle Eigenständigkeit, sondern seine angebliche Rückständigkeit ist das Thema unseres aufgeklärten säkularen Denkens.“

2015, das sei kurz erwähnt, sieht Gauland auch das übrigens ganz anders. In der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ stellte er nämlich fest: „Der Islam ist aber keine säkularisierte Religion und hat die Aufgabe noch vor sich.“ Aber was interessiert auch das dumme Geschwätz von gestern, nicht wahr? Das gilt auch in Bezug auf das Thema Tabus. Der Alexander Gauland von heute steht damit einmal mehr gegen den Alexander Gauland von 2002, der sagte:

„Das Problematische an der modernen Vorstellung von Fortschritt besteht darin, dass dieser durchweg mit dem Sprengen von Fesseln, dem Beseitigen von Schranken, dem Abschaffen von Dogmen assoziiert wird. Die konservative Reaktion dagegen muss eine Entwicklung zu mehr festen Überzeugungen, zu mehr Tabus und Dogmen sein.“

Es geht auch ohne Tabus

Das ist insofern interessant, als die AfD sich genau damit zu profilieren versuchte, keinerlei Tabus anerkennen zu wollen. Hinter dem szenetypischen „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ verbirgt sich ebenso der Angriff auf jegliche Art von Tabu wie hinter der Spiegelfechterei um die Meinungsfreiheit an sich. Tabus braucht es also nur da, wo man den Liberalismus zurückdrängen möchte. Ansonsten geht es auch ganz gut ohne. Frei nach dem Motto: Ich mag die neuen Tabus nicht, gib mir meine alten zurück. Das nennt man dann wohl Utilitarismus. Und der ist bekannterweise: das genaue Gegenteil von Konservativismus.

Das war noch lange nicht alles: Morgen gibt es mehr an gleicher Stelle.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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